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Außergewöhnlicher Einsatz bis ins hohe Alter

Gernsbach (adme) – Die Zwillinge Kurt und Reiner Sontheimer: Ihr christlich-kirchliches Engagement einte sie.

Kurt und Reiner Sontheimer. Repro: Metzinger

Kurt und Reiner Sontheimer. Repro: Metzinger

Von adme

Zwillinge galten schon früher als etwas Besonderes. In der antiken Mythologie kommen allein mehr als 80 Zwillingspaare (zum Beispiel Castor und Pollux, Romulus und Remus) vor. Etwas von dieser Faszination geht auch von den Zwillingen Reiner und Kurt Sontheimer aus, die am 31. Juli 1928 in Gernsbach auf die Welt kamen. Vor 15 Jahren (am 16. Mai 2005) starb Kurt Sontheimer in Murnau, weshalb an ihn, aber auch an seinen Bruder Reiner erinnert werden soll.

Der Vater der Zwillinge Hans Sontheimer (1895-1957) stammte aus Schwäbisch-Hall und arbeitete nach seinem Umzug nach Gernsbach bei der Papierfabrik Schoeller & Hoesch. Seine Frau Maria Kuhs, eine Kindergärtnerin, kam aus Puderbach bei Neuwied. Ihr Vater wirkte als Wanderprediger und Begründer von freikirchlichen evangelischen Gemeinden. In Folge dieser religiösen Ausrichtung wuchsen Kurt und Reiner in einer christlichen Familie auf, denn beide Elternteile waren Mitglieder der evangelischen Freikirche. Als Zwölfjährige mussten die Zwillinge den Tod ihrer Mutter verkraften, die 1940 mit 44 Jahren verstorben war.

Im Zweiten Weltkrieg leistete Kurt Kriegsdienst als Flakhelfer an der Schwarzenbach-Talsperre. Nach Notabitur in Rastatt und einem halben Jahr Schreiner-Lehre arbeitete er als Dolmetscher für die französische Besatzungsmacht und ihren Rundfunk. Ab 1949 studierte er an der Universität Freiburg im Breisgau zunächst Jura. Nach vier Semestern ging er als Austauschstudent für ein Jahr in die USA an die University of Kansas. Nach seiner Rückkehr an die Universität Freiburg wechselte er zu Politikwissenschaft und Geschichte. 1953 promovierte er bei Professor Arnold Bergsträsser, dessen Assistent er von 1954 bis 1957 an der Universität Freiburg war. Bereits mit 32 Jahren schloss er 1959 seine Habilitation mit der Schrift „Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik“ an der Universität Freiburg ab.

Professor für Politische Wissenschaften

Danach folgten Professuren an der Pädagogischen Hochschule Osnabrück und am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin. Ab 1969 bis zu seiner Emeritierung 1993 wirkte er als Professor für Politische Wissenschaften am Geschwister-Scholl-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München. Anschließend lehrte er als Gastdozent für zwei Jahre am Alfred-Grosser-Lehrstuhl in Paris.

Zahlreiche Veröffentlichungen beschäftigten sich mit der Entwicklung des politischen Systems und der politischen Kultur in Deutschland, womit er die politische Debatte über die Grundlagen und möglichen Defizite der Demokratie in unserem Land anregte (zum Beispiel 1979: „Die verunsicherte Republik“, 1976: „Das Elend der Intellektuellen“). 1969 gründete er (1970 Eintritt in die SPD) zusammen mit Günter Grass und anderen die Wählerinitiative für Willy Brandt: „Er war ein echter Sozialdemokrat von Helmut Schmidt’scher Prägung, der den Radikalismus der 68er scharf kritisiert hat“, so sein Sohn Michael Sontheimer („taz“-Mitbegründer und Chefredakteur, Journalist bei „Zeit“ und „Spiegel“).

2003 erhielt der zur Creme de la Creme der deutschen Politologen gehörende Kurt Sontheimer das Große Bundesverdienstkreuz. Am Pfingstmontag, 16. Mai 2005, starb er in Murnau nach einer kurzen Krankheit im Alter von 76 Jahren. Den unbequemen Mahner und streitfreudigen Liberalen mit SPD-Parteibuch würdigte der Philosoph Jürgen Habermas so: „Er hat die politische Entwicklung der Bundesrepublik wachsam und mit klugen Kommentaren begleitet.“

Gernsbacher mit Leib und Seele

Zwillingsbruder Reiner, nach eigener Einschätzung „Gernsbacher mit Leib und Seele“, musste noch als 16-jähriger in den letzten Kriegsmonaten an die Ostfront und kam nach Kriegsende für ein paar Monate in russische Gefangenschaft. Der ausgebildete Industriekaufmann arbeitete bei der Papierfabrik Schoeller & Hoesch, wo er die wichtigen Führungspositionen Versandleiter und später als Leiter der Fertigungssteuerung übernahm. Daneben fand er noch Zeit, eine Werkszeitung zu etablieren, deren Redaktion er viele Jahre leitete. Anlass für die „Werksmitteilungen“ war, dass Reiner feststellte, dass die Mitarbeiter wenig bis nichts darüber wussten, was im Betrieb vor sich ging.

Außerdem leitete er Führungsseminare und unterrichtete Metall- und Küchenmeister bei der IHK. In den letzten 14 Jahren seiner beruflichen Laufbahn baute er das damals neue Bildungswerk der Deutschen Papierindustrie auf und leitete diese Organisation.

Parallel zu seinem Beruf engagierte er sich mit viel Kraft und Energie in verschiedenen Funktionen für seine Heimatstadt. So war er zehn Jahre lang Elternbeiratsvorsitzender an der Realschule Gernsbach und saß von 1960 bis 1962 für die SPD und 1994 bis 2003 für die Freien Bürger im Gemeinderat, deren Fraktionssprecher er auch war.

Geprägt durch die christliche Erziehung in seinem Elternhaus brachte er sich als Mitglied der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde besonders ein, als er sich 1975 zum Prädikanten der Evangelischen Landeskirche ausbilden ließ. Das gab ihm die Möglichkeit, Gottesdienste und Beerdigungen zu halten. Die planmäßige Durchführung des Seniorenbesuchsdienstes in der St. Jakobsgemeinde übernahm er 2001 und bis zum 90. Lebensjahr gestaltete er den „Ökumenischen Seniorentreff“ in Gernsbach. Bei einer Jugendgruppe der Evangelischen Freikirche lernte er auch seine spätere Ehefrau Henny kennen, mit der er zusammen vier Kinder hat. Die Stadt Gernsbach würdigte sein langjähriges und vielseitiges ehrenamtliches Engagement beim Neujahrsempfang 2019 mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft. Der „Brückenbauer“ zwischen Menschen, Parteien und Konfessionen starb am 2. November 2019 im Alter von 91 Jahren.


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