Vier Fragen an: Greta Braun

Sinzheim/Göteborg (marv) – Greta Braun aus Winden, die im schwedischen Göteborg lebt, hat dort einen Wettbewerb für kreative Lösungsansätze in der Corona-Krise gewonnen.

Für ihr Engagement in der Krise ausgezeichnet: Greta Braun (links) und Ida Wackerberg. Foto: privat

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Für ihr Engagement in der Krise ausgezeichnet: Greta Braun (links) und Ida Wackerberg. Foto: privat

Von Marvin Lauser

Mehr als jede fünfte Person in Schweden ist mindestens einmal in ihrem Leben häuslicher Gewalt ausgesetzt. Statistiken wie diese haben Greta Braun, die in Baden-Baden geboren und in Sinzheim aufgewachsen ist, animiert, in ihrer Wahlheimat Schweden an einem Wettbewerb, teilzunehmen, der Lösungsansätze in der Corona-Krise zum Ziel hatte. Daraus ist der Film „Borta bra men hemma värst“ (auf Deutsch etwa: „Zuhause ist’s am allerschlimmsten“) entstanden. Er thematisiert häusliche Gewalt, die in vielen Ländern bedingt durch die Kontaktbeschränkungen stark zugenommen hat. BT-Onlineredakteur Marvin Lauser hat der 25-Jährigen vier Fragen zu ihrem Projekt gestellt.

BT: Frau Braun, wie kam es dazu, dass Sie den Wettbewerb „#fixakrisen“ (auf Deutsch etwa: Lösung für die Krise) gewonnen haben?
Greta Braun: Meine Freundin und Arbeitskollegin Ida Wackerberg (20) und ich sind über soziale Medien auf die Ausschreibung des Wettbewerbs der gemeinnützigen Jugend-Stiftung „Förebildarna“ (Vorbilder) gestoßen. Es geht darum, für ein Problem, das durch Corona entstanden oder schlimmer geworden ist, eine Lösung zu finden. Wir waren sofort Feuer und Flamme und haben uns angemeldet. Nun war die Frage: „Was können wir machen?“ Beim Brainstormen haben uns vor allem die Themen Einsamkeit und häusliche Gewalt interessiert. Wir hatten beide etwas über die Zunahme von häuslicher Gewalt in der Corona-Krise gelesen und je mehr wir uns mit dem Thema beschäftigt haben, desto stärker reifte der Entschluss, Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Zum Beispiel auf Kinder und Jugendliche, die nicht mehr gesehen wurden, weil Unterricht und Freizeitangebote nicht stattfinden konnten. Das war das Ziel.
Wir haben der Jury unsere Idee gepitched (präsentiert, Anm. d. Red. ), sie überzeugt und so 1.500 Euro Preisgeld als eine Art Stipendium zur Realisierung gewonnen. Dieses Geld haben wir in die Produktion eines Films investiert. Ein Bekannter, der Filmemacher Jakob Rockmyr (26), hat ihn gedreht und geschnitten. Alleine hätten wir das neben der Arbeit nicht geschafft, das wäre uns sonst zu viel geworden.

Film soll Augenmerk auf häusliche Gewalt lenken

BT: Um was geht es in dem Film, den Sie mit dem Preisgeld finanziert haben?
Braun: Wir wollen vermitteln, was wir als Gesellschaft tun können, um auf häusliche Gewalt aufmerksam zu werden. Wir wollen etwas für die Menschen tun, für die das Zuhause nicht ein Ort ist, an dem sie gerne sind, sondern sich durch Corona die Situation gravierend verschlechtert hat. Man lernt Personen kennen, die häusliche Gewalt erlebt haben und ihre Geschichte erzählen.
Wir wollen so viele Menschen wie möglich, darauf aufmerksam machen, wie groß das Problem der häuslichen Gewalt ist und vor allem, was wir als Mitmenschen tun können – welche Zeichen es zu erkennen gilt, was man dann machen kann, wie man helfen kann. Wir wollen Ansprechpartner und Anlaufstellen nennen, sowie Handreichungen für die Gesellschaft im Umgang mit häuslicher Gewalt geben. So werden Auszüge aus einer Broschüre verlesen, die eine schwedische Hotline für Betroffene von häuslicher Gewalt zusammengetragen hat.
Wir wollen erreichen, dass die Menschen künftig genauer hinschauen und es ansprechen, wenn sie merken, dass Menschen zum Beispiel blaue Flecken haben. Eine große Inspiration war für mich dabei das viral gegangene Video „Männerwelten“ von Joko und Klaas.

Filmemacher Jakob Rockmyr und Moderatorin Beatrice Silow bei der Produktion des Films in Göteborg. Foto: privat

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Filmemacher Jakob Rockmyr und Moderatorin Beatrice Silow bei der Produktion des Films in Göteborg. Foto: privat

BT: Was war Ihre Rolle bei der Umsetzung?
Braun: Ich war zusammen mit Ida Wackerberg Projektleiterin, ähnlich wie in meinem Berufsleben auch. Am Anfang war meine Rolle die Ideenfindung und der Pitch vor der Jury sowie Beiträge, Protagonistinnen und eine Location für den Film zu finden. Ich habe viele Menschen – Betroffene, eine Gynäkologin, einen Sozialarbeiter – und Organisationen wie die Polizei kontaktiert, zusammen mit Ida ein Drehbuch für den Film verfasst, den Drehtag koordiniert, mit unserem Filmproduzenten Jakob Rockmyr Absprachen getroffen und Rücksprache gehalten. Von der Präsentation der Idee am 29. Mai bis zur Umsetzung – gedreht wurde am 28. Juni – ist etwa ein Monat vergangen. Zu guter Letzt habe ich den Film, der am 12. Juli erschienen ist, auf den sozialen Medien verbreitet, um so Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken.

Künftig Teil von Vorlesungen und Ausbildungen

BT: Wie war die Resonanz?
Braun: Durchweg positiv. Uns wurde zum Beispiel für unseren Dreh kostenlos eine große Mehrzweckhalle, in der ansonsten Konzerte und Handballspiele stattfinden, zur Verfügung gestellt. Sogar die Lichttechniker haben uns ohne Entgelt geholfen, weil sie das Projekt unterstützen wollten.
Wir hatten Sorge, dass wir mit Beleidigungen und Drohungen konfrontiert werden, weil wir im Rahmen unserer Recherche mit einem Experten gesprochen haben, der Influencer berät, die zur Zielscheibe von Hass geworden sind. Daher waren wir zunächst verunsichert. Diese Sorge blieb jedoch unbegründet.
Bisher haben wir ausschließlich positives Feedback erhalten. So hat Maria Bauer, eine Expertin für Gewaltprävention und unsere letzte Protagonistin im Film, angekündigt, ihn künftig in ihre Vorlesungen einzubauen. Eine psychologische Beratungsstelle hat den Film nun in ihr Ausbildungscurriculum aufgenommen. Auf Facebook, Instagram, Linkedin und Youtube wurde der Film bisher etwa 15.600 Mal aufgerufen.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

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