Die Meise bereitet Kopfzerbrechen
Vergebliches Warten auf den Dompfaff oder einen Kernbeißer: Stefan Eisenbarth registriert aufmerksam die Vögel im Gernsbacher Kurpark.  Foto: Uebel
12.01.2017 - 00:00 Uhr
Von Dagmar Uebel

Gernsbach - Bereits im Vorjahr haben sich mehr als 93000 Menschen an der "Stunde der Wintervögel" beteiligt. Am vergangenen Wochenende dürfte die Zahl der Teilnehmer erstmals in den sechsstelligen Bereich geklettert sein, glaubt der Naturschutzbund Deutschland (NABU). Bei der siebten bundesweiten Aktion hat sich auch der Gernsbacher Stefan Eisenbarth wieder beteiligt.

Die aktuellen Zahlen der Beobachtungen in den wohl mindestens 65000 Gärten und Parks liegen noch nicht vor. 2016 waren Meldungen über mehr als 2,5 Millionen Vögel eingegangen. Der Spatz (Haussperling) ergatterte damals den Spitzenplatz als häufigster Garten-Wintervogel vor Kohlmeise, Blaumeise, Feldsperling und Amsel. Die Fachleute machen sich Sorgen, dass 2017 deutlich weniger Tiere ermittelt werden: "Uns erreichen seit dem Spätherbst aus unterschiedlichen Landesteilen besorgte Anrufe, weil sich ungewohnt wenig Vögel zeigen", berichtet NABU-Vogelexperte Stefan Bosch und ergänzt, "zudem dürfte sich der aktuelle Kälteeinbruch in den Beobachtungen niederschlagen."

Umso wertvoller sei die Datenerfassung bei der Mitmachaktion. Erst der Langzeitvergleich mache es möglich, Entwicklungen in der Vogelwelt zu identifizieren und damit eine wichtige Grundlage für Maßnahmen zum Schutz der Artenvielfalt zu liefern. Obwohl die Auswertung noch bis zum Montag andauert, scheint sich ein seit Jahren beobachteter Trend zu bestätigen: Besonders die Anzahl der beobachteten Grünfinken, Kernbeißer und sämtlicher Meisenarten ist spürbar zurückgegangen. "Kalt erwischt" hat es laut Bosch auch eine ganze Reihe von Zugvögeln, die normalerweise im Mittelmeerraum überwintern, sich bisher aber den Flug in den Süden gespart haben. Jetzt müssen Stare, aber auch Hausrotschwanz und Zilpzalp schauen, wo sie Nahrung finden.

Zersiedlung zerstört Artenvielfalt

Nicht wegen des sonnig-verschneiten Bilderbuchwetters machte sich Stefan Eisenbarth auf den Weg in den Gernsbacher Kurpark. Gut bemützt und beschuht stand der langjährige CDU-Gemeinderat im Park, die Augen immer wieder auf die nahen Bäume gerichtet. Für den ehrenamtlichen Storchenbetreuer und Amphibienretter, dem der Natur- und Artenschutz von jeher ein Anliegen ist, war die Beteiligung an der diesjährigen NABU-Aktion selbstverständlich. Und nicht nur, wenn er typische Vogelstimmen hörte, suchte er mit einem Blick durch sein Spezialobjektiv mit geschultem Auge nach den dazugehörigen Tieren. Innerhalb einer Stunde trug er einen Buntspecht, zwei Amseln, eine Rabenkrähe, eine Ringeltaube, ein Rotkehlchen und sechs Buchfinken in seine Beobachtungsliste ein.

Einen Grund dafür, dass er nicht eine Schwanzmeise, weder Dompfaff, Eichelhäher noch Kernbeißer beobachten konnte, sieht Eisenbarth in der immer weiter zunehmenden Umgestaltung der Natur für Verkehrs- und Siedlungsflächen. Im Kleinen spielt das sich verbreitete Anlegen von Kiesgärten, aber auch der Befall nicht weniger Amseln durch das Usutu-Virus eine Rolle. Den Grünfinkenbestand dezimieren zudem tödlich wirkende einzellige Parasiten.

Schon nach dem ersten Beobachtungstag wurden in 7000 deutschen Gärten und Parks rund eine Viertelmillion Vögel gezählt: ein neuer Aktionsrekord. Weniger erfreulich fällt allerdings die Bestandsentwicklung bei einer ganzen Reihe von Arten aus. Das klare Minus bei sämtlichen Meisen hat sich dabei ebenso verfestigt wie die erneuten Rückgänge bei Grünfinken. Ein Minus von 30 bis 60 Prozent weisen Kohl-, Blau-, Hauben-, Tannen-, Sumpf- und Schwanzmeise derzeit auf. Das wurde sehr schnell deutlich. Die Amsel dagegen scheint bundesweit eher sogar im Aufwind zu sein. Ebenso deutlich sind die Rückgänge bei Erlenzeisig und Bergfink, zwei Invasionsarten, die in diesem Winter offensichtlich nicht so recht zum Zug kommen.

Vom Seidenschwanz dagegen weiß man, dass im Herbst ein recht früher Einflug aus Skandinavien nach Nord- und Nordostdeutschland erfolgt war. Dieser zeichnet sich zum jetzigen Stadium aber noch nicht in den Aktionsergebnissen ab. Doch bevor die Besorgnis allzu groß wird: Viele andere Arten scheinen im Normalbereich zu liegen. Weder Spatzen noch Rotkehlchen zeigen Auffälligkeiten.

Im Mai folgt "Stunde der Gartenvögel"

Mancher Vogelfreund wird am diesjährigen Zählwochenende vielleicht auch eine freudige Entdeckung gemacht haben: Die nur unregelmäßig aus dem hohen Norden nach Deutschland wandernden und exotisch anmutenden Seidenschwänze sind in diesem Jahr vermehrt unterwegs. Das Ausmaß dieses Einflugs wird sich aus den Zählergebnissen ablesen lassen. Nach bisherigem Kenntnisstand konzentrieren sich die Seidenschwänze bisher vor allem auf den Norden und Nordosten.

Ein Blick am Beispiel der Kohlmeise zeigt jedenfalls, dass der Rückgang regional sehr ungleich verteilt ist. Minus 35 Prozent sind es bundesweit, doch im Osten blieben die Beobachtungszahlen fast stabil, während nach Südwesten hin die Rückgänge bis zu 50 Prozent betragen. Exakteren Aufschluss über die Entwicklung soll die "Stunde der Gartenvögel" im Mai geben, denn diese findet ohne Gastvögel statt.

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