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"Der Wohnungsmarkt ist heiß umkämpft"
Carmen Merkel ist Leiterin des Fachbereichs Gesellschaft und Familie bei der Stadt Gaggenau. Sie koordiniert die Hilfe für Flüchtlinge und Migranten. Foto: Stadt Gaggenau
09.01.2017 - 00:00 Uhr
Gaggenau - Die Stadtverwaltung sucht Wohnraum für anerkannte Flüchtlinge. Über die derzeitige Situation unterhielt sich BT-Redakteur Thomas Senger mit Carmen Merkel. Sie ist zuständig für die Koordinierung der Flüchtlingshilfe und Ansprechperson für die Ehrenamtlichen in der Stadt Gaggenau.

BT: Frau Merkel: Wie sieht es im Moment in Gaggenau aus?

Carmen Merkel: Bekanntlich haben wir in Bad Rotenfels die Gemeinschaftsunterkunft des Landkreises. Dort sind im Moment rund 100 Menschen untergebracht. Wir als Kommune sind für die Anschlussunterbringung zuständig und haben knapp 300 Geflüchtete auf alle Ortsteile und die Kernstadt verteilt.

BT: Das ist sicher nicht ganz einfach.

Merkel: Im Jahr 2015 ging es darum, für alle ein Dach über dem Kopf zu finden. Vergangenes Jahr lag der Schwerpunkt unserer Arbeit darin, die Menschen zu integrieren. Viele machen bereits einen Sprachkurs und möchten möglichst bald Arbeit finden. Eine unschätzbare Hilfe ist dabei die Unterstützung durch Ehrenamtliche. Ohne sie wären viele Angebote nicht möglich.

BT: Gibt es denn genügend Ehrenamtliche in Gaggenau?

Merkel: Ja, die Zahl der Ehrenamtlichen hat sich vergangenes Jahr sogar noch erhöht. Es gibt in jedem Ortsteil Ehrenamts-Gruppen, die sich und ihre Angebote selbst organisieren. Leider wird mir immer wieder von Einzelnen zugetragen, dass sie sich im privaten Umfeld für ihr ehrenamtliches Engagement rechtfertigen müssen. Aber zum Glück sind alle mit viel Herzblut bei der Sache und lassen sich von solchen Fragen nicht irritieren. Vielleicht finden wir in diesem Jahr noch weitere Engagierte, die uns ehrenamtlich unterstützen.

BT: Wer bestimmt denn, wer als Ehrenamtlicher angenommen wird und wer nicht?

Merkel: Alle, die sich ehrenamtlich einbringen möchten, sind herzlich willkommen. Da die meisten Ehrenamtlichen im Rahmen ihrer Aktivitäten auch mit Kindern Kontakt haben, verlangen wir allerdings ein Führungszeugnis.

BT: Wie lange werden die Flüchtlinge von der Stadt untergebracht?

Merkel: Hier gibt es keine zeitliche Einschränkung. Ziel und Wunsch ist allerdings, dass die Menschen möglichst bald auf eigenen Füßen stehen und auf dem privaten Markt eine Wohnung finden. Von uns werden sie verdichtet untergebracht. Es kann also durchaus sein, dass sich zwei Familien eine Wohnung teilen müssen. Da liegt es nahe, dass die meisten möglichst schnell ausziehen möchten.

Interview

BT: Sind Privatvermieter bereit, direkt an Flüchtlinge zu vermieten?

Merkel: Leider nur wenige. Der Wohnungsmarkt ist heiß umkämpft, und die Chancen sind für Flüchtlinge dadurch nicht besser. Die Ehrenamtlichen berichten mir immer wieder, dass Vermieter sofort ablehnen, wenn sie hören, dass für eine Flüchtlingsfamilie gesucht wird. Schlimm für die Betroffenen waren auch zwei Fälle, bei denen es mündliche Zusagen gab und kurz vor Abschluss des Mietvertrags die Vermieter einen Rückzieher machten.

