Daimler Truck: „Schlüsselkomponenten“ im Blick

Stuttgart/Gaggenau (tom) – Der Gesamtbetriebsrat von Daimler Truck will bei kohlendioxidfreien Antriebstechnologien eine hohe Eigenfertigung durchsetzen.

Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats in der Truck AG: Michael Brecht vertritt die Interessen von rund 37.000 Mitarbeitern in ganz Deutschland. Foto: Betriebsrat Daimler Truck AG

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Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats in der Truck AG: Michael Brecht vertritt die Interessen von rund 37.000 Mitarbeitern in ganz Deutschland. Foto: Betriebsrat Daimler Truck AG

Von BT-Redakteur Thomas Senger

Damit sollen nicht nur hochwertige Arbeitsplätze in Deutschland, sondern auch die Lieferfähigkeit bei Schlüsselkomponenten langfristig gesichert werden, teilte das Gremium am Dienstag mit. Außerdem fordere man eine Reform des EU-Beihilferechts. Investitionen in innovative Technologien, Digitalisierung und autonomes Fahren sowie die eigenständige Entwicklung und Produktion sicherten Technologieführerschaft und steigerten die Wettbewerbsfähigkeit und den Kundennutzen. Bis 2030 sollen Batterie- und Brennstoffzellenfahrzeuge bei Daimler Truck bis zu 60 Prozent der Verkäufe ausmachen. Ab 2039 will das Unternehmen in Nordamerika, Japan, Südkorea und Europa nur noch Fahrzeuge anbieten, die im Fahrbetrieb kohlendioxidneutral sind.

Auch nach der Aufspaltung von Daimler in einen Auto- und einen Lkw-Bereich ist das Mercedes-Benz-Werk Gaggenau im Gesamtbetriebsrat der neuen Daimler Truck AG vertreten. Mit Michael Brecht und Udo Roth gehören der Betriebsratsvorsitzende des Standorts und sein Stellvertreter zu der Arbeitnehmervertretung des neuen Konzerns. Brecht ist darüber hinaus Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats.

Themenschwerpunkte für Udo Roth sind Arbeitsschutz, Umwelt und Gesundheitsschutz.

Nach der Abspaltung hat sich der Gesamtbetriebsrat neu konstituiert. Brechts Stellvertreter als Gesamtbetriebsvorsitzender ist Thomas Zwick. Er ist Betriebsratsvorsitzender im Werk Wörth.

In diesem Gremium dürfen die beiden Murgtäler nicht nur den Standort Gaggenau im Blick haben. Doch aufgrund der Zusammensetzung, bei der alle Standorte vertreten sind, fungieren sie eben auch als Vertreter des Benzwerks mit seinen Werkteilen in Gaggenau, Rastatt und Kuppenheim.

Als eines der wichtigen Ziele des neuen Gesamtbetriebsrats nennt Brecht: Bei den CO2-freien Antriebstechnologien müsse ein ähnlich hoher Eigenfertigungsanteil wie beim Verbrennungsmotor durchgesetzt werden. „Deshalb fordern wir, dass Daimler Truck die Schlüsselkomponenten für CO2-freie Antriebe und den gesamten Antriebsstrang selbst entwickelt und in den eigenen Werken auch produziert.“ Dazu gehören beim Elektroantrieb zum Beispiel die Batterie, die Zellen, der Elektromotor und der Inverter.

Was könnte das für Standort Gaggenau bedeuten?

„Gerade was Elektromotoren anbelangt, gibt es noch Diskussionen mit dem Management“, berichtet Udo Roth im BT-Gespräch, „das ist ein laufender Prozess ohne definierten Zeitrahmen.“

Auch bei der Fertigung von Batteriezellen sei man noch nicht bei der Standortfrage angelangt, gibt Michael Brecht zu bedenken: „Wichtig ist, dass Daimler hier überhaupt einsteigt. Wir wollen, dass das auf jeden Fall von Daimler Truck in Deutschland gemacht wird.“

„Das Kapital sinnvoll einsetzen“

Möglicherweise werde man bei der einen oder anderen Frage schon 2022 konkretere Zusagen haben. Schließlich habe man mit Daimler bereits Zielbilder für die einzelnen Standorte vereinbart und erste Produktionsumfänge. Über eines darf man sich am Standort Gaggenau bereits freuen. „Wir sind Kompetenzzentrum für alles, was mit Wasserstoff zu tun hat“, bekräftigen Brecht und Roth übereinstimmend.

Der Gesamtbetriebsrat von Daimler Truck will den Wandel in Richtung emissionsfreie Antriebe bei Lkw und Bussen „aktiv und konstruktiv mitgestalten“. Die Beschäftigung in den Werken, Standorten und Niederlassungen insgesamt solle möglichst hoch und langfristig gehalten werden. „Wir vom Gesamtbetriebsrat haben uns im Aufsichtsrat für eine solide Kapitalausstattung stark gemacht. Nun soll das vorhandene Kapital auch sinnvoll zur Transformation eingesetzt werden“, erinnert Brecht an den Innovationsfonds bei Daimler Truck von 1,5 Milliarden Euro zur Bewältigung der Transformation.

