"Ich habe es auch als Härtetest gesehen"
'Im Murgtal ist es deutlich ruhiger': Naturpark-Schulleiter Benjamin Matzelsberger ist seit gut einem halben Jahr in Hilpertsau und fühlt sich dort sehr wohl. Foto: Gareus-Kugel
11.01.2017 - 00:00 Uhr
Von Veronika Gareus-Kugel

Gernsbach - "Es war mein Wunsch, meinen Beruf in allen Facetten kennenzulernen." Benjamin Matzelsberger ist seit mehr als 100 Tagen Schulleiter der Naturparkschule Hilpertsau. Seine erste Tätigkeit als Lehrer führte ihn nach Berlin. Dort wirkte er zwei Jahre an der Otto-Wels-Grundschule in Kreuzberg, einer Brennpunktschule. Er wollte vermeintliche Extreme erfahren - die "Rütli-Schule" brannte sich ins kollektive Gedächtnis, 2006 war sie bundesweit als Berlins schlimmste Schule gegeißelt worden. "Ich habe es damals auch als Härtetest gesehen", blickt Matzelsberger zurück.

Studiert hat der 30-Jährige Biologie, Deutsch und evangelische Religionslehre, zuerst in Schwäbisch Gmünd, später in Karlsruhe. Während des Referendariats war er unter anderem an seiner alten Grund- und Werkrealschule in Ulm tätig. In Berlin bewarb er sich auch deswegen, weil es zu diesem Zeitpunkt in Baden-Württemberg schwierig war, eine freie Lehrerstelle besetzen zu können.

Heute bezeichnet der Naturparkschulleiter sein Engagement an der Otto-Wels-Schule als großes Glück, "mit erfahrenen und hochmotivierten Kollegen an einer tollen Schule zu unterrichten". Ergänzend fügte er hinzu: "Das Erste, was ich dort gelernt habe, war: Je schwieriger die Schulsituation ist, desto wichtiger ist die Zusammenarbeit im Kollegium. Man hat nicht als Einzelner Erfolg, sondern nur als Teamplayer. Das hat die Schule gut geschafft."

Rund 560 Schülerinnen und Schüler, von der ersten bis zur sechsten Klasse, werden an der Otto-Wels-Grundschule unterrichtet. Das Land Berlin setzt - anders als in Baden-Württemberg - auf eine längere Grundschulzeit. Erst nach der sechsten Klasse erfolgt ein Wechsel der Kinder in die Oberschule oder das Gymnasium.

Laut Statistik werden an der früheren Wirkungsstätte des Hilpertsauer Schulleiters zirka 18 Nationalitäten unterrichtet. 95 Prozent besitzen einen Migrationshintergrund. Die allermeisten Schüler sind türkischer oder arabischer Herkunft. Deutsch ist somit selten die Muttersprache. Ein sehr hoher Anteil der Eltern bezieht Transferleistungen. "Eigentlich war es nicht so viel anders als anderswo", stellt Matzelsberger dennoch fest, als er nach Unterschieden gefragt wird: "Ich habe mich dort gleich wohlgefühlt."

Den täglichen Gewaltvorkommen sei die Schulleitung mit Souveränität begegnet. Die Qualität der Gewalt drückt sich dort in einer stärkeren Aggression aus. Die Hemmschwelle ist niedrig, die Kinder sind sehr temperamentvoll. "Oft genügt ein kleiner Anlass, um manche hemmungslos agieren zu lassen. Es gab auch Eltern, die schreiend und tobend vor einem standen. Der Schulleitung ist es jedoch stets gelungen, sie alle zur Ruhe zu bringen", erzählt Matzelsberger. Seine Vorbilder sind die inzwischen pensionierte Otto-Wels-Schulleiterin Christiane Steimer-Ruthenbeck und Konrektorin Brunhilde Focke. Beide schafften nach Meinung Matzelsbergers den Spagat zwischen Empathie und Konsequenz. Die andere Komponente sei der Zusammenhalt des 60-köpfigen Kollegiums.

Eine weitere Erfahrung, die der Bayer an der Berliner Schule machte, hat mit der Begeisterungsfähigkeit der Schulkinder für das von ihm unterrichtete Fach Naturwissenschaften zu tun. Die nach seiner Aussage für das Fach deutlich größer ausfällt als an anderen Schulen. Auch weil die Kinder vom Elternhaus häufig keine Gelegenheit bekommen, die Natur selbst zu erfahren. Die Grundlagen dafür legte der Lehrer im Rahmen eines kleinschrittigen und handlungsorientierten Unterrichts, der die Kinder eigene Erfahrungen machen lässt.

"Im Murgtal ist es deutlich ruhiger"

"Im Murgtal ist es dagegen deutlich ruhiger", zieht der Schulleiter den Vergleich. Auch der Leistungsstand der Hilpertsauer Schüler sei höher angesiedelt als bei vergleichbaren Schülern in Berlin. "Ein Teil der vierten Klasse kann durchaus mit dem Wissensstand, was Allgemein- und Fachwissen angeht, dortiger Sechstklässler mithalten", meint Schulleiter Matzelsberger. Auch die Elternmitarbeit sei prozentual höher als in Berlin. Konflikte würden hier auf dem Schulhof zum Glück noch nicht mit roher Gewalt ausgetragen.

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