Mit neuen Erfahrungen das Leben meistern

Baden-Baden (marv) – Nach dem schweren Motorradunfall von Oberbürgermeisterin Margret Mergen und ihrem Mann Wolfgang Pöter, dem ein Bein amputiert wurde, gibt es für das Ehepaar nach vielen Zukunftsängsten auch wieder Hoffnung und Zuversicht.

Oberbürgermeisterin Margret Mergen mit ihrem Mann Wolfgang Pöter, der auf Gehhilfen angewiesen ist. Foto: privat

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Oberbürgermeisterin Margret Mergen mit ihrem Mann Wolfgang Pöter, der auf Gehhilfen angewiesen ist. Foto: privat

Von Marvin Lauser

Man sieht Oberbürgermeisterin Margret Mergen an, wie sehr sie das Thema bewegt. Wenn sie spricht, übertragen die Worte aber eine Hoffnung und Lebensfreude, die bemerkenswert ist, wenn man daran denkt, was sie und ihr Mann Wolfgang Pöter seit dem schweren Motorradunfall am 21. August 2019 durchmachen mussten.
Mergens Ehemann ist infolge des schweren Unfalls, bei dem eine Autofahrerin das Paar übersehen hatte, das rechte Bein amputiert worden (wir berichteten). Seither ist er auf eine Prothese und Gehhilfen beziehungsweise einen Rollstuhl angewiesen.

Zukunftsängste und existenzielle Sorgen hätten die „sehr intensive Zeit“ geprägt, als sie täglich nach der Arbeit ins Uniklinikum Freiburg gefahren ist. „Das waren sehr kritische Wochen“ für Mergen. „Da ist die Arbeit ein ganz starker Rückhalt“, sagt die OB, „und das Rathaus-Team ein bisschen die zweite Familie“. Ihr habe die Arbeit gutgetan. „Das war ein stückweit Normalität.“ In Krisenzeiten gebe alles, was einem vertraut ist Kraft, eine gewisse Regelmäßigkeit und dadurch Stabilität.

Pöter, der stellvertretender Referatsleiter im Landesministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz ist, arbeitet seit dem 23. März wieder. Im Zuge seiner Wiedereingliederung hat er zunächst zwei Wochen lang täglich vier Stunden im Homeoffice gearbeitet. Derzeit arbeitet er erneut zwei Wochen immer abwechselnd einen halben und dann einen ganzen Tag, „um Erfahrungen zu sammeln und nicht sofort wieder voll belastet zu werden“.

OB als Friseurin

Kürzlich war er zum ersten Mal seit dem Unfall wieder im Büro, mit dem neuen Auto, das sich das Ehepaar zulegen musste. Eine Spezialanfertigung, ein Automatik-Fahrzeug, bei der das Gaspedal gewechselt werden kann. Wenn Pöter fährt, gibt er mit links Gas, wenn Mergen fährt, gibt sie mit rechts Gas. Er, der laut Mergen „ein sehr erfahrener, routinierter Fahrer“ ist, musste dafür im Januar extra Fahrstunden nehmen und eine Prüfung ablegen.

Der Arbeitsweg ist nun ein anderer. Früher sei er zum Bahnhof geradelt und dann mit dem Zug nach Stuttgart gefahren. Jetzt fährt er mit dem Auto, muss in einer Tiefgarage parken und anschließend ein Drehkreuz passieren, um ins Ministerium zu gelangen. Das geht mit Gehhilfen nur schwer. Ein Pförtner habe ihn „freundlicherweise durch eine Tür gelassen“, berichtet die OB. „Das sind so Kleinigkeiten, an die man sonst gar nicht denkt.“

Auf die Frage, was denn nun mit den vielen Outdoor-Hobbys sei, die das Paar ausgeübt hat, Motorrad- und Radtouren sowie Wanderungen, antwortet Mergen: „Das ist tatsächlich schwierig. Da haben wir noch wenig gemacht. Wir sind beide froh, dass er in unserer Wohnung mittlerweile wieder mobil ist.“ Vor allem das Bad habe umgebaut und die Türen verbreitert werden müssen, damit der Rollstuhl gut durchpasst.

„Motorradfahren ist nicht mehr. Davon haben wir uns verabschiedet.“ Etwa 250000 Kilometer schätzt Mergen, dürften beide in den 29 Jahren, in denen sie gemeinsam gefahren sind zurückgelegt haben. „Die Erinnerung bleibt und davon zehren wir jetzt.“

Früher sei man gern an der Algarve oder auf Korsika und Kreta gewandert, das gehe jetzt ebenfalls nicht mehr. Beide hoffen darauf, irgendwann wieder gemeinsame Radtouren unternehmen zu können. Für Rollstuhlfahrer gebe es da verschiedene Lösungen, gerade im Bereich Elektromobilität.

Ein bisschen Alltag zu erleben, das sei in Coronazeiten schwierig und in ihrer besonderen Konstellation noch mehr. „Wir lernen jeden Tag aufs Neue, mit der Situation fertig zu werden. Ich betätige mich jetzt bei ihm als Friseurin“, erzählt die OB und lacht herzlich. Das gehe im Moment vielen so, dass sie auf einmal Dinge tun, die sie früher nie gemusst hätten. Da durch die Corona-Pandemie die vielen Abendtermine ausfallen, die die OB ansonsten wahrnimmt, hat sie nun Zeit für Abendspaziergänge. Diese Zeit allein an der frischen Frühlingsluft sei „echter Luxus. „Das genieße ich, auch wenn ich natürlich meinen Mann gerne dabei hätte. Da muss ich mich jetzt einfach dran gewöhnen, dass ich manche Dinge alleine machen muss.“ Ansonsten wolle das Paar, das sich 1984 kennengelernt und 1997 geheiratet hat, ihre Zeit bei schönem Wetter gerne auf ihrem „kleinen Refugium an der frischen Luft“ verbringen. Zum Glück haben wir einen schönen Balkon mit Blick auf den Garten“, sagt Mergen.

Sie, die privat schmerzlich erfahren musste, wie man Krisen meistert, muss derzeit auch beruflich eine solche managen. Gleichzeitig zwitschern gerade überall die Vögel um die Wette. „Ich habe das Gefühl, die Vögel singen extra lauter, um uns eine Freude zu machen“, findet die OB.

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Erstellt:
27. April 2020, 09:10 Uhr
Lesedauer:
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