Rotweindorf schwimmt gegen den Weißweintrend

Kappelrodeck (jo) – Die Mitglieder der Winzergenossenschaft (WG) Waldulm bewirtschaften zusammen etwa 127 Hektar Rebfläche. Mittlerweile wird bei der 1928 gegründeten WG eine Fusion mit einer anderen Genossenschaft nicht mehr ausgeschlossen.

Stammkundenpflege intensivieren, neue Weinliebhaber gewinnen: Die Vinothek der Waldulmer WG hat nach kurzer Corona-Zwangspause wieder geöffnet.  Foto: Eiermann

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Stammkundenpflege intensivieren, neue Weinliebhaber gewinnen: Die Vinothek der Waldulmer WG hat nach kurzer Corona-Zwangspause wieder geöffnet. Foto: Eiermann

Von Joachim Eiermann

Das dominante, lang gezogene Gebäude in der Weinstraße symbolisiert Größe und Bedeutung der Winzer in Waldulm. Der Wein aus dem Ort hat einen traditionell guten Ruf, die Präsenz im Internet ist auf der Höhe der Zeit. Ein Außenstehender ahnt so gar nichts von den heftigen Querelen im Rotweindorf mit seinen 1250 Einwohnern, wären da nicht die Negativschlagzeilen jüngster Zeit. Ein Streit hat die örtliche Winzergenossenschaft (WG) bis in die Grundfeste erschüttert (wir berichteten).
Fürs Erste scheint etwas Ruhe eingekehrt. Vermutlich auch wegen des dämpfenden Effekts von Corona, der Versammlungen und damit den Anlass für hitzige Wortgefechte verbietet. Geschäftsführer Andreas Wiegert, der aus der Automobilbranche kam, musste am 20.März seinen Hut nehmen. Es ist bereits der vierte Wechsel auf dieser Position innerhalb von nur zehn Jahren, sichtbares Zeichen einer fortwährend verfehlten Personalpolitik in der Chefetage der Genossenschaft von rund 130 aktiven Winzerinnen und Winzern. Nicht nur Waldulmer, auch Mösbacher und Önsbacher liefern ihre Trauben im Ort ab. Nur noch wenige unter ihnen betreiben den Weinbau im Haupterwerb, die meisten sind Nebenerwerbs- oder Hobbywinzer. Ein Knochenjob, der viel abverlangt und auch viel gibt, aber monetär immer weniger abwirft. Insbesondere im Rotweindorf Waldulm.

Die Erlöse für die Erzeuger sind buchstäblich im Keller, andere Winzergenossenschaften im „Weinparadies Ortenau“ erzielen ein Traubengeld, das auskömmlicher ist. „Wir sind uns bewusst, dass die Auszahlungen keineswegs zufriedenstellend sind“, erklärt der Aufsichtsrat. Die desolate Ertragslage 2018 wurde im vergangenen Weinjahr von einem noch mieseren Ergebnis getoppt. Dem darob entlassenen Geschäftsführer werden in aller Deutlichkeit „desaströse wirtschaftliche Entscheidungen“ vorgeworfen. Als dieser ebenfalls austeilte, titelte das Fachmagazin „Weinwirtschaft“ auf seinem Onlineportal: „Rosenkrieg in Waldulm“. Wiegert kündigte an, seinen Rauswurf juristisch anfechten zu wollen. Auch der zweite Vorstand Martin Doll geriet in die Kritik und trat Anfang April zurück.

Weinbau ist heutzutage kein Selbstläufer mehr. Die gesamte Branche steht unter hohem Wettbewerbsdruck. Die Erlöse stagnieren, die Fixkosten steigen, die Marge schmilzt. Erschwerend kommt hinzu: Waldulm schwimmt als Rotweindorf gegen den Weißweintrend. Das Staatliche Weinbauinstitut Freiburg beziffert den Anteil von Müller-Thurgau, Weißburgunder und Co. im Weinland Baden auf knapp 60 Prozent der gesamten Ertragslagen. Mit Rotweinen sind lediglich noch leicht über 40 Prozent der Rebflächen bestockt. In Waldulm hingegen dominiert der Anbau des Blauen Spätburgunders mit etwa 80 Prozent – aus alter Tradition.

