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Fernseher aus – Singen, Malen und Kresse züchten

Baden-Baden/Bühl (hol) - Eine Altersmedizinerin aus der Region gibt Tipps für Senioren in der Corona-Krise. Im zweiten Teil unserer Serie gibt es viele hilfreiche Hinweise für eine bessere Stimmung.

Ein Blick in die alte Plattensammlung kann auch hilfreich sein.  Foto: Shah

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Ein Blick in die alte Plattensammlung kann auch hilfreich sein. Foto: Shah

Von Harald Holzmann

Das Coronavirus bringt unser aller Alltag durcheinander. Betroffen sind auch viele alte Menschen, denen in diesen Tagen Bewegung und soziale Kontakte fehlen. Die aus Baden-Baden stammende Altersmedizinerin Dr. Samina Shah, Chefärztin einer geriatrischen Reha-Klinik in Nordrach, hat Tipps zusammengestellt für ältere Menschen, die zeigen, wie man sich auch ohne Spaziergänge an der frischen Luft beweglich und ohne Sozialkontakte bei guter Laune halten kann. Das BT veröffentlicht diese Tipps in einer kleinen Serie. Heute geht es um die Verbesserung der Stimmung.
Ein wichtiges Thema in der Geriatrie ist neben dem Erhalt der Beweglichkeit auch die Isolation und Depression. Häufig wird diese ausgelöst durch plötzlichen Autonomieverlust, beginnende Demenz, Einsamkeit, frühere Traumatisierung im Leben oder Konflikte innerhalb der Familien, die ja jetzt zu Corona-Zeiten gerade in häuslicher Enge durchaus auch öfter auftreten können. Auch Suizidalität ist ein recht häufiges Thema bei älteren Menschen – ganz besonders bei einsamen alten Männern.

Abwarten - und Tee trinken ist in allen Lebenslage eine gute Option. Foto: Shah

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Abwarten - und Tee trinken ist in allen Lebenslage eine gute Option. Foto: Shah

In der Geriatrie, der Altersheilkunde, arbeitet man mit vielen Maßnahmen dagegen an. Gesprächstherapie, Kreativtherapie, Singen (Musiktherapie und Logotherapie sind einige davon. Natürlich braucht man manchmal auch Medikamente zur Stimmungsbesserung, wobei wir da in der Altersmedizin vorsichtig sind. Aufgrund der Nebenwirkungen sind nur wenige Antidepressiva geeignet.

Eine Gymnastik für das Verhalten

In der vergangenen Woche haben wir den Lesern Übungen gezeigt, mit deren Hilfe man sich fit halten kann, auch wenn man nicht das Haus verlassen darf. Ich bitte Sie, weiter mit der Gymnastik fortzufahren. Heute geht es um die Stimmung, um traurige, vielleicht sogar lebensmüde Gedanken. Auch dafür gibt es Möglichkeiten – sozusagen eine Gymnastik für das Verhalten.

Sie alle haben schon schwere Zeiten erlebt und ihre eigenen Strategien entwickelt und dabei bemerkt, was hilft, wenn es einem seelisch nicht so gut geht. Angesichts der Corona-Pandemie und den ständigen schwindelerregenden Nachrichten im Fernsehen und im Radio möchte ich heute neue Tipps geben, damit die Stimmung trotz allem weiter gut bleibt. Vielleicht müssen wir einfach mal den Fernseher und das Radio ausschalten und uns um uns kümmern. Heute nennt man das ja ganz modern auch Achtsamkeit, und das ist sehr in Mode.

Wir müssen nun einfach abwarten und Tee trinken und uns nicht runter ziehen lassen. Und das ist wortwörtlich gemeint. Kochen Sie sich eine Tasse Ihres Lieblingstees und spüren Sie dem Geschmack Schluck für Schluck nach. Und wenn Sie keinen Tee mehr im Haus haben, dann lassen Sie sich von jüngeren Nachbarn, Ihren Angehörigen oder Freunden Tee bringen.

Mit dem Hund kuscheln tut Mensch und Tier gut. Foto: pr

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Mit dem Hund kuscheln tut Mensch und Tier gut. Foto: pr

Auch Musik kann Wunder wirken. Hören Sie alte Lieder. Schauen Sie mal, was da in dem Schrank mit CDs oder LPs noch auf Sie wartet und was Sie schon seit Jahren nicht mehr gehört haben. Oder machen Sie Musik selbst. Haben Sie ein Instrument daheim, probieren Sie es mal wieder aus. Falls nicht, singen Sie einfach ein Frühlingslied. Singen ist gleichzeitig Atemgymnastik.

