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Tückische "Schönheit der Knolle"
Paradiesische Zustände: Die Lebensmittelhändler bieten optisch nahezu perfektes Obst und Gemüse an.  Foto: dpa/BT-Archiv
10.06.2017 - 00:00 Uhr
Von Hartmut Metz

Gaggenau/Weisenbach - Der "Latte macchiato" hat zu lange im hinteren Eck des Kühlschranks geschlummert. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist bereits seit sechs Tagen überschritten. Den Becher aufgemacht, ein Blick darauf, kurz die Nase dran, die sich nicht rümpft - das Milchmixgetränk schmeckt wie immer. Doch nicht jeder ist so "wagemutig" und wirft manches Lebensmittel lieber weg. 88 Millionen Tonnen wandern allein innerhalb der Europäischen Union (EU) in den Müll.

Die EU-Kommission will diese Menge bis 2030 halbieren. Aktuell verschwendet jede Person durchschnittlich 173 Kilogramm Lebensmittel im Jahr. 44 Prozent davon seien Obst und Gemüse. Ein Drittel allein der deutschen Kartoffelernte (1,5 Millionen Tonnen) geht zum Beispiel schon auf dem Weg zum Handel oder in den Kellern der Verbraucher verloren, beklagen die Umweltschützer des WWF, weil "der Fokus auf der äußeren Schönheit der Knolle" liege. Letztlich verschwänden jährlich Waren im Wert von 235 Euro teilweise ungeöffnet in den Mülleimern. Eigentlich kaum vorstellbar für den eigenen Haushalt, oder? Gehen daher beim Lebensmittelhändler ums Eck am meisten Obst und Gemüse oder abendliche Backwaren (15 Prozent) verloren? Nein.

Die sieben Edeka-Märkte von Roland und Jochen Fitterer in der Region und der Rewe von Jan Klingenberg im Gaggenauer Magneten lassen sich einiges einfallen, um den Ausschuss so gering wie möglich zu halten - schließlich bedeutet jedes zu entsorgende Produkt Verlust. Im Idealfall landet es dann noch bei der Gaggenauer "Tafel", die die Frischware an den zwei Öffnungstagen für ein Fünftel bis Zehntel des ursprünglichen Preises an die Bedürftigen abgibt, berichtet "Tafel"-Leiter Josef Hartmann. Täglich holen Helfer bei Edeka, Rewe und Discountern wie Aldi, Penny, Netto und Lidl alles ab, was noch gut ist, aber nicht mehr verkauft werden kann oder darf. Zudem spenden "acht kleinere Bäckerei-Handwerksbetriebe aus dem Murgtal Brot und süße Stückchen", ergänzt Hartmann und schätzt, dass dadurch "100 bis 120 Tonnen an noch guten Lebensmitteln pro Jahr" nicht weggeworfen werden müssen.

Für die Händler ist das A und O im steten Kampf gegen die Verschwendung eine präzise Order der neuen Ware. "Wir schulen unsere Mitarbeiter permanent, um das zu optimieren", betont Fitterer. Dennoch sei manches besonders an Feiertagen schwer zu kalkulieren. Den Schwund von Obst und Gemüse beziffert er in einem seiner "Häuser auf zehn Prozent und durchschnittlich rund sechs Prozent". Der Edeka-Markt in Weisenbach liegt ausgezeichnet mit einem Verlust von nur 5,02 Prozent, ist der Chef dort besonders zufrieden mit seinen Mitarbeitern.

Ideale Warenbestellung per Software

Klingenberg lässt dagegen in seinem Rewe alles nur noch durch die Warenwirtschafts-Software regeln und ist begeistert: "Solch gute Prognosen kriegt der Mensch gar nicht hin! Das System sagt einem bis auf eine Stelle nach dem Komma, was geordert werden sollte", will der Gaggenauer die automatische Kalkulation angesichts von lediglich "zwei, drei Prozent Verlust bei Obst und Gemüse" nicht mehr missen. Allein beim Biosortiment läge der Anteil höher. "Wir haben daher gar nicht mehr so viel für die ,Tafel' übrig. Trotz des Feiertags waren es nur zwei Kistchen", erzählt Klingenberg.

Nähert sich bei Milchwaren das Mindesthaltbarkeitsdatum, reduziert der Kaufmann kurzerhand die Preise "um 30 Prozent. Dann geht das meiste schnell weg". Fitterer dagegen bietet noch eine kleine Ecke im Kühlregal an, wo bald ablaufendende Ware zum halben Preis zu haben ist. "Manche Kunden warten regelrecht darauf", bemerkt Roland Fitterer. Außerdem hat die Edeka-Zentrale in Offenburg ein "Internet-System entwickelt, über das wir Übermengen anderen Händlern anbieten können". Zudem plane man zeitig bei weniger verderblicher Ware schon Wochen oder Monate vorher Aktionen, um den Müllberg nicht erhöhen zu müssen.

Klingenberg sieht diesbezüglich auch den Verbraucher in der Pflicht. Die Aktion von Konkurrent "Penny", der krumme Gurken und zweibeinige Möhren anbietet und das bewirbt, lobt er als "gut". Zudem sollte der Kunde die Mindesthaltbarkeit nicht zu sehr auf die Goldwaage legen: "Ich entdeckte eine Flasche ,Hohes C' bei mir daheim, die im Dezember abgelaufen war - die schmeckte wie immer."

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