Lesetipps der Lokalredaktion Baden-Baden/Bühl

Baden-Baden (red) – Anlässlich des „Welttags des Buches“ sind Redakteure der Lokalredaktion Baden-Baden/Bühl ihre Schränke und Regale durchgegangen und haben ihre liebsten Schmöker ausgepackt, um sie vorzustellen.

Franz Vollmer, Marvin Lauser und Sarah Reith (von links). Foto: Ebersbach

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Franz Vollmer, Marvin Lauser und Sarah Reith (von links). Foto: Ebersbach

Berauschend und brutal

von Nico Fricke

Ein Buch, das über die Corona-Krise trägt, sollte es sein, ein dicker Schinken also. Fast 1300 Seiten umfasst der Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“, mit dem die Autorin Nino Haratischwili im Jahr 2014 aufwartete und in dem sie die Geschichte der georgischen Familie Jaschi von 1900 bis in die Gegenwart anhand acht ihrer Mitglieder nachzeichnet. Es ist eine Geschichte vor allem von Frauen, die sich zwischen Zarismus, Oktoberrevolution, Stalinismus, Kaltem Krieg und dem Untergang der Sowjetunion behaupten müssen. Es ist ein packendes Familienepos ebenso wie ein spannendes Geschichtsbuch, brutal und schön. Acht Charaktere arbeitet Haratischwili über sechs Generationen heraus, immer wieder verweben sich die Biografien zu einer großen Familiensaga, die in Tiflis, Moskau, London und Berlin spielt. Viel Leid gibt es zu bewältigen. Und über all den Schicksalen schwebt dann auch noch ein großes Geheimnis: Das gut gehütete Rezept für eine ganz besondere heiße Schokolade, die zwar berauscht, aber eben auch Unglück mit sich bringt. „Das achte Leben“ erfüllt alle Erwartungen, nur nicht die, das der Roman über die Corona-Krise trägt – denn man möchte ihn schnellstmöglich verschlingen.

Nico Fricke. Foto: privat

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Nico Fricke. Foto: privat

Nino Haratischwili, Das achte Leben (Für Brilka), Ullstein, 1279 S., 18 Euro.

Selbstverbiegung leider sinnlos

von Franz Vollmer

Tja, woher soll man auch wissen, wer man ist, wenn’s einem niemand sagt? Und woher soll Klein Entchen auch ahnen, dass man mit einem Schnabel keinen Biberdeich bauen kann, dass Watschelfüße schlecht zum Buddeln sind und kopfüber Abhängen mit Fledermäusen auf Dauer dann doch gewöhnungsbedürftig ist. Vielleicht sollte man auch nicht zu viel auf anderer Leute Ratschläge hören – und die Welt ist ja voll von großkopferten Störchen, die nur das beste für einen wollen. So dauert es ein vergnügliches Buch lang, bis Paola Mastrocolas gefiederte Protagonistin auf ihrer Odyssee der Kopfstände und akrobatischen Selbstverbiegungen beim einsamen Wolf ihrGlück findet und einsieht, dass die Pantoffel, in der sie aufwuchs, wohl doch nicht ihre Mama war. Große Erkenntnisse gelassen ausgesprochen – das ist die luftig-melancholische Mixtur, auf die sich Italiens Erfolgsautorin in der Story einer Ente auf dem Weg zu sich selbst versteht. Simple Botschaft: Wir können halt doch schlecht aus unserer Haut. Eine Fabel für Erwachsene, schwebend leicht komponiert, zugleich ein philosophisches Wetterleuchten über die schwierige Suche nach Identität und Sinnlosigkeit jeglicher Anpassung. Und wären nicht schon Szenen und Dialoge so urkomisch, spätestens bei den Zeichnungen müsste man das süße Federvieh ins Herz schließen. Selbsterkenntnis der sympathischen Art.

Paola Mastrocola:„Ich dachte, ich wäre ein Panther“.Piper Taschenbuch.

