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Bürokratie macht Vereinen Leben schwer

Baden-Baden (cn) – Seit Jennifer Wernet vor einem Jahr zur Vorsitzenden des Tanzsportclubs (TSC) Bühl gewählt wurde, fliegen ihr gesetzliche Bestimmungen um die Ohren. Sie ging in die Offensive.

„Traut Euch ins Ehrenamt“: Jennifer Wernet präsentiert vor der Sportschule Steinbach ihren Nachweis für Vereinsmanager. Foto: Nickweiler

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„Traut Euch ins Ehrenamt“: Jennifer Wernet präsentiert vor der Sportschule Steinbach ihren Nachweis für Vereinsmanager. Foto: Nickweiler

Von Christina Nickweiler

Plakate aufhängen, einen Tanzball vorbereiten, wöchentliches Tanztraining und daneben Datenschutzformblätter ausfüllen: Seit Jennifer Wernet vor rund einem Jahr zur Vorsitzenden des Tanzsportclubs (TSC) Bühl gewählt wurde, fliegen ihr irgendwelche gesetzliche Bestimmungen um die Ohren, um den Verein im Sinne des Gesetzgebers zu führen. Doch anstatt aufzugeben, ging Wernet in die Offensive und ließ sich zur Vereinsmanagerin ausbilden. Das Abschlussseminar beendete sie kürzlich an der Sportschule in Steinbach.

„Wenn ich damals gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich mich nicht zur Vorsitzenden wählen lassen“, blickt Jennifer Wernet, die im Baden-Badener Ortsteil Oberbeuern wohnt und über die Bergkuppe hinweg eine enge Beziehung zum Rebland und zu Bühl pflegt, auf die vergangenen zwölf Monate zurück. Dennoch: „Jetzt, nachdem ich soviel Arbeit in das Ehrenamt gesteckt habe, bleibe ich nun dabei“, ergänzt sie im Gespräch mit dem BT. Hätte Jennifer Wernet das Amt abgelehnt, wäre der TSC nach rund 17 Jahren womöglich damit konfrontiert gewesen, sich aufzulösen.

Etliche kulturelle oder sporttreibende Vereine sind hiervon betroffen. Viele ehrenamtlich Tätige schrecken davor zurück, Verantwortung in den Vereinen zu übernehmen, in denen sie ihre Freizeit verbringen. Schließlich haftet ein Vorstand für jegliche rechtliche Versäumnisse.

Darunter leiden nach Einschätzung von Jennifer Wernet vor allem kleinere Vereine, zu denen der TSC Bühl mit 15 Mitgliedern gehört. „Insgesamt müssen sich die Leute in den Vereinen mit extrem viel Bürokratie herumschlagen, ob Datenschutz, Umgang mit Minderjährigen, Haftungsrecht, Versicherungen oder rechtliche Kriterien zum technischen Aufbau einer Vereinshomepage“, zählt sie einige Hürden auf.

„Bierdeckelerklärung“ statt Formularwust

Die 34-Jährige arbeitet beruflich als Steuerfachangestellte in einer Kanzlei. Das sei unter anderem ein Grund gewesen, warum ihre Vereinskollegen gemeint hätten: „Du kennst dich mit dem Verwaltungskram aus, mach‘ du das.“ Doch weit gefehlt, selbst für Berufserfahrene aus dem Steuerfach gibt es immer wieder neue Entdeckungen, wie sehr das Steuerrecht Ehrenamtliche gängelt.

Sie nennt ein Beispiel: Steuerrechtlich muss ein kleiner Verein, der überhaupt nicht steuerpflichtig ist, jährlich genauso viel Bürokratie bewältigen wie etwa ein Fußballverein in der ersten Bundesliga, erläutert Wernet. Die Vereinsmanagerin nennt alleine für das Steuerrecht vier Formularbögen, auf denen auf bis zu acht Seiten bis ins letzte Detail Auskünfte abgefragt würden. Erschwerend komme hinzu, dass jedes Jahr die Formulare geändert würden, ergänzt die TSC-Vorsitzende.

Einen tieferen Sinn, um diese kafkaesken Zustände nachzuvollziehen? Nein, dieser würde sich ihr nicht erschließen, meint Jennifer Wernet. Die Politik sollte sich hier angesprochen fühlen, denn von dort komme schließlich der verursachte Bürokratiewahnsinn, sieht sie einen möglichen Lösungsansatz.

„Es würde selbstverständlich einfacher gehen“, sagt sie und nennt den Begriff „Bierdeckelerklärung“. Konkret spricht sie von einem Umfang von zwei Seiten, die dem Finanzamt erklären würden: „Wer ist der Verein? Was macht dieser? Wie hoch sind die Einnahmen?“

Die gesellschaftlichen Folgen für zu hohe rechtliche Hürden beim Ehrenamt hat der Badische Sportbund in Freiburg (BSB) bereits vor Jahren erkannt. Deswegen bietet der BSB seit 2017 als bisher einziger Verband in seinem Bildungsprogramm Seminare an, um die Lizenz als Vereinsmanager zu erlangen.

Die Ausbildung soll Personen in Leitungsfunktionen befähigen, einen Verein zu führen. Das Programm beinhaltet mit rund 120 Unterrichtsstunden Themen wie „Finanzen, Recht, Steuern und Versicherung“, „Organisations- und Personalentwicklung, Gremienarbeit“ sowie „Marketing, Kommunikation, Veranstaltungen, Neue Medien“.

Hohe Nachfrage an den Kursen

Das Abschlussseminar führt alle Teilnehmer in die Steinbacher Sportschule – so auch Jennifer Wernet, die sich bereits im Dezember 2018 für ihr Abschlussseminar angemeldet hatte. Denn die Kurse würden extrem nachgefragt, hat sie erfahren. „Wegen der vielen Teilnehmer mussten die Kurse geteilt werden“, sagt sie.

Gerne erinnert sich Wernet an den Austausch mit anderen Vertretern von Vereinen, ob hauptamtlich oder ehrenamtlich. „Ich war ein Frischling in dem Metier, habe aber viel gelernt und neue Kontakte zum künftigen Austausch geknüpft“, sagt sie. Wenn es mal richtig laufe, rechne sie mit rund zwei Stunden Zeitaufwand pro Woche für die Vereinsarbeit. „Ich werde aber noch weitere Seminare besuchen müssen“, kündigt sie an. Denn die TSC-Vorsitzende träumt davon, in Zukunft das erste „Tanzspaßturnier“ nach Bühl zu holen, bei dem jeder mitmachen kann. Mit ihrem Mann tanzt sie Turniere im Discofox.

Welche Botschaft hat Wernet für andere, nachdem sie nun das Zertifikat „Vereinsmanager“ erworben hat? „Traut euch ins Ehrenamt“, lautet ihr Appell.

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Erstellt:
2. Januar 2020, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 12sec

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