„Baden-Baden 2050“: Digitalisierung bei Stadtwerken

Baden-Baden (up) – Stadtwerke-Chef Helmut Oehler spricht in der BT-Serie „Baden-Baden 2050“. Er sagt, dass der Klimawandel nun auch schon im Geldbeutel ankommt.

Helmut Oehler zeigt einen der 15 Dienstwagen der Stadtwerke, die mit Elektroantrieb unterwegs sind.  Foto: Ulrich Philipp

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Helmut Oehler zeigt einen der 15 Dienstwagen der Stadtwerke, die mit Elektroantrieb unterwegs sind. Foto: Ulrich Philipp

Von Ulrich Philipp

Fast lautlos setzt sich das selbstfahrende Taxi mit Elektroantrieb am Augustaplatz in Bewegung. Sein Fahrgast, ein Kongressteilnehmer, hat es wenige Minuten zuvor über eine App auf seinem Handy geordert. Fast behutsam sucht sich der Wagen seinen Weg, während Messstationen und Kameras in der ganzen Stadt permanent Signale an seinen Bordcomputer senden, der daraus die bestmögliche Route zum „Regio Move Port“ berechnet, der Mobilitätsstation beim Bahnhof in Oos.

Vor Wanderbaustellen, Staus und Ampeln wird der Wagen über digitale Infrastruktur in der Stadt gewarnt, Daten erreichen ihn auch von allen Autos im Umkreis von 800 Metern, mit denen er vernetzt ist und kommuniziert. Durch den Austausch von Positionsdaten ist die Unfallgefahr drastisch reduziert, außerdem informieren sich die Fahrzeuge gegenseitig über unvorhersehbare Verkehrshindernisse wie beispielsweise umgestürzte Bäume. Am Zielort angekommen kann der Gast mit einer Bahn zum Baden-Airport weiterfahren, alternativ kann er einen elektrisch betriebenen Mietwagen besteigen oder mit einem Zug der neusten technischen Generation weiterreisen, der ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Energien fährt.

Weltweit werden alle Lebensbereiche verändert

So oder so ähnlich könnte sich die geschilderte Szene in nicht allzu ferner Zukunft in Baden-Baden ereignen. Möglich wird sie durch die Digitalisierung, wie stark vereinfacht gesagt, die Umwandlung von analogen in digitale Prozesse bezeichnet wird. „Sie wird weltweit alle Lebensbereiche dramatisch verändern“, stellt Helmut Oehler fest, der Leiter der Stadtwerke Baden-Baden und Interviewpartner des Badischen Tagblattes im Rahmen der Serie Baden-Baden 2050. Auch der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) wird sich demnach in 30 Jahren grundsätzlich von dem heutigen unterscheiden. Durch die neue Technik können ganz neue Leitsysteme zum Einsatz kommen, auch für den Individualverkehr, so Oehler. Beispielsweise mittels digitaler Informationen an einen Computer im Fahrzeug, der dieses über die ideale Strecke punktgenau an sein Ziel lotsen kann.

Einige Schritte auf dem Weg dorthin sind in der Kurstadt bereits umgesetzt. So wird bereits seit geraumer Zeit die Zahl freier Parkplätze auf der Homepage der Stadtwerke sowie auf Informationstafeln in der Stadt angezeigt. Auf Letzteren ist auch ersichtlich, ob die Behindertenparkplätze frei sind. Zudem melden Bewegungsmelder den Energiesparlampen in den Parkhäusern, ob jemand darin unterwegs ist. Erst dann wird die bis dahin gedimmte Beleuchtung vollständig eingeschaltet. Außerdem habe man derzeit 35 öffentliche Ladestationen für Elektro-Autos eingerichtet, unter anderem in der Kongresshaus-Tiefgarage und an Hotels, „das Thema kommt langsam in Gang“, stellt Oehler fest. Zudem ist gerade die Zahl der elektrisch betriebenen Fahrzeuge der Stadtwerke erhöht worden, von 45 Autos fahren derzeit 15 mit Strom, zusammen mit denjenigen der Stadtverwaltung insgesamt 24, zwei weitere werden gerade beschafft. Von den 49 Transportern und 26 Lastwagen fährt noch keiner elektrisch, „der Markt ist hier noch nicht so weit“, sagt Oehler. Mehrere Lkw werden mit Abbiege-Systemen zum Schutz für Fahrradfahrer und Fußgänger im toten Winkel nachgerüstet. Dagegen ist einer der 48 Busse der Stadtwerke ein Elektro-Bus, der aber erheblich teurer ist.

