Alltag in der „Roten Zone“

Baden-Baden/Venedig (marv) – Die 23-jährige Juno Geiler vertreibt sich momentan die Zeit mit Yoga und Meditation. Derzeit dürfen die Bewohner Italiens nur mit Passierschein aus dem Haus.

Hier scheint die Welt noch in Ordnung: Juno Geiler (links) lässt sich zusammen mit ihrer Mitbewohnerin Vandana Kasimahanty (rechts) und Karnevalisten fotografieren. Foto: privat

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Hier scheint die Welt noch in Ordnung: Juno Geiler (links) lässt sich zusammen mit ihrer Mitbewohnerin Vandana Kasimahanty (rechts) und Karnevalisten fotografieren. Foto: privat

Von Marvin Lauser

Es ist ein ungewohntes Bild: Der Markusplatz von Venedig ist nahezu menschenleer. Vereinzelt sind Maskierte und Polizisten zu sehen, aber nicht des berühmten Karnevals wegen, sondern weil ganz Italien zur „Roten Zone“, zum Corona-Sperrgebiet erklärt worden ist. Juno Geiler (23) aus Haueneberstein lebt in Mestre, einem Festlandstadtteil von Venedig. Seit Tagen hat sie ihre Wohnung kaum verlassen. Für 60 Millionen Italiener wurde eine Ausgangssperre verhängt.

Ohne triftigen Grund soll man das Haus nicht mehr verlassen. Wer also zur Arbeit, Apotheke, zur Pflege von Verwandten oder zum Einkaufen rausgeht, muss eine Ausnahmegenehmigung dabei haben. Diese Selbstautorisierung kann man online herunterladen, ausdrucken und ausfüllen. Wenn man an einem der Checkpoints vorbeikommt oder sonst kontrolliert wird, muss man diese vorzeigen. Außerdem werden Passanten stichprobenartig auf das Virus getestet.

„Im Moment bleiben wir – so gut es geht – in unserer Wohnung und wechseln uns beim Einkaufen ab, um das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich zu halten“, erklärt die 23-Jährige, die mit einem Pakistani und einer Inderin eine Studenten-Wohngemeinschaft bildet. „Bisher wurden wir noch nicht kontrolliert. Wir haben aber auch keinen Drucker zuhause. Wenn die Copyshops geschlossen haben, können wir das gar nicht ausdrucken“, sagt Geiler im Videotelefonat.

Studieren in digitalen Räumen

Seit September 2018 lebt sie in Italien und studiert an der Universität Venedig auf Italienisch Kulturmanagement. Zurzeit ist sie im letzten Semester und möchte bald damit beginnen, ihre Masterarbeit zu schreiben. Im Juni schreibt sie – sofern die Corona-Krise bis dahin abflaut – ihre letzte Klausur. „Im Moment gehe ich davon aus, dass ich wie geplant im November meinen Master abschließen werde“, sagt Geiler. Aktuell finden alle ihre Kurse online statt. Ihre Dozenten präsentieren die Lerninhalte per Videokonferenz, Gruppenarbeiten finden in digitalen Räumen statt. Wie in den Hörsälen sonst auch herrscht Anwesenheitspflicht.

Mitunter führt das zu kuriosen Situationen. „Ich habe schon meine Mutter, die mit mir telefonieren wollte, versetzen müssen, weil ich so viel zu tun hatte“, berichtet Geiler aus ihrem Alltag in Zeiten der Corona-Krise.

Am Mittwoch wird Geiler 24 Jahre alt. Auf eine Party muss sie aber verzichten. Einige ihrer Studien-Freundinnen sind in Quarantäne. Auch ihr Freund, der etwas über drei Stunden entfernt in Siena wohnt, wird nicht anreisen können. Fernreisen werden in Italien im Moment streng kontrolliert. Nur wer an seinen Wohnort reist, bekommt die Erlaubnis dazu. „Eventuell mache ich mit meinen Freunden einen Gruppenvideochat. Den Rest des Tages feiere ich dann einfach mit meinen Mitbewohnern“, kündigt sie pragmatisch an. Von Lagerkoller ist keine Spur: „Manchmal gehen wir zu dritt auf unseren Balkon und spielen Ukulele, wenn uns die Decke auf den Kopf fällt. Joggen gehe ich nicht mehr, dafür mache ich Yoga und meditiere.“

An Ostern wollte sie eigentlich in Deutschland sein

Geiler hofft darauf, „dass sich die Lage im April ändert“. Über Ostern hatte sie eigentlich ihre Familie in Baden-Baden besuchen wollen. „Theoretisch könnte ich wahrscheinlich ausreisen – da ich aber auch ohne Symptome mit dem Coronavirus infiziert sein könnte – bleibe ich erst mal hier“, sagt Geiler, die ihre Familie und ihre Mitmenschen nicht gefährden möchte.

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Erstellt:
16. März 2020, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 38sec

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