Zu wenig Wohnraum für Behinderte

Baden-Baden (up) – Am 1. Oktober hat Markus Tolksdorf bei der Lebenshilfe das Amt des Geschäftsführers übernommen. Der 57-Jährige erreicht damit im Januar die ersten 100 Tage seiner Amtszeit.

Markus Tolksdorf ist Geschäftsführer der Lebenshilfe. Foto: Philipp

Markus Tolksdorf ist Geschäftsführer der Lebenshilfe. Foto: Philipp

Am 1. Oktober hat Markus Tolksdorf bei der Lebenshilfe das Amt des Geschäftsführers von seinem Vorgänger Harald Unser übernommen. Der 57-Jährige erreicht damit im Januar die ersten 100 Tage seiner Amtszeit. Aus diesem Anlass hat das BT ein Gespräch mit Tolksdorf geführt über seine ersten Erfahrungen und Eindrücke bei der Lebenshilfe in der Region Baden-Baden, Bühl und Achern, bei der sich 500 Mitarbeiter um etwa 700 Behinderte aller Altersstufen kümmern.

Tolksdorf ist geboren in Münster/Westfalen und hat in den vergangenen Jahren in München eine große Behinderteneinrichtung geleitet. „Menschen mit Behinderung strahlen Lebensfreude aus“, sagt Tolksdorf auf die Frage nach den Motiven für seine Arbeit. Deshalb habe er die Behindertenarbeit in den zurückliegenden zehn Jahren zu seinem Beruf gemacht.

Er engagiere sich nicht etwa deshalb, weil er deren Leben so furchtbar fände, stellt er klar. Tolksdorf ist auch persönlich betroffen, so hat er aus erster Ehe einen knapp 30-jährigen behinderten Sohn, der in München lebt und dort auch nach dem Umzug seines Vaters bleiben möchte, weshalb sich ein Treffen der beiden in Zukunft auf Urlaube und Wochenenden beschränken wird.

Als eine der Herausforderungen seiner Amtszeit sieht Tolksdorf die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes, das 2017 in Kraft getreten ist. „Bisher ging Geld an die Einrichtung, die den Behinderten betreut hat. Jetzt ist es so, dass der Behinderte sich die von ihm gewünschten Leistungen einkauft“, erklärt der Geschäftsführer. Konkret bedeutet dies, dass Behinderte über die aktuell bestehenden Angebote einer Einrichtung hinaus das bekommen sollen, was sie brauchen, um sich weiterentwickeln zu können. In beruflicher Hinsicht heißt dies beispielsweise, dass Behinderte neben der Arbeit in den Lebenshilfe-Werkstätten auch die Chance erhalten sollen, eine Ausbildung zu absolvieren. Und was ihre Wohnsituation betrifft, sollen die Behinderten in Zukunft die Wahl haben, ob sie in einer Wohngemeinschaft oder alleine leben möchten, falls dies ihr Betreuungsgrad zulässt. „Dies ist die fundamentale Änderung, die ansteht und die es zu gestalten gilt. Wir müssen unser Angebot individueller oder modular gestalten“, betont Tolksdorf.

Schulungen sind nötig

So würden neue Konzepte für Bauprojekte benötigt. „Neue Gebäude müssen auch von außen aussehen wie ein normales Haus“. Eine zusätzliche Herausforderung ist, zunächst einmal Wille und Wünsche von Behinderten zu erkennen, die sich möglicherweise nicht verständlich machen können. „Darauf wird es in der nächsten Zeit ankommen“, so Tolksdorf. Er weist in diesem Zusammenhang auf notwendige Schulungen und Fortbildungen der Mitarbeiter in „Unterstützter Kommunikation“ hin, einem entscheidenden Hilfsmittel, zu dem auch die sogenannte „Leichte Sprache“ gehört. Diese arbeitet unter anderem mit Bildern, kurzen Sätzen und ohne Fremdworte. Eine weitere Herausforderung für die Institution sieht Tolksdorf darin, ehrenamtliche Mitarbeiter zu gewinnen: „Wir suchen sie händeringend“, stellt er fest und betont, Behinderte bräuchten auch nicht-professionelle Ansprechpartner, um Bekanntschaften oder Freundschaften schließen zu können. „Es muss Alltag sein, dass Behinderte dabei sind“, sagt Tolksdorf und verweist als Beispiel auf Sportvereine, die Behinderten bereits jetzt die regelmäßige Teilnahme an Tennis-, Fußball- oder anderen Sportveranstaltungen ermöglichen. Was anstehende Bauprojekte betrifft, sieht der Geschäftsführer dringenden Bedarf für etwa 30 Wohnplätze, damit Behinderte alleine oder in kleinen Wohngruppen leben können. Die Herausforderung bestehe darin, dass es nach der Gesetzesänderung für solche Bauten immer weniger Geld gebe. „Deshalb brauchen wir verstärkt Sponsoren und Investoren“, denn die staatliche Eingliederungshilfe finanziere Bauten lediglich auf Sozialhilfeniveau, so Tolksdorf.

Die Kommunen nehme er im Badischen als sehr unterstützungsbereit und wohlwollend wahr, was aber nur ein Standbein sein könne. Denn die finanzielle Ausstattung des Staates für die Behindertenarbeit sei im Gegensatz zu früher nicht mehr auskömmlich. Es mache einen gewaltigen Unterschied, was Personal- und finanzielle Ausstattung betreffe, wenn er die Situation in Baden-Württemberg mit derjenigen in Bayern vergleiche, wo mehr Geld zur Verfügung stehe, weil Bundesrecht anders umgesetzt werde. Und gerade die Finanzierung von Bauprojekten sei ja bei steigenden Grundstückspreisen ein Problem, sagte Tolksdorf.

Privat freut er sich auf dem Umzug in ein Haus in der Nähe von Bühl, der in den nächsten Wochen erfolgen soll. Dann wird auch seine Ehefrau dabei sein, die gerade ihre Arztpraxis in München aufgelöst hat. In seiner Freizeit wandert er gerne lange in den Bergen, im vergangenen Jahr hat er beispielsweise die Route nach Santiago de Compostela absolviert.

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Erstellt:
2. Januar 2020, 00:00 Uhr
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