Neues lernen, Spaß haben und Erfahrung weitergeben

Baden-Baden (red) – Das Coronavirus bringt unseren Alltag durcheinander. Betroffen sind auch viele alte Menschen, denen in diesen Tagen Bewegung und soziale Kontakte fehlen.

Neues lernen, Spaß haben und Erfahrung weitergeben

Ganz schön knifflig, aber doch lösbar: Ein Puzzle hält geistig beweglich. Fotos: Shah(links). Lesen, ein neues Gesellschaftsspiel, Kreuzworträtsel und Tanzen (von links) halten auch geistig fit.

Die aus Baden-Baden stammende Altersmedizinerin Dr. Samina Shah, Chefärztin einer geriatrischen Reha-Klinik in Nordrach, hat Tipps zusammengestellt für Senioren, die zeigen, wie man sich beweglich, gesund und bei guter Laune halten kann. Das BT veröffentlicht diese Tipps in einer kleinen Serie. Heute geht es darum, wie man sich geistig fit hält.

Heute wollen wir uns einer weiteren Säule der Altersmedizin widmen: der Kognition, der geistigen Aktivität von Menschen. Es wird in der Regel von fehlender Kognition im Alter gesprochen, und natürlich gehören Erkrankungen wie Demenz zum Alltag eines Geriaters. Die Diagnosestellung Demenz ist bei Patienten, Angehörigen und Ärzten mit Ängsten behaftet. Doch es ist falsch, wenn man denkt, Demenz gehöre zum normalen Alterungsprozess. Bei Demenz handelt es sich um einen erworbenen Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit, welche im Verlauf meist fortschreitet. Persönlichkeitsveränderungen, neuropsychologische und motorische Abbauvorgänge prägen das klinische Bild.

Diagnose nicht einfach

Die Diagnose ist gerade bei Beginn der Erkrankung nicht einfach. Es gibt über sechs verschiedene Formen von Demenz. Die bekannteste ist die Alzheimer-Demenz. Dabei gibt es auch Mischformen und die vaskuläre Demenz beispielsweise nach einem Schlaganfall. Bis heute gibt es keine Medikamente, die eine Demenz heilen, allerdings Antidementiva, die das Fortschreiten einer Demenz aufhalten können.

Was können wir also im täglichen Leben tun, um Kognitionseinbußen zu vermeiden? Das Zauberwort heißt „neuronale Plastizität“. Das bedeutet: Wir können lebenslang lernen und unser Gehirn formen, trainieren und fit halten wie einen Muskel. Dazu tragen nicht nur klassische Denk-Aktivitäten bei wie Gedächtnistraining und Lesen.

Ziel: Körper und Geist verbinden

Nein, alles Neue, was man lernt und was Spaß macht, bedeutet Jogging für das Gehirn. Das kann ein kompliziertes Kochrezept sein, eine Fremdsprache wieder aufzufrischen, aber auch einfach Stricken und Häkeln (wieder) erlernen – oder diese Kenntnisse an die Enkelkinder weitergeben.

Man weiß, dass Aktivitäten, die Körper und Geist verbinden, beispielsweise Tanzen durchaus auch Demenzprävention sind. Ansonsten sind natürlich alle Dinge, die bereits in den zurückliegenden Folgen dieser Serie thematisiert wurden (regelmäßige körperliche Bewegung, gesunde Ernährung, gute Stimmung und ein soziales Netz um sich herum) die besten Präventionsstrategien gegen Demenz. Alternative Heilmittel wie Gingko oder Grüner Tee sind eventuell hilfreich, aber nicht in klinischen Studien belegt, betont die Expertin.

Es gibt sehr unterschiedliche Verläufe und Dauer bei Demenz. „Der Betroffene bleibt auch im fortgeschrittenen Erkrankungsstadium eine eigene Persönlichkeit“, so Shah. „Ich habe bereits Patienten und Familien erlebt, die sehr gut mit einer demenzerkrankten Person zurechtkommen.“ Leistungsorientierte, emotionsarme Familien hätten mit der Diagnose oft die größten Probleme, zumal es für die Kinder und Partner schwierig sei, wenn sich plötzliche alte Beziehungsmuster und Rollen veränderten.

Ehrlichkeit und Offenheit beeindruckt

„Was mich an Demenzerkrankten immer wieder beeindruckt, ist ihre Ehrlichkeit und Offenheit. Sie sehen mit dem Herzen und haben durchaus sehr feine Antennen, wie es dem Gegenüber geht und ob Stress oder Unsicherheit herrschen“, berichtet Shah. Am besten kann man über absichtslose Kommunikation mit ihnen Kontakt aufnehmen – also einfach dort Anknüpfen, wo sich der Patient gerade befindet, ohne zu hinterfragen, ob dies nun gerade Sinn macht oder nicht. Manchmal sind es auch Sprichwörter und Rituale, die da Sicherheit geben. Eine Beschäftigungstherapeutin liest zum Beispiel einmal die Woche Märchen vor, und es ist immer wieder schön, wenn die Patienten sich erinnern. „Immer wieder beeindruckt mich auch, wenn schwer Demenzerkrankte mehrere Strophen auswendig ein Gedicht aus früher Jugend aufsagen“, staunt Shah.

Der Schatz des Alterns liegt in der Seele. Er baut sich im Laufe des Lebens immer auf, egal ob das Gedächtnis noch zu 100 Prozent funktioniert oder nicht. Stabilität stellt sich ein, wenn ältere Menschen innere Werte verwirklichen können, schafft so ein Gefühl von Lebenssinn und fördert die psychische Zufriedenheit.

Humor wirkt Wunder

Es gibt Altersweisheit. Den reichen Erfahrungsschatz lohnt es sich weiterzugeben, die Älteren sind oft Experten, um Alltagsprobleme zu lösen und haben gelernt, sich an soziale Gegebenheiten anzupassen. Sie sind damit auch Vorbild gerade für die jüngeren Generationen. Offenbleiben und ein guter Draht zu Jüngeren hält auch jung und fit. Auch Humor wirkt Wunder, und mit Demenzpatienten kann man oft gemeinsam lachen, denn Alltagskomik verstehen alle Menschen. Kurz zu lachen, fördert sofort wieder psychische Ressourcen. Dies gilt auch für kognitiv eingeschränkte Patienten.