„An den Strohhalm haben wir uns geklammert“

Gernsbach (ham) – Die Altstadtfest-Absage trifft vor allem Pro History, die seit langem in Gernsbach aktive Agentur für historische Themenfeste, und die Murgflößer hart. „Das bedeutet schmerzhafte finanzielle Einbußen. Das Altstadtfest ist unsere Haupteinnahmequelle“, betont Martin Kalmbach, der zweite Vorsitzende des Flößervereins. „Das ist furchtbar! Wir sind sehr enttäuscht“, bedauert Pro History-Geschäftsführerin Sylvia Gottschild: „Das war ein Strohhalm, an den wir uns geklammert haben!“

Gute Laune in Kettenhemd, Wams und Schürze: Die Darsteller von Pro History trauern heuer um das Altstadtfest. Foto: Margull/BT-Archiv

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Gute Laune in Kettenhemd, Wams und Schürze: Die Darsteller von Pro History trauern heuer um das Altstadtfest. Foto: Margull/BT-Archiv

Von Hartmut Metz

Nicht viel besser fühlen sich die Brüder im Geiste, die Gernsbacher Murgflößer. Der Verein trug ebenso stets mit seinen beliebten Floßfahrten in originalgetreuen Gewändern zum Flair bei. Nachdem die Stadt am Montagabend die von 18. bis 20. September geplante 44. Auflage wegen der Corona-Pandemie absagte, drohen den Murgflößern Engpässe. Sie schließen nicht aus, dass der Verein in naher Zukunft manche „Aktivität infrage stellen muss“. Kalmbach kann die Absage angesichts der „Planungsunsicherheit aber durchaus nachvollziehen, denn die Gesundheit aller Besucher und der Beteiligten genießt Vorrang“. Die Mitglieder konzentrieren sich deshalb eben jetzt auf das Altstadtfest 2021.

Hoffnungen ruhen auf den Weihnachtsmärkten

Zumindest der Zeitdruck ist ein geringerer beim Bau des neuen Floßes: Die Stämme des Gestörs sind nahezu fertiggebunden. Der Boden und die Theke sollen als nächste Schritte auf dem Parkplatz der Gaggenauer Firma „Orthopädie Elter“ zusammengezimmert werden. Neben Vereinsboss Josef Elter fehlen jedoch derzeit weitere Mitglieder aus gesundheitlichen Gründen. „Der Ausfall erschwert die Fertigstellung des Floßes durch die ohnehin schon kleine Mannschaft“, berichtet Kalmbach.

Um die nackte Existenz geht es bei Schaustellern & Co. Seit Monaten werden Feste und Märkte abgesagt und jegliche Einnahmemöglichkeit entfällt. „Wann hört das endlich auf?“, fragt sich Gottschild und schiebt mit bangem Blick in die ferne Zukunft verzweifelt nach, „wie wird es mit den Weihnachtsmärkten?“ Klar ist inzwischen zumindest, dass ihre rund zwei Dutzend starke Truppe nicht in der Gasse hinter dem Alten Rathaus wieder das Motto „Zeitsprung ins Mittelalter“ auferstehen lassen kann. Pro History hatte in der Vergangenheit Quartier in der Amtsstraße bezogen und dort historische Handwerkskunst präsentiert, längst vergessene Leckereien früherer Tage angeboten und besondere Weine kredenzt. Nun sind die Protagonisten in Kurzarbeit und „hängen am Tropf des Arbeitsamts. Das ist echt bitter“, erzählt Gottschild.

Einerseits hat die Geschäftsführerin der in Weilburg an der Lahn ansässigen Agentur Verständnis für die Absagen und versteht die Furcht vor einer „zweiten Corona-Welle“. Andererseits wundert sich die Westerwälderin über die Öffnung von Schwimmbädern und anderen Einrichtungen, bei denen sich die Massen ebenfalls drängeln. „Wir haben der Tourist-Info eine Einbahnstraße in der Altstadt vorgeschlagen und hätten Trinkhörner oder Kinderschwerter immer gleich desinfiziert“, erzählt Gottschild von ihren Rettungs-Bemühungen, weiß jedoch genauso um die Probleme eines Altstadtfests, „natürlich traut sich kein Politiker, der Erste bei einer Öffnung zu sein. Das Flair beim Altstadtfest ist allerdings auch weg. Drinnen hätten wir zwar 1,5 Meter Abstand halten können – aber draußen drängeln die Massen in Schlangen durch die Gassen. Wie soll das gehen?“ Und vor allem: „Der Alkohol ist das Schlimmste, wenn die Leute aus der Rolle fallen.“ Ihr Team von Pro History hofft nun, dass wenigstens die Weihnachtsmärkte stattfinden.

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Erstellt:
18. Juni 2020, 11:40 Uhr
Lesedauer:
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