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Brücken bauen im Mercedes-Benz-Werk
15.06.2016 - 00:00 Uhr
Gaggenau (nie) - Dass im Mercedes-Benz-Werk Autoteile gefertigt werden, das ist bekannt. Dass dazu nun noch Brücken gebaut werden, das ist neu. Diese Brücken werden seit März für zehn Flüchtlinge aus Pakistan und Syrien im sogenannten "Brückenpraktikum" gebaut. Für insgesamt 14 Wochen - Ende ist am 17. Juni - bestand ihr Alltag aus jeweils 3,5 Stunden Deutschunterricht und Produktionsarbeit.

Zählt man beide Teile zusammen und addiert noch eine Pausenzeit hinzu, so errechnet sich für die Flüchtlinge ein Arbeitstag mit einer durchschnittlichen Länge. Genau das sollte erreicht werden: Integration im Sinne einer Gewöhnung an den Arbeitsalltag - Brücken für den Weg ins "echte" Arbeitsleben bauen.

Dafür haben die Bundesagentur für Arbeit und die Daimler AG das Projekt "Brückenpraktikum" konzipiert. Das Werk gab Prämissen vor, die Arbeitsagentur wählte aus: Flüchtlinge mit einem gewissen Maß an Deutschkenntnissen und Interesse an der Produktionsarbeit galten als Wunschkandidaten. Die Auswahl in Gaggenau ist geglückt, denn die Koordinatorin des Projekts, Bianca Kleiner, schaut positiv auf die vergangene Zeit: "Wir haben mit zehn Praktikanten begonnen und enden mit zehn: Keiner ist abgesprungen, wir hatten keine Probleme."

"Zwischen Midia und mir hat die Chemie sofort gestimmt", berichtet Patin Rosina Kugler über die Zusammenarbeit mit der einzigen Frau unter den Praktikanten. Zwar spricht Midia (noch) kein perfektes Deutsch, sie verstehe aber alles.

Kugler ist eine der sogenannten Paten: Mitarbeiter des Werks, die für die Neulinge direkte Ansprechpartner am Arbeitsplatz sind. Hier konnte dann auch gleich die deutsche Sprache, die im täglichen Deutsch-Kurs gelernt wurde, praktisch angewendet werden.

Praktikum öffnet Türen zur Arbeitswelt

"Wenn man sich den ganzen Tag an der Maschine gegenüber steht, wäre es auf Dauer ohne Unterhaltung langweilig geworden", berichtet Patin Birgit Scherer-Lang, und Praktikant Abdul Razzak B. sagt, er habe hier nicht nur das Wort "schwätzen" gelernt, sondern dies mit den "sehr netten" Kollegen auch getan.

Hans Wiechert von KMP- Sprachservice leitet die Sprachkurse im eigens eingerichteten Klassenzimmer und bringt den Praktikanten mit Hilfe von Plakaten, Flipcharts und Hörverstehen-Aufgaben, ihrem Niveau entsprechend, die deutsche Sprache bei.

Neben dem Knüpfen sozialer Kontakte haben die Flüchtlinge Arbeitserfahrung zu gleichen Teilen in den Bereichen der Achsmontage und der Wandlerfertigung gesammelt und werden hierfür auch entlohnt: Sechs Wochen lang bezahlt die Arbeitsagentur nach Mindestlohn, acht Wochen lang der Daimler-Konzern.

Während ihres Praktikums sind die Teilnehmer des Projekts zwar keine vollwertigen Facharbeiter, haben sich aber in Dingen wie Pünktlichkeit, Arbeitszeiten, Nutzung der Maschinen oder Krankmeldungen wie Stammkräfte zu verhalten. "Das Projekt soll der Qualität unserer Arbeit in keiner Weise schaden": Koordinatorin Kleiner stellt klar, dass man sich bei Problemen mit den Praktikanten von eben diesen wie von jedem anderen Mitarbeiter auch getrennt hätte.

Bei der Abschlussveranstaltung am Freitag erhalten die Praktikanten sowohl ein Arbeitszeugnis mit Beurteilung als auch ein Zertifikat, in dem das Sprachniveau angegeben wird. Außerdem werden zwei Speditionen und zwei Zeitarbeitsfirmen anwesend sein, um den Flüchtlingen den direkten Kontakt zu Firmen zu bieten, die ihnen gegebenenfalls einen Job anbieten können.

Midia und Abdul Razzak werden die Kollegen vermissen, sagen aber selbst, dass sich für sie durch die Zeit bei Daimler eine große Tür für ihre Zukunft geöffnet habe.

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