Vordergründig Unscheinbares zum Glitzern gebracht

Bühl/Ottersweier (jo) – Als Gutsverwalter, Mundart-Geschichtenerzähler und einstiger Streiter für das Land Baden wird Paul Güde in Erinnerung bleiben. 77-jährig ist er vergangenen Freitag verstorben.

Gutsverwalter, Mundarterzähler und Baden-Aktivist: So wird Paul Güde in Erinnerung bleiben. Foto:  Eiermann/Archiv

© Joachim Eiermann

Gutsverwalter, Mundarterzähler und Baden-Aktivist: So wird Paul Güde in Erinnerung bleiben. Foto: Eiermann/Archiv

Als Gutsverwalter, Mundart-Geschichtenerzähler und einstiger Streiter für das Land Baden wird Paul Güde in Erinnerung bleiben. 77-jährig ist er vergangenen Freitag verstorben. Er war ein Original schlechthin, ein Idealist, ein leibhaftiger Alemanne. Einer, der nicht immer bequem war und für eine Sache, wenn sie ihm wichtig genug erschien, streiten konnte. Doch er hatte stets das Gute im Blick, er suchte die Identifikation in einer ländlichen Umgebung, fernab jedweder Heimattümelei.

Seine letzte Lebensphase war von Krankheit und Schicksalsschlägen begleitet, seine beste Zeit hatte Paul Güde auf dem Aspichhof oberhalb von Ottersweier verbracht. 40 Jahre lang hatte er dort die Fäden gezogen: 1967 war Güde als junger Agrar-Ingenieur an den mehr als 700 Jahre alten Gutshof gekommen, eine Einrichtung des Landkreises Bühl, später Rastatt, in der psychisch kranke Menschen bis heute eine sinnvolle Lebensaufgabe in der Landwirtschaft finden. Dass der Bauernhof alle Stürme politischer Reformen überlebte, war vor allem Güdes Verdienst, der neue Geschäftsideen wie den Hofladen entwickelte.

Vor zwölf Jahren gab er „die Eselslast der Verantwortung“ ab, wie er sagte. Er zog zunächst nach Sasbachwalden, lebte mehrere Jahre in Achern, zuletzt in Bühl. Es war ruhig geworden um den Mitbegründer der badisch-elsässischen Kulturreihe „Novemberlicht“, welche heute die Stadt Bühl erfolgreich weiterbetreibt. Auch wenn Paul Güde sich schon vor Jahren von der Veranstaltung zurückgezogen hat, wird sein künstlerisches Werk nicht in Vergessenheit geraten: seine schillernden Schilderungen des Hoflebens, die es bis ins SWF-Fernsehen schafften, in dessen Weihnachtssendungen mit Werner Otto Feißt er regelmäßig mitwirkte. Die pointierten Geschichten mit einem oft wahren Kern und träumerisch-philosophischer Note spielen in einem bäuerlichen Mikrokosmos mit heimeligem Milieu, das es so längst nicht mehr gibt. Sie handeln von den Leuten, die dort leben: Menschen mit Ecken und Kanten, die ihren ganz eigenen, liebenswerten Charakter haben.

Zwei CDs sind der Nachwelt erhalten; „s‘ Lebe halt“ lautet der Titel der ersten. Sein „Lebe“ hatte am 21. März 1942 in Wolfach im Kinzigtal als fünftes von acht Kindern begonnen. Sein Vater Max spielte nach Kriegsende im politischen Leben der jungen Bundesrepublik eine bedeutende Rolle, was auch ihn prägte. 1951 fand die erste Volksabstimmung zur Wiederherstellung des Freistaats Baden statt. „Darüber wurde bei uns zu Hause dauerhaft und heftig diskutiert. Es war meine erste politische Erfahrung.“ Das Familienoberhaupt war seinerzeit Bundesanwalt, später wurde Max Güde Generalbundesanwalt, danach Karlsruher CDU-Abgeordneter. „Mein Vater war kein Altbadener, hielt aber das Verfahren der Abstimmung für unrechtmäßig.“ Als es 1970 zu einer erneuten Volksabstimmung kam, verspürte der junge Güde eine „moralische Berechtigung“, das badische Anliegen aktiv zu unterstützen. Er stand jedoch mit seinen Mitstreitern auf verlorenem Posten. Der Südwest-Staat, das Bundesland Baden-Württemberg, hatte sich fest etabliert.

Indes war ihm als Aktivist gegen den Bau eines Atomkraftwerks in Whyl ein politisches Erfolgserlebnis beschert. Dort wurde auch der Künstler in ihm geweckt, indem er mit Liedermachern wie Walter Mossmann und René Egles Bekanntschaft machte. Im reiferen Alter gestaltete Güde 18 Jahre lang die Ratspolitik in Ottersweier mit. Er war Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler und gegen Ende seiner kommunalpolitischen „Laufbahn“ auch Mitglied des Rastatter Kreistags.

Seine große Stärke war jedoch die Kunst des „G’schichtle“-Erzählens, die er mit sonorer Stimme meisterhaft beherrschte. Zusammen mit seinem Gitarre spielenden Sohn oder elsässischen Künstlerfreunden knüpfte er bei den Auftritten an die vergessene Tradition bäuerlicher z’Licht-Geh-Abende an. „Es war mein Ehrgeiz, vordergründig Unscheinbares anzuleuchten und damit ein wenig zum Glitzern zu bringen“, sagte Güde, Ehrenmitglied des Autoren-Netzwerks Ortenau-Elsass, von sich. Das ist ihm unzweifelhaft gelungen.

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Erstellt:
2. Januar 2020, 00:00 Uhr
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