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Das Ende einer langen Familientradition
Inhaberin Inge Seyfarth (rechts) und Mitarbeiterin Heike Ullrich stehen vor gut gefüllten Regalen. Bis zur Geschäftsaufgabe Anfang August soll sich das möglichst ändern.  Foto: Fettig
10.06.2017 - 07:31 Uhr
Von Dennis Fettig

Gernsbach - Eine ältere Dame betritt das Schuhhaus Seyfarth in Gernsbach. "Ich suche Sommerschuhe", fällt die Kundin aus Hörden mit der Tür ins Haus. "Setzen sie sich erst mal hin, dann machen wir eine Modenschau", entgegnet Inhaberin Inge Seyfarth mit einem Lächeln im Gesicht. Was die Kundin zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Es könnte das letzte Mal sein, dass sie dort nach Schuhen stöbert - Anfang August schließt das Traditionsgeschäft in der Bleichstraße.

"Es war mein Leben", konstatiert Inge Seyfarth, die den Laden "mit viel Herzblut" nach 35 Jahren. Seit der Gründung vor 185 Jahren ist das Geschäft ununterbrochen in Familienbesitz. "Es ist eines der ältesten Schuhfachgeschäfte in ganz Deutschland", betont die gebürtige Baden-Badenerin. Sie gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge in Ruhestand, erklärt die 82-Jährige. "Aber in meinem Alter kann man, denke ich, guten Gewissens aufhören."

"Die fachgerechte Beratung ist seit jeher eines unserer Markenzeichen. Außerdem haben wir immer nur Markenschuhe mit Leder geführt", unterstreicht die 82-Jährige, die schon seit 60 Jahren in der Branche tätig ist. Sie habe das Geschäft von ihrem Ex-Mann übernommen, der damals dazu gezwungen worden sei, den Beruf des Schuhmachers zu erlernen und den elterlichen Betrieb fortzuführen. "Es hat ihm nie wirklich Spaß gemacht, und er hat mir das Geschäft gerne überlassen", erläutert Inge Seyfarth. Gegründet hatte das Unternehmen einst Simon Emanuel Seyfarth im Jahr 1832 in der Schlossstraße. Es folgten vier Generationen Schusterhandwerk und in den 40er-Jahren der Umzug auf die andere Seite der Murg ins heute rund 175 Quadratmeter große Geschäft in der Bleichstraße.

Bis Anfang August wird dort weiter ihr Lebensmittelpunkt sein: Der Abschied falle ihr schon schwer, trauert Seyfarth um den Familienbetrieb. Die Suche nach einem Nachfolger blieb erfolglos. Ihre Tochter und ihr Sohn hätten nie wirklich Interesse signalisiert, die Enkel befinden sich allesamt im Studium und verfolgen andere Ziele - damit hatte sich dieses Thema erübrigt. "Wäre ich 20 Jahre jünger, hätte ich es nicht aufgegeben", beteuert die 82-Jährige, die sich dann sogar hätte vorstellen können, mit ihrem Laden ins Online-Geschäft einzusteigen.

Trotz der wachsenden Konkurrenz aus dem Web hat die über viele Jahre gewachsene Stammkundschaft dem Traditionsgeschäft stets die Treue gehalten. Diese reagierte bestürzt: "Dann haben wir hier ja gar kein Schuhgeschäft mehr", war die einhellige Meinung. Das nächste "Fachgeschäft" liege schließlich in Gaggenau, bemerkt Seyfarth.

Die Kundin aus Hörden ist derweil fündig geworden. "Der linke Fuß ist der Probierfuß", erklärt Seyfarth, die ihrer Kundin das gewünschte Modell - einen beigefarbenen, offenen Halbschuh - zur Anprobe reicht. "Der ist schon nicht schlecht, aber ein bisschen enger dürfte er sein", urteilt die Kundin nach wenigen Schritten. Kein Problem: Im Nu hat Seyfarth den Riemen an der Ferse ein Loch enger geschnallt. Testweise noch ein paar Schritte - jetzt passt alles.

Beim Schuhkauf vor Ort kommt aber auch der persönliche Austausch nicht zu kurz. Schnell fällt der Name Heike Ullrich, Seyfarths Mitarbeitern, die ebenfalls aus Hörden stammt - man kennt sich eben. Die Inhaberin ist voll des Lobes: "Eine ganz liebe und zuverlässige Person." Was mit den Räumlichkeiten in der Bleichstraße in Zukunft passiert, ist unklar. Ein möglicher Nachfolger hat bereits Interesse signalisiert und befindet sich aktuell in der Planungsphase.

Inge Seyfarth hat bislang noch keine Pläne für ihren Ruhestand. Ihr Mann freue sich aber schon, dass künftig mehr Zeit für gemeinsame Aktivitäten bleibe. Soweit möchte die 82-Jährige aber ohnehin noch nicht denken. Am 29. Mai begann der Ausverkauf. Noch sind die Regale gut gefüllt, doch Inge Seyfarth ist sich sicher, ein Großteil der Schuhe bis August noch verkauft zu bekommen.

Die Kundin hat beim weiteren Stöbern ein zweites Paar entdeckt und steht an der Kasse. "Damit machen sie sich selbst ein verspätetes Muttertagsgeschenk", schmunzelt die Chefin. Bis zur Schließung in rund drei Monaten werden sicherlich noch einige Schuhe über den Tresen gehen. Die Kundin aus Hörden hat an diesem Tag wohl ihre beiden letzten Paare im Fachgeschäft Seyfarth gekauft.

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