Mehr als 20 Jahre Vorstandsvorsitzender, jetzt als geschäftsführender Vorstand zurückgekehrt: Georg Börsig soll die Waldulmer WG wieder auf Kurs bringen.  Foto: Eiermann

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Mehr als 20 Jahre Vorstandsvorsitzender, jetzt als geschäftsführender Vorstand zurückgekehrt: Georg Börsig soll die Waldulmer WG wieder auf Kurs bringen. Foto: Eiermann

Doch die ruhmreichen Zeiten, als in höchsten Regierungskreisen und bei Staatsempfängen der Rote aus dem Seitental der Acher ausgeschenkt wurde, sind passé. Seinerzeit hieß die Bundeshauptstadt noch Bonn. Heute steht der badische Rotwein insgesamt in harter Konkurrenz zu Frankreich, Spanien und Italien, wo preisgünstiger produziert werden kann.

1959-Jahrgang sprengt alle Qualitätsmaßstäbe

Wie Ikonen sind zwei Flaschen Waldulmer des glorreichen 1959er-Jahrgangs im Weinarchiv des Winzerkellers in Szene gesetzt. Georg Börsig (63) kann dazu die Geschichte erzählen, wie der Wettergott im Frühjahr fast alle Triebe erfrieren ließ, hingegen die kleine Restmenge, die im Herbst ins Fass fand, alle Qualitätsmaßstäbe sprengte. Von 1991 bis 2013 fungierte Börsig als Vorstandsvorsitzender, neben seinem Hauptberuf als Bankkaufmann bei der Volksbank. Nunmehr hat der Aufsichtsrat ihn zurück in den Vorstand berufen, damit er als Geschäftsführer die Genossenschaft „in ruhigere Fahrwasser“ steuern möge. Man könnte auch sagen, um diese vor der Abwicklung zu bewahren.

Nach einer Bedenkzeit hat sich mit dem Geschäftsmann Klaus Gerber, einem Spezialisten für Recycling-Systeme, ein weiteres Mitglied für den Vorstand gefunden, um die gefährliche Krise zu bewältigen. In einem persönlichen Brief an die Winzer appelliert er eindringlich, die Grabenkämpfe und die Schuldzuweisungen einzustellen, und fordert ein sofortiges Umdenken und Handeln.

Fusion ist eine Option

Während im Umland mehrere WGs fusionierten, wie 2018 die Kappler Hex von Dasenstein mit Oberkirch oder die Affentaler Winzer aus Bühl mit Baden-Baden, ist Waldulm noch immer solo – seit der Gründung 1928 auf Initiative eines weinkundigen Ortspfarrers, der vom Kaiserstuhl nach Waldulm versetzt wurde. Dass vor dem 100-Jahr-Jubiläum noch eine Fusion stehen könnte, wird nicht ausgeschlossen. „Sinnvolle Kooperationen werden intensiv geprüft“, erklärt der Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Peter. Doch gestalte sich die Angelegenheit schwierig aufgrund der aktuellen Bedingungen auf dem Weinmarkt.

Fakt ist: Georg Börsig, der vom Aufsichtsrat neu in den Vorstand berufen wurde, hat sich zwar kein zeitliches Limit gesetzt. Er ist aber nicht angetreten, um nach seiner Banktätigkeit den Geschäftsführer auf Dauer zu machen. Auch Klaus Gerber, ebenfalls neu im Vorstand, hat „unmissverständlich“ klar gemacht, dass sein Engagement zwar kostenlos, aber zeitlich begrenzt ist. Personell steht einer Verschmelzung somit nichts im Weg. Gespräche seien in dieser Hinsicht aber noch keine geführt worden, heißt es.

Die mögliche Braut lagert als „Mitgift“ etwa 1,1 Millionen Liter Rebensaft im Schnitt pro Jahr ein, vier Fünftel davon sind rot. Dem allgemeinen Trend zu den Weißweinen setzt die WG acht Ausbauvariationen ihres so dominanten Blauen Spätburgunders entgegen, der sich nicht nur als Rotwein, sondern auch als Rosé ausbauen lässt und auch für mehrere Sekte und Seccos Verwendung findet. Außerdem gibt es noch den Pinot Blanc de Noir, einen weiß gekelterten Wein aus den blauen Trauben. Die Ersten, die 2003 damit in der Ortenau reüssierten, waren die Waldulmer Weingenossen.

Waldulmer Rebsorten

Die Mitglieder der Winzergenossenschaft Waldulm bewirtschaften zusammen etwa 127 Hektar (ha) Rebfläche. Davon entfallen allein 100 ha auf die Sorte Blauer Spätburgunder. Außerdem werden angebaut: Grauer Burgunder (8 ha), Müller-Thurgau (8 ha), Riesling (4 ha) sowie diverse weitere Rot- und Weißweinsorten (7 ha).

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Erstellt:
16. April 2020, 11:00 Uhr
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