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Vom Erntehelfer zur „rechten Hand“ des Chefs

Rheinmünster (iru) – Die in diesen Tagen zu Ende gehende Spargelsaison wird Jacek Grabski noch lange in Erinnerung behalten. Der 50-jährige polnische Staatsangehörige ist seit 20 Jahren Erntehelfer auf dem Landwirtschaftsbetrieb von Franz Leonhard in Söllingen. „Das war für alle hier eine sehr anstrengende Zeit, aber gemeinsam haben wir es geschafft“, blickt er nicht ohne Stolz auf die vergangenen arbeitsintensiven Wochen zurück.

Jacek Grabski (vorne) und Steffen Angelstein beim Sortieren der Spargelstangen auf dem Hof in Söllingen.  Foto: Ruschmann

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Jacek Grabski (vorne) und Steffen Angelstein beim Sortieren der Spargelstangen auf dem Hof in Söllingen. Foto: Ruschmann

Von Ingbert Ruschmann

Leonhard ist voll des Lobes für seine „rechte Hand“ im eigenen Familienunternehmen. „Jacek ist ein echtes Multitalent“, hebt er die Vielseitigkeit seines „Capos“ hervor. Während der Erntezeit ist der gelernte Tischler insbesondere bei der weiteren Verarbeitung des königlichen Gemüses vorwiegend an der Sortiermaschine beschäftigt. Sein geschultes Auge differenziert täglich unzählige Spargelstangen im Wesentlichen nach deren Form, Verfärbungen und nach dem Aussehen der Köpfe. Bis zu elf verschiedene Sortierungen verlangen viel Erfahrung und einen sicheren Blick für die qualitativen Unterschiede beim Stangenspargel.

Grabski ist aber nicht nur während der eigentlichen Spargelzeit, sondern bereits bei den Saisonvorbereitungen und bei der Topinamburernte aktiv. Nach dem Ende der Spargelsaison wird er noch bis etwa Mitte August den 60-jährigen Betriebsinhaber bei anderen Arbeiten wie dem Entfahnen im Maisanbau oder dem Beregnungsmanagement unterstützen.

Als Jacek Grabski erstmals auf dem Landwirtschaftsbetrieb von Franz Leonhard als Erntehelfer beim Tabakanbau anheuerte, ahnte er noch nicht, dass das 1400-Seelen-Dorf am Rhein zu seiner zweite Heimat werden würde. Zusammen mit einem Bekannten hatte er sich auf den gut 1200 Kilometer langen Weg von seiner etwa 150 Kilometer südöstlich von Danzig gelegenen Heimatstadt Ilawa nach Söllingen gemacht.

„Das Geld natürlich“, antwortet er schmunzelnd auf die Frage nach der eigentlichen Motivation für eine Tätigkeit als Erntehelfer in Deutschland. Immerhin musste er während der mehrwöchigen Erntezeit seine Frau und seinen damals neunjährigen Sohn und seine gerade das Licht der Welt erblickende Tochter zurücklassen.

Als sechs Jahre später die Ära des Tabakanbaus auf dem Betrieb von Franz Leonhard zu Ende ging, entschied sich Grabski für eine Weiterbeschäftigung auf dem Söllinger Hof auf den Spargelfeldern. In den Folgejahren zeichnete er sich durch Fleiß, Loyalität und eine ausgeprägte Motivation für die Ausweitung seiner Fachkenntnisse aus. Inzwischen hat er es auf dem Söllinger Betrieb zum Vorarbeiter gebracht, der nahezu alle anfallenden Tätigkeiten und zu bedienenden Maschinen beherrscht.

Seit die Kinder erwachsen sind, kommt auch Ehefrau Edyta jedes Jahr in das direkt am Rhein gelegene Dorf zum Mitarbeiten. Heute sind es nicht allein die im Vergleich zu seiner polnischen Heimat besseren Verdienstmöglichkeiten, die Grabski Jahr für Jahr für eine Mitarbeit in der Landwirtschaft von Franz Leonhard motivieren. Mit einem klaren „Nein“ begegnet er der Frage, ob er nicht irgendwann daran gedacht habe, eine neue berufliche Herausforderung zu suchen. „Mir gefallen das familiäre Miteinander und das gute Arbeitsklima“, erklärt er. Leonhards Ehefrau Sabine nennt die überschaubare Größe als Grundlage für die familiäre Atmosphäre im Betrieb.

„Es ist alles ein bisschen schneller geworden“, antwortet Grabski auf die Frage nach Veränderungen während seiner langjährigen Tätigkeit im Spargelanbau. Längst vorbei seien die Zeiten, in denen die Spargel vor dem Stechen nahezu vollständig ausgegraben und die Stangen gezielt knapp oberhalb des Spargelstocks von diesem abgetrennt wurden. Heute werde nur noch das obere Drittel freigelegt und dann „halbblind“ an der nur vermuteten, weil nicht einsehbaren Stelle das Spargelmesser angesetzt. Zwar führt der schnellere Arbeitsprozess regelmäßig zu mehr Spargelbruch, doch insgesamt sei dies wirtschaftlicher und werde durch die deutlich höhere Erntemenge mehr als kompensiert, begründet Leonhard die sich inzwischen in allen Erntebetrieben durchgesetzte Technik.

„Die körperliche Belastung ist aber nicht kleiner geworden“, betont Steffen Angelstein, der wie Grabski in dieser Erntezeit seit 20 Jahren in Söllingen als festangestellter Mitarbeiter ganzjährig tätig ist. Für den aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt stammenden Werkzeugbauer war die Einführung der Vorrichtungen zum Anheben der Abdeckfolien eine spürbare Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf dem Spargelfeld.

Sorgen um ihren Arbeitsplatz müssen sich Jacek Grabski und Steffen Angelstein nicht machen. Eine voll automatisierte Spargelernte, wie in manchen Großbetrieben praktiziert, wird es bei Franz Leonhard weder in naher noch in ferner Zukunft geben: „Eher mache ich den Laden dicht“, sagt er schmunzelnd und augenzwinkernd.

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Erstellt:
25. Juni 2020, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 57sec

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