„Zweite Zukunft“ lässt das Publikum nicht unberührt

Baden-Baden (co) – Mit der Kinopremiere seines Spielfilms „Zweite Zukunft“ stellt sich der Baden-Badener Filmemacher Abdullah Rajab Almalla den Herausforderungen eines neuen Lebens.

Regisseur Almalla appelliert an die Zuhörer, den Anfängen zu wehren und Auschwitz nicht zu vergessen. Foto: Hecker-Stock

© co

Regisseur Almalla appelliert an die Zuhörer, den Anfängen zu wehren und Auschwitz nicht zu vergessen. Foto: Hecker-Stock

Von Conny Hecker-Stock

Es waren 85 Minuten, die niemanden im Publikum unberührt ließen. Mit der Kinopremiere seines Spielfilms „Zweite Zukunft“ stellt sich der Baden-Badener Filmemacher Abdullah Rajab Almalla den Herausforderungen eines neuen Lebens nach Krieg, Flucht und vielfältigen Verlusten.

Es ist beeindruckend, was der gebürtige Syrer mit null Budget, dafür unterstützt von Freunden, die an seine Idee glaubten, da auf die Beine gestellt hat (wir berichteten). Der Film wechselt szenisch zwischen den Problemen in der neuen Heimat Deutschland, wo ihm nicht jeder wohl gesonnen ist, und sehr präsenten, dramatischen Erinnerungen an Folter und Flucht in Syrien.

Man mag es kaum glauben, dass sich mit Amir (Zohair Serestou) in der Hauptrolle ein absoluter Laiendarsteller präsentiert. Sein ausdrucksstarkes Gesicht spiegelt alle Emotionen und lässt die Zuschauer im ausverkauften Kinosaal jede Situation intensiv miterleben. Berufsschauspieler mit aktuellen oder einstigen Engagements am hiesigen Theater schlüpfen in die Rolle der Mitarbeiter des kleinen Filmstudios, in dem sich Amir eine zweite Chance und damit ein Leben in Frieden erhofft. Oliver Jacobs spielt den rassistischen Kollegen Philipp mit solch unangenehmer Penetranz und damit so überzeugend, dass einem übel werden könnte. Sebastian Mirow gibt den anfangs noch wohlwollenden Chef, mit Micha (Nikolaj Alexander Brucker) entspinnen sich allmählich zarte Freundschaftsbande. Er unterstützt Amir und glaubt an ihn, gemeinsam mit Freundin Lisa (Sandra Fleckenstein) lädt er ihn zum Frühstück, man lernt einander kennen und schätzen. Seinen besten Freund Rami lernte Amir auf der Flucht kennen. Diesen Part verkörpert Dimetrio-Giovanni Rupp glänzend – besonders intensiv während einer Rückblende, als er auf der Flucht den tieftraurigen Amir im Wald auffordert, von seiner Frau zu erzählen, die während seiner Haft im syrischen Gefängnis vergewaltigt und ermordet wurde. Mit den Händen putzt Rami das Erdreich, nutzt die Erde für eine rituelle Waschung, greift zum Koran und beschwört Amir mit der Hand auf dessen Schulter zu Geduld und Gebet. Er bleibt auch in Deutschland der gute Freund, zu dem man selbst um Mitternacht kommen kann, und ist immer für den aufgrund Philipps unfairen Attacken zunehmend verzweifelten Amir da.

Weitere Vorstellungen

Zu den Rückblenden gehören Folterszenen mit dem Kopf im Wassereimer, und immer wieder Gespräche des in Ketten liegenden Amir in seiner winzigen Gefängniszelle, teils mit einem imaginären Gegenüber, was ihn an die Grenze des Wahnsinns führt. Gedreht wurde in und um Baden-Baden. So sucht Amir in seiner Verzweiflung die Bernharduskirche auf und entzündet eine Kerze, wo er von Pfarrer Hans Vogt freundlich angesprochen wird. Ganz tief berührend ist auch eine Szene auf dem Friedhof mit auf Bodenhöhe aufgenommener Kamera. Völlig aufgelöst vor Kummer kniet Amir dort, gräbt mit den Händen eine Mulde und beerdigt das Foto seiner Frau, spricht mit den umgebenden Toten, sie sollen gut auf sie aufpassen. Regisseur Almalla selbst mimt in mehreren Szenen den fiesen Araber, der arrogant und frech auftritt und klaut und damit für das muslimische Negativbild steht. Dramatisch sind neben der spektakulären Kameraführung immer wieder die geschickten Musikeinspielungen von Florian Janssens und Sängerin Slata. Die Aussagen der Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs in Amirs Film gehen unter die Haut – zwei davon sind bereits kurz nach Fertigstellung des Films verstorben, Charlotte Klotter war im Kino anwesend. „Zweite Zukunft“ wird nochmals am 4. Februar um 19.45Uhr und am 12. Februar um 17 Uhr gezeigt.

Zum Artikel

Erstellt:
3. Februar 2020, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 45sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.