Wenn Sie gerne Bilder malen, dann greifen Sie mal wieder zum Pinsel oder zum Zeichenstift. Und wenn es Mandalas sind, dann wirkt das beruhigend und ist eine schöne frühlingshafte Deko für die Wand – wetten, dass...? Mandalas zum Ausmalen können Ihnen sicher die Enkelkinder ausdrucken und sie Ihnen per Post schicken.

Streicheleinheiten und Spaziergänge im Garten

Auch wir Menschen brauchen Streicheleinheiten, was ja aktuell gerade aufgrund der Distanzregelung besonders schwerfällt. Auf zwei Meter Abstand ist es unmöglich zu kuscheln. Aber es reicht ja auch schon mal eine Streicheleinheit mit der Nachbarkatze oder dem Hund von gegenüber. Und vielleicht haben Sie ja auch noch ein Kuscheltier von früher oder von einem Ihrer Kinder. Was da für Erinnerungen hochkommen können!

Kleine Spaziergänge halten auch bei Laune.

Kresse säen und beim Wachsen zuschauen, ist einer der Tipps.  Foto: pr

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Kresse säen und beim Wachsen zuschauen, ist einer der Tipps. Foto: pr

Die schöne, aufblühenden Natur ist selbst im kleinsten Garten zu spüren – ja, sogar bei einem Rundgang durch die eigene Wohnung und einem achtsamen Blick durch die Fenster. Und wer dabei ganz genau hinschaut, der kann überall Blüten, Käfer, Vögel, interessant geformte Bäume oder kleine Kräuterchen entdecken, die dem Licht entgegensprießen. Trotz Corona: Der Frühling ist schon da.

Pflanzen Sie Kresse. Ein bisschen Samen auf einem Unterteller oder in einem alten Joghurtbecher reicht. Die genügsame Pflanze wächst auch auf Watte statt Erde. Immer schön feucht halten – und sehen Sie in zwei Tagen, wie das Leben wächst. Nächste Woche können Sie dann ein Butterbrot mit Salz und Kresse verspeisen. Mehr zum Thema Ernährung gibt es übrigens auch in der kommenden Woche in unserem nächsten Teil.

Seien Sie gewiss: Sie haben es in der Hand. Sie haben schon ganz andere Krisen gemeistert. Nutzen Sie das damals erworbene, ureigene Wissen! Generell denke ich, dass alte Menschen sehr viel besser entschleunigen können und viel achtsamer sind als junge Menschen. Als Arzt bin ich in diesen Tagen leider natürlich alles andere als entschleunigt – aber manche Patienten geben mir aktuell sogar Kraft, da sie keine Angst haben wegen Corona und einfach dankbar sind über das bisher gelebte Leben.

Zum Thema

Dr. Samina Shah ist Expertin für Altersmedizin und arbeitet seit Anfang 2019 als Chefärztin der geriatrischen Rehabilitation in der Winkelwaldklinik in Nordrach. Dort hat sie in diesen Tagen, wie die meisten ihrer Kollegen während der Corona-Krise, besonders viel zu tun, und deshalb ist es ihr auch ein ganz besonderes Anliegen, den Mitarbeitern in der Pflege und ihrem Team ein Dank auszusprechen für die tolle Arbeit, die derzeit geleistet wird. Shah ist zudem Fachärztin für Innere Medizin und Palliativmedizinerin und hat sich in ihrer Laufbahn auch mit Infektiologie und Tropenmedizin beschäftigt. Die 52-Jährige ist in Baden-Baden geboren und aufgewachsen und besuchte das Richard-Wagner-Gymnasium. Sie machte ihr Medizinstudium in Heidelberg im Anschluss an eine im dortigen Universitätsklinikum absolvierte Ausbildung zur Krankenschwester. Shah arbeitete in Kliniken in Wissembourg, Pirmasens, Klingenmünster, Kandel, Ludwigshafen und Karlsruhe und lebt mit ihrer Familie im benachbarten Elsass. Sie findet es wichtig, dass ältere Menschen auch in Zeiten der Corona-Krise, die viele Einschränkungen mit sich bringt, beweglich und geistig wach bleiben und will mit der Serie im BT einen Teil dazu beitragen, dass das unseren Lesern gelingt.

Musikmachen hat viele positive Effekte. Foto: Shah

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Musikmachen hat viele positive Effekte. Foto: Shah

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Erstellt:
1. April 2020, 10:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 09sec

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Margret Simon 03.04.202013:00 Uhr

Danke für Ihre guten Anregungen und Ideen.Ich bin begeistert und freue mich schon auf eine neue Folge .... Bleiben sie gesund und behütet.Ihre Margret Simon


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