Polizei registriert mehr häusliche Gewalt

Isolierte Familien unter Druck: Auch die SOS-Kinderdörfer warnen vor häuslicher Gewalt.  Foto: SOS-Kinderdörfer

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Isolierte Familien unter Druck: Auch die SOS-Kinderdörfer warnen vor häuslicher Gewalt. Foto: SOS-Kinderdörfer

Von Harald Holzmann

In den letzten Tagen des Monats März hat das Polizeipräsidium Offenburg in seinem Einsatzbereich eine leichte Häufung der Fälle von häuslicher Gewalt festgestellt. Es sei allerdings kein sprunghafter Anstieg zu verzeichnen, heißt es von der Pressestelle des Präsidiums auf BT-Anfrage. Das entspricht den Erwartungen des Trägervereins des Frauen- und Kinderschutzhauses für die Region.

Die erfassten Fälle häuslicher Gewalt im Bereich des Präsidiums hätten in den ersten drei Monaten des Jahres 2020 eine leichte Steigerung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum erfahren, heißt es von der Polizei. „Diese Steigerung resultiert vor allem aus den letzten Tagen des Monats März.“ Dagegen seien bei der allgemeinen Gewaltkriminalität sowie bei den Körperverletzungen insgesamt auf Präsidiumsebene in den ersten drei Monaten des Jahres 2020 jeweils Rückgänge im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu verzeichnen. So gab es 2019 insgesamt 288 Fälle von Gewaltkriminalität, in diesem Jahr aber nur 254 solcher Fälle. Bei den Körperverletzungen verzeichnet die Polizei fürs zurückliegende Jahr 926 Fälle, in diesem Jahr nur 827.

Verantwortliche rechnen mit hoher Dunkelziffer

„Viele Taten kommen nicht oder nur durch Zufall, etwa durch einen Nachbarn, der die Polizei alarmiert, zur Anzeige“, bestätigt Polizeisprecher Yannik Hilger die Annahme, dass es in diesem Bereich eine hohe Dunkelziffer gibt. „Viele Opfer zeigen ihren Partner nach einer häuslichen Gewalttat aus verschiedenen Gründen nicht an – beispielsweise, um den Haussegen wieder herzustellen“, so Hilger. „Oftmals verträgt man sich nach einer Auseinandersetzung auch wieder, ohne dass es zur Anzeige kommt.“

Brigitte Schäuble, die Vorsitzende des Trägervereins Frauen- und Kinderschutzhaus Baden-Baden/Landkreis Rastatt, sieht ihre Befürchtungen bestätigt. „In beengten Verhältnissen und ohne große Ablenkung wird das Konfliktpotenzial sicherlich noch größer sein als sonst. Da braucht man kein großes Vorstellungsvermögen“, meint sie. „Was uns Sorgen macht, ist die Tatsache, dass dennoch keine Anfragen kommen. Wie auch, wenn die gewalttätigen Partner ständig in der Wohnung sind. Da traut sich keine Frau und kein Kind, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen“, meint sie.

Aufruf: Lasst Euch das nicht mehr gefallen!

Die Schutzeinrichtung sei derzeit voll belegt. „Die Frauenhäuser untereinander sind aber gut vernetzt. Insoweit könnten wir die Frauen im Bedarfsfall auch an andere Einrichtungen vermitteln.“ Die Plätze allgemein seien aber durchaus rar. „Schon vor der Corona-Krise war die Überbelegung ein riesiges Problem. Und wenn die Krise erstmal vorbei ist, wird die Nachfrage voraussichtlich stark ansteigen“, erwartet Schäuble. „Denn inzwischen wird bei vielen Frauen durch das jetzt Erlebte der Entschluss gereift sein, diese Situation zu beenden.“ Betroffenen Frauen, Kindern und Jugendlichen könne man nur raten: „Haltet durch! Und wenn die Corona-Krise vorbei ist: Meldet Euch bei der Polizei oder einem Notfalltelefon. Lasst Euch das nicht mehr gefallen!“

Schutz vor dem Coronavirus sei natürlich auch im Frauen- und Kinderschutzhaus ein großes Thema. „Noch sind die Bewohnerinnen und die Mitarbeiterinnen gesund. Zum Glück“, so Schäuble. Man habe Vorkehrungen getroffen, um möglichst alle gesund durch die Krise zu bekommen. „Aber sicher ist man natürlich nicht.“

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Erstellt:
3. April 2020, 21:30 Uhr
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