Unterricht mit Schürze und Haarnetz

Bühl (mig) – An der Rheintalschule gibt es Spaghetti mit Tomatensoße, Eisbergsalat und eine Kohlrabi-Cremesuppe. 77 Schüler und Lehrer essen mit. Auf sie wartet kein angelieferter Mittagstisch aus der Großküche. Stattdessen kochen Schüler für ihre Mitschüler und Lehrer (Foto: mig).

Ungewöhnlicher Lernalltag: Schulleiter Axel Stöhr deckt gemeinsam mit seinen Schülern den Tisch.Gabriel

© mig

Ungewöhnlicher Lernalltag: Schulleiter Axel Stöhr deckt gemeinsam mit seinen Schülern den Tisch.Gabriel

Von Michaela Gabriel

Bühl – An der Rheintalschule in Bühl gibt es zum Mittagessen Spaghetti mit Tomatensoße, dazu Eisbergsalat und vorher eine Kohlrabi-Cremesuppe. 77 Schüler und Lehrer essen mit. Auf sie wartet kein angelieferter Mittagstisch aus der Großküche. Stattdessen kochen Schüler für ihre Mitschüler und Lehrer.

Fünf Siebtklässler machen sich um 10.30 Uhr ans Werk. Los geht es mit Schmuck ablegen, Hände waschen und desinfizieren, Schürze und Haarnetz anziehen. Marcel und Fabian sind Koch Wolf Greif zugeteilt. Jan, Gül und Pelin werden von Schulleiter Axel Stöhr angeleitet. Während die einen zehn Salatköpfe, acht große Zwiebeln und acht Kohlrabi klein schneiden, wischen die anderen die Tische ab und planen, was sie brauchen. Sie rechnen, wie viele Dritt- und Viertklässler an diesem Tag in der ersten Schicht essen werden. Dann holen sie flache Teller, tiefe Teller, Messer, Gabeln, Löffel und Gläser aus mehreren Schränken. Alles wird abgezählt und auf Servierwagen gestellt. „Macht Zehnerstapel“, rät der Schulleiter. Auch für die zweite Schicht muss ein Wagen gerichtet werden.

„Hier lernen die Schüler wahnsinnig viel. Ich nehme mir gern die Zeit dafür“, sagt Axel Stöhr. Morgens hatte er schon Telefondienst, hat die Post gesichtet, sich mit dem Hausmeister und der Schulsozialarbeiterin besprochen. Dann verlässt er das Rektorat und zieht Schürze und Haarnetz an. Zwischendurch muss er sich kurz um ausgelaufene Farbe bei den Neuntklässlern kümmern, aber die Siebtklässler machen auch ohne ihn weiter: Tische decken, Gläser mit Wasser füllen, danach die Geschirrhandtücher und Schürzen aus der Waschmaschine holen und zusammenlegen.

Hygieneregeln bei der Lagerung und Zubereitung von Lebensmitteln, am eigenen Körper und bei den Küchengeräten werden hier geübt. Aber noch viel mehr Ziele des Bildungsplans passen zum Kochen für Mitschüler: Pünktlichkeit und achtsamer Umgang mit Arbeitsmitteln zum Beispiel. Oder Arbeiten zu planen, im Team zu verteilen, bis zum Ende auszuführen.

Fabian hat sich zum Schneiden der Kohlrabi ein großes Messer geholt und bleibt geduldig dran, bis das harte Gemüse in Stücken vor ihm liegt. Mit dem Eisbergsalat geht es leichter, und er wäscht ihn sorgfältig. Der zwölfjährige Marcel schält und hobelt die vielen Zwiebeln für die Tomatensoße, auch wenn ihm dabei die Augen tränen. Drei Kilo Spaghetti in den riesigen Topf zu geben, das macht ihm mehr Spaß.

Wolf Greif zeigt ihm, wie er die Salatsoße mit dem Mixer aufrührt. Der 68-jährige Koch aus Sinzheim hat hier den genau richtigen Job für sich gefunden. Das Klinikum Mittelbaden, Bildungspartner der Rheintalschule, hat ihn und zwei Küchenhilfen in Teilzeit eingestellt. „Stress in der Gastronomie hatte ich genug. Das hier ist Vergnügen“, sagt der Rentner. Er plant für jeden Montag, Dienstag und Donnerstag jeweils zwei Gänge für bis zu 90 Schüler und Lehrer. Er bestellt die Lebensmittel und leitet abwechselnd die Schüler der siebten, achten und neunen Klasse an. „Herr Greif ist der beste Koch!“, macht ihm ein Neuntklässler auf dem Flur ein Kompliment. Der schaut kurz vorm Herd auf und lächelt still.

Jetzt müssen noch die gekochten Kohlrabi zerkleinert und mit Sahne verfeinert werden. Die Tomatensoße wird probiert, die Spaghetti abgeschüttet. Pünktlich um 12 Uhr ist alles fertig. Während sich die hungrigen Mitschüler der ersten Schicht vor der Tür aufstellen, werden Schüsseln gefüllt, auf die Servierwagen gestellt und auf die Tische verteilt. Dann setzen sich auch die jungen Küchenhelfer mit ihrem Schulleiter und dem Koch an den Tisch. „Die Suppe schmeckt lecker!“, hört man und „Ich mag keinen Käse.“ Dass trotzdem jeder von allem etwas probiert, darauf legt der Schulleiter wert. Er selbst gönnt sich zum Mittagessen am Helfertisch in der Küche einen Kaffee als Extra.

Nach einer halben Stunde ist die Mahlzeit beendet und die pädagogisch wertvolle und schlicht notwendige Arbeit geht weiter: abräumen, spülen, abtrocknen, alles an den Platz zurückstellen und die Küche putzen. Erst um 14 Uhr gehen die Teilnehmer am Projekt „Schüler kochen für Schüler“ nach Hause. Sie dürfen stolz auf sich sein. Natürlich lernen sie auch im Hauswirtschaftsunterricht das Kochen. Aber nicht gleich für 77 oder mehr Personen… Das können die wenigsten.

Zum Thema

Unter Anleitung von Koch Wolf Greif landen die Spaghetti für 77 Personen im Kochtopf.

© mig

Unter Anleitung von Koch Wolf Greif landen die Spaghetti für 77 Personen im Kochtopf.

Unterricht mit Schürze und Haarnetz

Zum Artikel

Erstellt:
16. Dezember 2019, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 08sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.