„Mild-Hybrid“-Busse für Anwohner ein Vorteil

Fünf sind sogenannte „Mild-Hybride“, bei denen die Bremsenergie gespeichert wird, die den Dieselmotor unterstützt. Im kommenden Jahr werden fünf weitere Fahrzeuge dieser Art angeschafft, die sich bei Stillstand ausschalten. „Diese umweltverträglichere Technik ist für Anwohner von Bushaltestellen und Fußgänger ein Vorteil“, betont Oehler.

Zwei Busse des aktuellen Fuhrparks sind „Voll-Hybride“, die auch rein elektrisch anfahren können. „Das Thema Wasserstoff wird als Antrieb voraussichtlich nur im Schwerlast- oder Flugverkehr eine Rolle spielen“, stellt Oehler klar, nicht jedoch bei der klassischen Mobilität. In absehbarer Zukunft ist das Thema „ÖPNV on Demand“ eine zentrale Herausforderung für die Stadtwerke, also der Transport von Fahrgästen zu dem Zeitpunkt den diese vorgeben und nicht wie bisher, zu festgelegten Zeiten. „Wir haben eine Arbeitsgruppe, die mehrere Pilotprojekte in Deutschland dazu sehr aufmerksam beobachtet“, erklärt Oehler. Eine andere Arbeitsgruppe befasst sich mit den Ampelschaltungen, die derzeit noch den Autoverkehr gegenüber Fußgängern und Fahrradfahrern bevorzugt. „Das Überqueren des Verfassungsplatzes ist für Fahrradfahrer und Fußgänger derzeit eine Herausforderung“, so Oehler.

Neue Wege gehen die Stadtwerke auch bei der Energieversorgung. Seit 2019 kam es zu 16 Abschlüssen mit Haushalten, die eine Fotovoltaikanlage gekauft oder gepachtet haben, „34 weitere Projekte sind in der Pipeline, das zeigt: Die Kunden haben Vertrauen zu uns“, sagt der Stadtwerke-Chef und ergänzt: „Das Thema Fotovoltaik betreiben wir mit Nachdruck, neben verschiedenen Schuldächern, dem Busdepot in Oos und dem Grundwasserwerk – um nur einige zu nennen – suchen wir weitere Standorte für eigene Anlagen.“ Dabei gibt es manchmal Schwierigkeiten, wenn Gebäude unter Denkmalschutz stehen. Die Stadtwerke stellen zudem Technik bereit, die es ermöglicht, Strom zu den günstigsten Tarifzeiten zu beziehen und einzusetzen. Energieflüsse können dabei so gesteuert werden, dass gewählt werden kann: Soll das E-Auto aufgeladen werden oder doch die Waschmaschine zum Einsatz kommen?

Schüttung der Quellen drastisch gesunken

„Der Klimawandel kommt inzwischen im Geldbeutel der Verbraucher an“, erklärt Oehler, als die Sprache auf das dritte Thema kommt, für das die Stadtwerke in Baden-Baden verantwortlich zeichnen, die Wasserversorgung: „In diesem Sommer wurden alle etwa 54.000 Bürger der Stadt zu 100 Prozent aus dem Grundwasserwerk Sandweier versorgt.“ Diese an und für sich gute Nachricht verkehrt sich in ihr Gegenteil, wenn man bedenkt, dass normalerweise die Hälfte des städtischen Wasserverbrauches aus etwa 40 Quellen auf dem Stadtgebiet gedeckt wird. „Deren Schüttung ist nach dem dritten trockenen Sommer in Folge auf durchschnittlich zehn Prozent gesunken“, berichtet Oehler. Zwar ist die Wasserversorgung am Oberrhein durch einen riesigen Grundwassersee noch gesichert, in anderen Teilen Deutschlands werden aber Milliardenkosten durch den Bau tieferer Brunnen und von Verbundleitungen entstehen, durch die Gemeinden sich gegenseitig in Trockenphasen unterstützen. In Niedersachsen ist es in diesem Jahr erstmals passiert, dass ein ganzes Dorf kein Wasser mehr zur Verfügung hatte und mit Tankwagen versorgt werden musste.

In Baden-Baden werden durch abgestorbene Bäume im Stadtwald Kosten anfallen, die den Wassermangel nicht überlebt haben und die durch geeignetere Baumarten ersetzt werden müssen. Auch der Ski-Tourismus entlang der Schwarzwaldhochstraße wird voraussichtlich Einbußen verzeichnen, prophezeit Oehler.

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Erstellt:
23. November 2020, 23:00 Uhr
Lesedauer:
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