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Nagelsmann: Beim Trash-TV bekomme ich den Kopf frei
Julian Nagelsmann
16.10.2019 - 07:16 Uhr
Leipzig (dpa) - Ein Fußballspiel sollte sein wie ein Konzert. Die Leute gehen hin und sollen bestens unterhalten werden. Das sagt Julian Nagelsmann, der neue Trainer von RB Leipzig im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Wenngleich er einschränken muss: «Als Fan wünscht man sich das vielleicht, aber als Trainer hat man andere Aufgaben, als nur schönen Fußball spielen zu lassen.»

Was ist für Sie schöner Fußball?

Julian Nagelsmann: Grundsätzlich offensiv ausgerichtet. Man sollte nicht destruktiv sein, sondern selbst versuchen, die Zuschauer und den Trainer zu begeistern. Die Jungs sollen Spaß daran haben, was sie auf dem Spielfeld machen. Ein Spiel sollte Konzertcharakter haben, die Leute unterhalten. Oben drauf sollte der Erfolg dabei sein - ohne den funktioniert es nicht.

Wie weit sind Sie bereits mit Ihrer Mannschaft?

Nagelsmann: Als Fan wünscht man sich das vielleicht, aber als Trainer hat man andere Aufgaben, als nur schönen Fußball spielen zu lassen. Es ist in diesem Zirkus so, dass man erfolgreich sein und Spiele gewinnen muss. Manchmal muss man von der Überzeugung abrücken und einfach ein Spiel gewinnen. Das Ergebnisdenken steht über allen Dingen und die Attraktivität leidet mitunter darunter. Der Druck, der auf den Protagonisten herrscht, ist destruktiv demgegenüber, was den Sport eigentlich auszeichnet. Wenn du in der Bundesliga gewinnst, ist es besser für die Mannschaft und den Trainer, als wenn du nur gut spielst.

Die Bundesliga ist so eng wie seit Jahren nicht mehr. Spricht das auch für die Qualität der Liga?

Nagelsmann: Wir sind immer noch sehr früh in der Saison. Aktuell geht es mit einem Sieg oder einer Niederlage noch zu sehr hoch oder runter. Vor der Saison habe ich prognostiziert, dass es eine enge Saison wird. Ganz einfach deshalb, weil es in vielen Clubs Veränderungen gab, die in den vergangenen Jahren oben standen. Es ist wie in einer Herde, wo es durch Veränderungen zu Verschiebungen in der Hierarchie kommen kann. Es steigert die Attraktivität, wenn man nicht schon im Oktober weiß, wer am Ende in den Top 4 ist.

Wer ist der derzeit beste deutsche Spieler?

Nagelsmann: Das ist sehr schwer zu beantworten. Kai Havertz ist ein sehr interessanter Spieler. Marco Reus ist extrem auffällig und unglaublich gut, wenn er fit ist. Niklas Süle ist ein herausragender Verteidiger, Joshua Kimmich jemand, der immens variabel ist und sechs, sieben Positionen auf Champions-League-Niveau spielen kann. Man kann es schwer an einem Spieler festmachen, denn es ist ungerecht, einen Stürmer mit einem Abwehrspieler zu vergleichen.

Ihr bester Stürmer, Timo Werner, kommt mit einem Tor zurück von den Länderspielen.

Nagelsmann: Das ist gut! Ich habe ihm noch in der Nacht geschrieben, dass ich mich sehr gefreut habe. Wir haben uns vor der Abfahrt über seine vergebenen Chancen gegen Lyon und Leverkusen unterhalten und ich habe ihm gesagt, er soll sich nicht so viele Gedanken machen. Er hat davor extrem geliefert, deshalb fiel das zuletzt auf, als er Hochkaräter liegengelassen hat. Das Tor wird Timo extrem guttun.

Tut eigentlich das momentan große Angebot an Fußball gut oder wird das irgendwann zu viel?

Nagelsmann: Fußball ist mittlerweile ein extrem großer Wirtschaftszweig. Es ist ein Sport, der extrem viele Menschen in Lohn und Brot bringt. Dass dadurch die Präsenz größer ist als von anderen Sportarten, ist aus dieser Betrachtung sicherlich gerechtfertigt. Der Fußball lässt sich seit Jahren sehr gut vermarkten. Trotzdem würden sich andere Sportarten natürlich mehr Aufmerksamkeit wünschen, das kann ich total nachvollziehen.

Wie nehmen Sie das wahr, wenn an einem Wochenende mal über Marathonläufer und Triathleten statt über Fußball gesprochen wird?