BT: Warum?

Merkel: Wir vermuten, dass negative Reaktionen des privaten Umfelds der Vermieter dazu führten, dass diese sich nicht mehr getraut haben. Ein paar wenige Flüchtlinge hatten jedoch Glück und haben auf dem privaten Markt eine Wohnung gefunden.

BT: Diese Reaktion ist nicht ganz unverständlich - angesichts der jüngsten Ereignisse.

Merkel: Da gebe ich Ihnen recht. Allerdings sollten wir nicht hinter jedem Geflüchteten einen Terroristen oder Verbrecher vermuten. Die Menschen sind in unser Land gekommen, weil sie vor Krieg und Verfolgung Schutz suchen. Dass dabei auch schwarze Schafe sein können, ist uns immer bewusst gewesen. Umso wichtiger ist es daher, dass die Behörden länderübergreifend besser zusammen arbeiten und abgelehnte und ausreisepflichtige Asylbewerber konsequent zurückgeführt werden.

BT: Was sagen Sie einem besorgten Vater von heranwachsenden Töchtern, in dessen Nachbarschaft zehn junge Männer aus Nordafrika einziehen werden?

Merkel: Das ist eine fiktive Frage, die sich im Moment nicht stellt. Wir haben unser Aufnahme-Soll im Rahmen der Anschlussunterbringung mehr als erfüllt.

BT: Angenommen, man vermietet eine Zweizimmer-Wohnung an einen jungen Mann. Dieser holt seine mehrköpfige Familie nach. Muss der Vermieter diese aus seiner Sicht Überbelegung dulden?

Merkel: Es gelten dieselben Rechte und Pflichten wie bei jedem Privatmietverhältnis. Das heißt, der junge Mann müsste vorab die Zustimmung des Vermieters einholen. Wenn der Einzug der mehrköpfigen Familie - unter Zugrundelegung der bei uns üblichen Verhältnisse - eine Überbelegung darstellen würde, hat der Vermieter das Recht, den Einzug zu verweigern.

BT: Eine Residenzpflicht besteht in der Anschlussunterbringung nicht. Also könnten auch Vermieter aus anderen Kommunen der Stadt Gaggenau helfen?

Merkel: Es besteht keine Residenzpflicht, aber wir erteilen den Asylbewerbern ab dem Zeitpunkt der Anerkennung eine Wohnsitzauflage von drei Jahren. Diese bezieht sich auf die Stadt Gaggenau, es kann also auch keine Wohnung in einer Nachbarkommune angemietet werden.

BT: Warum?

Merkel: Wir erteilen die Wohnsitzauflage auch deshalb, weil wir für die Schaffung notwendiger Infrastruktur wie Wohnraum, Kindergarten- oder Schulplätze eine gewisse Planungssicherheit brauchen. Gäbe es die Wohnsitzauflage nicht, würden sich die meisten Flüchtlinge in Ballungsräumen ansiedeln. Der Integration wäre dies nicht unbedingt förderlich. Die Wohnsitzauflage gilt dann nicht mehr, wenn eigenes Einkommen in einer bestimmten Höhe erzielt wird.

BT: Vermieten Sie selber an Migranten?

Merkel: Das könnte ich mir durchaus vorstellen. Ich wohne jedoch im Einfamilienhaus, da steht kein Wohnraum zur Vermietung zur Verfügung.

BT: Was wünschen Sie sich für dieses Jahr?

Merkel: Ich wünsche mir, dass die Menschen in Gaggenau weiterhin so offen ihren neuen Mitbürgerinnen und Mitbürgern begegnen. Auch wenn es zu Beginn viel Skepsis und viele Ängste gab - oder auch noch gibt - so überwiegen doch die positiven Erlebnisse und Erfahrungen.

Carmen Merkel ist zu erreichen unter c.merkel@gaggenau.de, (07225)962606.

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