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Friseurläden in der Stadt ein haariges Thema
Andrea Rapp will mit 'guter Handarbeit auftrumpfen. Aber das wird angesichts mancher Dumpingpreise immer schwerer', bekennt die Salon-Besitzerin.  Foto: Metz
04.01.2017 - 00:00 Uhr
Von Hartmut Metz

Gaggenau - Langsam wird's haarig: In der Innenstadt, entlang der Hauptstraße, reiht sich auf einem Kilometer fast ein Coiffeur an den anderen. Zu der knapp zweistelligen Zahl gesellen sich links und rechts der Flaniermeile in kurzer Laufzeit weitere hinzu. 35 Friseurläden listet allein das Online-Telefonbuch in Gaggenau auf - und einige stehen dort erst gar nicht drin. "Das sind zu viele! Das sagt jeder Friseur hier", weiß Andrea Rapp, die über der Murg beim "Christoph-Bräu" ihren Salon "Einfach Ich" betreibt, aus Gesprächen mit Kollegen.

Ja, "die Leute machen sich schon lustig darüber", erzählt sie weiter. Tummeln sich in Gaggenau und seinen Stadtteilen wohl an die 40 selbstständige Coiffeure, findet sich in Rastatt eine ähnliche Zahl - nur, dass die Festungsstadt 48000 Einwohner zählt, während die Murgtal-Metropole auf lediglich 29000 kommt. Macht etwa 725 Bürger je Friseurladen statt 1200 in Rastatt. Im Bundesdurchschnitt pendelte sich die Zahl der Salons "seit 2014 bei etwa 80700 ein", berichtet Dr. Rebecca Kandler, Chefredakteurin von "Top Hair International" - ergibt also deutschlandweit rund 1000 Kunden pro Salon. Dass das führende Branchenblatt seinen Sitz nah an vielen Kunden in Gaggenau hat, verwundert Kandler trotzdem nicht allzu sehr: "Friseure ballen sich ähnlich wie Optiker in Städten."

Die Dauerwelle an Friseuren schwappte in den vergangenen Jahren so stark ins Murgtal, dass die hohe Zahl selbst die Betroffenen erstaunt. "So viele?", zeigt sich Walid Abdi als einer der jüngsten Neuzugänge in der Hauptstraße überrascht. Im Plausch mit einem Kunden im "Salon Starlife" tippt der Barbier von Gaggenau eher auf 25. "An die 40 sind auf jeden Fall zu viel", meint Abdi, der vor zwei Jahren eröffnete. Er ist mit der Entwicklung seines Geschäfts zufrieden. "Wir haben einen guten Ruf und viele Stammkunden", sagt er und ahnt, "dass mancher von der Hand in den Mund lebt, wenn ich sehe, wie viel Kundschaft in den Läden sitzt. Als Inhaber hat man viele Ausgaben: Strom, Wasser, Miete, Steuern und zwei, drei Angestellte."

In dieselbe Kerbe schlagen Elli Halilaj und Tanja Döppel. "Jeder hat feste Kosten. Die zu verdienen, das ist hier in der Hauptstraße schon hart mit seinen an die zehn Salons." Döppel arbeitet seit 14 Jahren selbstständig und machte "Cut-in" vor fünf Jahren im Zentrum auf. Wie Halilaj und Döppel versucht Andrea Rapp, "mit guter Handarbeit aufzutrumpfen. Aber das wird immer schwerer. Ich weiß nicht, wie sich mancher mit den Dumpingpreisen halten kann. Es gilt schließlich der Mindestlohn. Der Kuchen bleibt gleich, die Zahl der Kunden wächst ja nicht" - zumal manchem treuen Mann die Gründe für einen gepflegten Haarschnitt ausgehen.

"Gaggenau nennt man aus gutem Grund die Stadt der Friseure", stellt schräg gegenüber vom "Cut-in" Katharina Kottler fest, "ohne Stammkunden ist es schwierig. Man muss wieder rasch zumachen." Die Angestellte bei "Haarstil Johanna" profitiert als Filiale vom Hauptgeschäft, das in Steinbach seinen Sitz hat.

Mehrere Coiffeure berichten, dass sie sich angesichts der fatalen Situation an die Stadt wandten - die Verwaltung findet indes kein Haar in der Suppe und sieht keinerlei Handhabe. "In Spanien gibt es Regelungen, wie viele Bäcker oder Friseure sich ansiedeln dürfen. Das wäre bei uns auch wünschenswert", verweist Döppel auf das Beispiel in Südeuropa.

Thiele wachsen keine grauen Haare

Michael Thiele wachsen deswegen keine grauen Haare: "Auch wenn mir natürlich nur 15 Salons in Gaggenau lieber wären, haben wir die Soziale Marktwirtschaft - und es gibt eben keine Beschränkungen wie bei Apothekern oder Schornsteinfegern." Das Problem löse sich wohl oft von alleine, weil mancher angesichts der hohen Fixkosten und der eigenen Dumpingpreise in die "gesicherte Armut" marschiere und weniger verdiene als ein angestellter Figaro. Ausgaben für "ein Seminar für 300 Euro muss man erst einmal verdienen. Dann wird am Material gespart und der Herrenschnitt in 15 statt 30 Minuten erledigt. Auch wenn der Kunde das zunächst nicht beachtet, ist das eine gefährliche Gemengelage", warnt Thiele.

Tendenz zu Ein-Mann-Betrieben

Immerhin: "Die Tendenz zu Billigketten, die den Haarschnitt für zehn Euro erledigen, flacht ab", stellt Chefredakteurin Kandler fest. Ohnehin sieht sie wie Thiele, der seit 26 Jahren sein Handwerk in Sandweier und in Gaggenau betreibt, keine Flut an neuen Friseusen - im Gegenteil, es finden sich gar immer weniger Auszubildende, berichtet Döppel. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Coiffeure liegt relativ stabil bei etwa 145000. Die vermeintliche Vermehrung der Branche ist daher eigentlich mehr eine Haarspalterei im wörtlichen Sinne: "Hatten die Geschäfte vor 20 Jahren durchschnittlich fünf Mitarbeiter, sind es heute nur noch zwei", schätzt Thiele. Kandler bestätigt ihn: "Früher waren es oft vier bis fünf Leute. Die Tendenz geht inzwischen zu kleineren Geschäften und Ein-Mann-Betrieben."

Seit der Jahrtausendwende schnellte laut dem Statistikportal Statista.de deshalb die Zahl der Friseursalons von 63317 um mehr als ein Viertel nach oben auf 80700 im Jahr 2015. Hält der Trend an, wäre es daher wenig verwunderlich, wenn in der Gaggenauer Kernstadt ein weiterer Friseurladen seine Pforten öffnet ...

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