Nagelsmann: Ich finde das sehr gut. Es ist schon manchmal ein bisschen skurril, dass in einer Sportart eine WM stattfindet und man bekommt es nicht einmal mehr mit. Die Tatsache, dass über Fußball mehr berichtet wird, ist nicht schlimm. Aber die Hülle und Fülle manchmal schon. Wenn ich am Sonntagmorgen den Fernseher anschalte, gibt es gefühlt 44 Talksendungen über Fußball. Da sollte man mal einen Cut machen und anderen Sportarten eine Bühne geben.

Leipzigs Sponsor Red Bull unterstützt neben dem Fußball sehr viele Sportler. Ist das die Möglichkeit, für mehr Interesse für andere Sportarten zu sorgen?

Nagelsmann: Das ist ein Weg, zumal ja bei Red Bull verschiedenste Sportarten unter einem Dach sind, egal ob Sommer oder Winter. Der andere Weg wäre, dass Vereinsleben in Deutschland wieder etwas aufzuwerten. Das beginnt schon in der Schule. Da wird heute vielleicht anderthalb Stunden pro Woche Sport unterrichtet. Wenn dort in einem Ganztagsmodell an zwei oder drei Tagen in der Woche Sport getrieben werden würde, würde es das Interesse an diversen Sportarten steigern und die Kinder an das Vereinsleben heranführen. Das würde auch der Gesellschaft gut tun. Statt vor Langweile am Handy zu hängen, könnten Kinder in Vereinen ihren Interessen nachgehen, soziale Kompetenzen erlangen, eine Struktur mit Werten und Normen außerhalb der Schule bekommen.

Wie sieht es denn bei Ihnen aus, wenn Sie an einem freien Abend den Fernseher anschalten. Läuft da Fußball?

Nagelsmann: Gern mal Trash-TV, um den Kopf frei zu bekommen. Da kann ich dann dasitzen, muss über nichts nachdenken und kann einfach nur grinsen. Im Trainerteam schauen das einige und dann schicken wir uns während der Sendungen gern mal Sprachnachrichten und feiern ab. Ich schaue auch viele Dokumentationen über Tiere, das habe ich mit meinem Papa immer getan.

Zuletzt gab es die kleine Diskussion, ob Spielergehälter zu hoch seien. Doch die große Verantwortung tragen die Trainer. Müsste nicht über deren Gehälter diskutiert werden?

Nagelsmann: Ich kann mich nicht beschweren. Das Problem ist, dass der Markt die Gehälter regelt. Es gibt keine Umverteilung. Ich kann nicht sagen, ich verzichte auf 50 Prozent meines Gehalts und diesen Teil bekommen dann Lehrer oder Erzieher. Wenn ich sehe, was die Bundeskanzlerin verdient, dann kann ich, wenn man allein nur die Verantwortung dieses Amtes betrachtet, nur mit dem Kopf schütteln. Im Fußball verdienen die Top-Stars mehr als die Trainer, weil sie sich besser vermarkten lassen. Ich spüre jetzt auch keinen Autoritätsverlust, nur weil ich weniger als einige Spieler verdiene. Es wäre Jammern auf hohem Niveau, wenn ich das thematisieren würde. Man verdient im Vergleich zu vielen anderen Menschen sehr viel Geld.

Haben Sie persönliche Sponsoren?

Nagelsmann: Nein, das läuft alles über den Club. Als Trainer ist man Angestellter des Clubs und die haben viele Sponsoren. Da kann es zu Konflikten kommen und vor denen will ich mich schützen. Als Trainer ist man in einer anderen Position als als Spieler.

Viel diskutiert wird über anstehende Reformen des Europapokals, es gibt verschiedene Modelle wie die Superliga. Was halten Sie davon?

Nagelsmann: Aus Trainer- und auch aus Fan-Sicht finde ich das nicht sinnvoll. Wir müssen aufpassen, dass der Fußball-Markt nicht übersättigt wird, sondern dass es ein Sport bleibt, der nah am Volk ist. Es werden Massen bewegt, Millionen von Menschen schauen zu oder spielen selbst. Wenn dann alle zwei Tage ein Spiel wäre, würde es den Reiz nehmen. Man geht ja auch nicht alle zwei Tage ins Konzert. Es muss etwas Besonderes bleiben. Wenn man es übertreibt, wird die Spirale in die andere Richtung gehen.

Zur Person: Julian Nagelsmann (32) ist seit dieser Saison Coach von RB Leipzig. Er gilt als einer der viel versprechendsten Trainer in Deutschland. Nagelsmann arbeitete zuvor bei der TSG Hoffenheim.

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