Frieden und Stille in der lauten Welt

von Harald Holzmann

„Im Einklang leben“ – mit Kollegen, Freunden und Nachbarn, mit sich selbst, mit der Welt und all ihren Schwierigkeiten. Das ist eine Lebensaufgabe! Das gleichnamige Buch des Heilpraktikers und Psychotherapeuten Richard Stiegler weist einen praxisnahen Weg, auf dem das gelingen kann. Entscheidend dafür, so der Autor, ist es nämlich, eine eigene innere Haltung des Friedens und der Stille zu finden und diese dann auch möglichst stetig in den eigenen Alltag in einer lauten und fordernden Welt hineinzutragen. Auf diese Weise kann es klappen, positive Energie in das System des Lebens einzubringen und versöhnend zu wirken. Wer sich auf diesen Weg machen will, findet mit „Im Einklang leben“ einen gut strukturierten und alltagstauglichen Wegweiser. Das Buch taugt nicht zum Durchlesen in einem Rutsch. Ich habe mich oft schon nach wenigen Seiten zurücklehnen und das Gelesene auf mich wirken lassen müssen. Dabei helfen Fragen, die am Ende jedes kurzen, thematischen Abschnitts stehen und zur Reflexion, zum Nachdenken über das Gelesene ermuntern. Ein tief beeindruckendes Buch, das erfreulich nah an der Lebenswirklichkeit geschrieben ist und mit seinen kurzen, anregenden Kapiteln durchaus das Zeug hat, zum alltäglichen Lebensbegleiter zu werden.

Harald Holzmann. Foto: ml

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Harald Holzmann. Foto: ml

Richard Stiegler, „Im Einklang leben – Spirituelle Grundhaltungen und Alltag“. Arbor-Verlag

Kampf gegen die „Muss-Monster“ der Gesellschaft

von Nina Ernst

Wir müssen keine Ziele haben, denn die sind mutwillige Glücksverschiebung, und wir müssen nicht mehr Sport treiben, Tiere machen schließlich auch keinen: Mit Sicherheit hat man mich das ein ums andere Mal laut lachen gehört, als ich von Tommy Jaud belehrt wurde, was im Leben so alles wichtig ist und was man doch eigentlich gar nicht muss. Jaud – oder besser gesagt sein Alter Ego Sean Brummel, der das „Manifest gegen das schlechte Gewissen“ verfasst hat – räumt mit Vorstellungen auf, die uns die Gesellschaft vorgibt (oder besser gesagt vorgaukelt). Mit Brummel geht es den „Muss-Monstern“ in den Bereichen Gesundheit, Ernährung, Erfolg, Freizeit, Gesellschaft und Sinn des Lebens an den Kragen. Am Ende jedes Kapitels weiß der Leser, warum er etwas eben nicht muss. Etwa: Ich muss keine Kinder haben, denn ohne Kinder kann ich auch nachts Mars-Riegel frittieren und fluchen. Dabei bedient sich Brummel für seine Argumentationen solchen Erklärungen, die zunächst verrückt klingen, aber in sich so schlüssig sind, dass man lachend nur noch zustimmen kann. Der „fundierte Ratgeber für die tiefenentspannte Lebensart“, wie es auf dem Buchrücken heißt, ist nicht nur einfach witzig geschrieben, er regt wirklich zum Nachdenken an, was wir uns selbst in der von Druck und Müssen geprägten Gesellschaft aufbürden möchten.

Nina Ernst. Foto: ml

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Nina Ernst. Foto: ml

Tommy Jaud: „Einen Scheiß muss ich“. Fischer-Verlag.

Geschichtsstunde in 16 Takten

von Marvin Lauser

„Setz dich hin, spitz’n Stift, nimm Papier“ so ist Kapitel 24 von „Könnt ihr uns hören?“ überschrieben. Lernen konnte ich, obwohl ich seit der Grundschule von Rap fasziniert bin, tatsächlich noch so einiges, vor allem über „Die Alte Schule“. Die Musikjournalisten Jan Wehn und Davide Bortot überlassen den wichtigsten Vertretern der Szene das Wort und lassen diese ihre eigene Geschichte – die der aktuell größten und erfolgreichsten deutschen Subkultur – skizzieren. Von den Anfängen bis heute. Azad, die Beginner, Casper, Kool Savas, Max Herre, Sido und Smudo, um nur einige zu nennen, erklären die Entstehungsgeschichte(n) von szeneprägenden Songs und beleuchten die Hintergründe legendärer Alben. Statt Stift und Papier kann ich Smartphone, Kopfhörer und bassstarke Bluetooth-Boxen zum Lesegenuss empfehlen. So wird „Könnt uns ihr hören?“ von einer lesenswerten, mit nachhaltig in Erinnerung bleibenden Zitaten gespickten, Oral History zur echten musikalischen Zeitreise. Wenn es dieses Buch noch nicht gäbe, müsste es geschrieben werden. Es ist, um es mit Gzuz zu sagen, das „Standard“-Werk des Deutschrap.

Jan Wehn und Davide Bortot: „Könnt ihr uns hören? Eine Oral History des deutschen Rap“. Ullstein.

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Erstellt:
23. April 2020, 10:25 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 21sec

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