Immerhin das Jesuskind hat einen kostenlosen Krippenplatz
Immerhin das Jesuskind hat einen kostenlosen Krippenplatz
19.12.2016 - 00:00 Uhr
Von Margrit Haller-Reif

Gaggenau - Eigentlich sieht er völlig harmlos, um nicht zu sagen brav aus. Wären da nicht seine signalroten Schuhe. Ein optisches Indiz, dass dieser Bursche es faustdick hinter den Ohren haben könnte. Hat er: Heinrich Del Core, ein Italo-Schwabe auf beständigem Erfolgskurs, seit er dem Beruf des Zahntechnikers die Berufung zum Kabarett-Comedian vorzog. Überwältigender Erfolg war ihm auch in der ausverkauften klag-Bühne beschieden, wo er mit seinem Programm "Alles halb so wild" ein gewaltiges Lachbeben auslöste.

Selbst "in der Höhle des (badischen) Löwen" wickelte Del Core sein Publikum sekundenschnell um den Finger. Und strafte zunächst alle potenziellen Zweifler Lügen, was die "erotisierende" Wirkung des Schwäbischen angeht. Wenn auch mit Abstrichen im Norden, denn in Hannover stieß seine Zeitansage "Fünf vor drei viertel zwölf" auf merkliche Irritationen. Ein Widerspruch in sich sind auch heiterkeitsschwangere Sätze wie "Kommed, mir ganged" oder "Fahr mol langsam schneller".

Ob schwäbischer Dialekt oder schwäbische Mentalität, verzahnt mit der Sichtweise eines "Rest-Italieners" entwickelt sich daraus ein eigener kleiner Unterhaltungskosmos, in dem es nur so wimmelt von skurrilen Geschichten mitten aus dem ganz normalen Leben und Begebenheiten, wie sie jede/r kennt. Heinrich Del Core schöpft aus dem Vollen und aus seinen detailgenauen Beobachtungen. Plastisch überzeichnet wird eine simple Alltagssituation zum gelächtertriefenden Ereignis.

Seine bildgewaltigen Schilderungen mutieren zur Sightseeingtour durch sattsam vertraute Verhaltensweisen. Beispielsweise an Weihnachten, wo unter Ehepaaren fest vereinbart wurde "Mir schenked uns nix!" Mit dem Ergebnis, dass Mann einmal mehr mit Socken und einem Schlafanzug "beglückt" wird. Und der versehentlich ausgedruckte Notbehelfsgeschenkgutschein für Frau eine leider nur einseitige (!) Brustvergrößerung vorsieht. Die traditionelle Weihnachtsgeschichte in Kurzform siedelt Del Core zwar am verbrieften Ort, aber bei einer zeitgemäßen "Patchworkfamilie" an. Mit Maria als (beinahe) alleinerziehender Mutter, Josef, der sich nicht als Vater outen darf, und einem befristeten Wohnplatz im Stall. Immerhin war der Krippenplatz für den kleinen Jesus kostenlos.

Del Cores verbale Szenarien sind von Leichtigkeit, spitzbübischem Charme und unbändigem Sprachwitz geprägt. Das kommt nicht von ungefähr. Die italienische Leichtigkeit ist ihm väterlicherseits in die Wiege gelegt worden. Die Gründlichkeit seiner minutiösen Betrachtungsweise könnte durchaus etwas mit seiner schwäbischen Mutter zu tun haben. Saukomisch sind seine Geschichten allemal, auch jene mit familiärem Hintergrund.

So verknüpft er etwa eine Urlaubsfahrt im behäbigen Opel Ascona zu den Verwandten in Italien mit dem Vergleich einer High-Tech-Karosse von heute: Hochgeschwindigkeitsaschenbecher, Mittelarmlehne ("Habed Sie einen Mittelarm?"), Fahrt verhindernde Alkoholsensoren. Zum Schreien fällt die natürlich hochprofessionelle Beschreibung eines Zahnarztbesuches aus - umso mehr, als sich diese auch aus Patientensicht verdammt nah an der Realität bewegt.

Situationskomik und Sprachwitz

Eine mitreißende Bühnenpräsenz weist ihn als geborenen Stand-up-Comedian aus, der mit augenzwinkerndem Schalk zusätzlich punktet. Eine Pointe jagt die nächste, eine Lachattacke die andere. Viel Zeit zum Luftholen bleibt da nicht, selbst die eine oder andere Plattitüde fällt unter diesen Umständen kaum ins Gewicht. Del Core spurtet rasant von absurden Häuslebauer-Missgeschicken zur ärztlichen Diagnose "Wanderhoden" ("Ist der gerade auf dem Jakobsweg oder beim Nordic Walking?"). Gefolgt von einer Flugreise mit weiblichem "Übergewicht" und einem Ausblick auf sein neues Programm zum Thema Thermomix.

Situationskomik und sprachwitzige Erzählkunst tanzen übermütig Polka. Und die schönsten Geschichten schreibt ja bekanntlich das Leben. Bei diesem Kabarett-Comedian sind sie noch schöner, weil umwerfend komisch. Del Core ist sowohl das personifizierte Entspannungsrezept gegen den Vorweihnachtsstress als auch die perfekte Einstimmung auf weihnachtliche Rituale. Und wer weiß: In Erinnerung an seinen assoziationsreichen Anschauungsunterricht gerät vielleicht ja sogar der nächste Zahnarztbesuch erstmals zum einigermaßen unbeschwerten Pflichttermin.

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