An den drei Aggregate-Standorten Gaggenau, Kassel und Mannheim werden sogenannte Innovations-Laboratorien aufgebaut, um Serienanläufe so schnell und effizient wie möglich zu starten. Die Innolabs als Bestandteil der Kompetenzzentren sollen Bindeglieder sein zwischen Forschung und Entwicklung und Umsetzung vor Ort.

Bereits 2021 haben Unternehmensleitung und Gesamtbetriebsrat Zielbilder zur Gestaltung der Transformation in eine klimaneutrale Zukunft vereinbart.

„Nicht nur Interessen der Aktionäre“

Das größte Lkw-Produktionswerk Wörth wird künftig weitere emissionsfreie Lkw mit Elektroantrieb oder Brennstoffzelle produzieren.

Die Aggregate-Werke Gaggenau, Kassel und Mannheim spezialisieren sich auf unterschiedliche Komponenten elektrifizierter Antriebe. Sie bilden einen Produktions- und Technologieverbund für elektrische Antriebskomponenten und Batteriesysteme.

„Die Nutzfahrzeugbranche ist bei der Transformation sicher einige Jahre hinter der Entwicklung bei den Pkw. Die Technologien für den CO2-neutralen Güterverkehr- und Personentransport kommen zeitversetzt. Wichtig ist, dass bei der Transformation nicht nur die Interessen der Aktionäre und Investoren erfüllt werden, sondern dass daraus auch eine Story für die Beschäftigten entsteht“, sagt Michael Brecht.

Schulterschluss mit der IG Metall

Stellvertreter in Gaggenau: Udo Roth ist seit 2012 zweiter Mann der Arbeitnehmervertretung im Benzwerk. Foto: Betriebsrat Daimler Truck AG

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Stellvertreter in Gaggenau: Udo Roth ist seit 2012 zweiter Mann der Arbeitnehmervertretung im Benzwerk. Foto: Betriebsrat Daimler Truck AG

Der Daimler Truck-Gesamtbetriebsrat unterstützt die Initiative „Fairwandel“ der IG Metall. Sie will eine Transformation, die zur Einhaltung der Klimaziele beiträgt, aber auch den Industriestandort stärkt und Beschäftigung sichert. Außerdem fordert die IG Metall öffentliche Zukunftsinvestitionen von 500 Milliarden Euro bis 2030 in Deutschland. Unternehmen bräuchten für die Transformation „massive Unterstützung durch die Politik“. Brecht: „Wir begrüßen, dass die Ampel-Koalition die Transformation aktiv fördern will, und bringen uns gerne in die Allianz für Transformation ein.“ Auch auf EU-Ebene gebe es zahlreiche gute Initiativen, zum Beispiel zur Qualifizierung der Beschäftigten sowie die Überarbeitung der EU-Beihilferegeln. Aber: „Wir brauchen eine viel weitreichendere Überarbeitung der Beihilfe- und Förderregeln, verbunden mit der klaren Zusage seitens der EU-Kommission, dass entsprechende Vorhaben innerhalb von zum Beispiel zwei Monaten entschieden werden.“ Heute starke Industrieregionen müssten in ihrer Substanz erhalten werden. Hier sollte sich die Bundesregierung auf EU-Ebene für mehr Flexibilität einsetzen. Zum Beispiel beim Übergang vom Verbrennungsmotor zum Elektroantrieb“, fordert Brecht.

Neuer Konzern, neues Gremium

Gesamtbetriebsrat der Daimler Truck AG: Daimler Truck ist ein eigenständiger und börsennotierter Hersteller von Lkw und Bussen, der im Dezember 2021 aus der Abspaltung von der Daimler AG hervorgegangen ist. Das Unternehmen ist einer der größten Nutzfahrzeug-Hersteller mit über 40 Produktionsstätten weltweit und mehr als 100.000 Mitarbeitern. Mit der Eigenständigkeit wurde die Neu-Konstituierung des Gesamtbetriebsrats (GBR) notwendig. Er ist Interessenvertretung der Beschäftigten in Deutschland und trifft standortübergreifende Gesamtbetriebsvereinbarungen mit der Unternehmensleitung. Diese gelten für die gesamte Belegschaft der Truck AG. Daimler Truck beschäftigt in Deutschland rund 37.000 Mitarbeiter. Am Standort Gaggenau sind es rund 6.300.

Der GBR besteht aus 13 Mitgliedern, die für vier Jahre gewählt werden: die Betriebsratsvorsitzenden und ihre Stellvertreter der Werke Kassel, Mannheim, Wörth und Gaggenau sowie der Zentrale in Leinfelden-Echterdingen. Dazu kommen zwei Betriebsräte der Niederlassungen und ein Vertreter der deutschen Vertriebsorganisation MBVD. Die Mitglieder wählen einen Gesamtbetriebsratsvorsitzenden und einen Stellvertreter. Der kürzlich gewählte GBR-Vorsitzende Michael Brecht war bereits GBR-Vorsitzender der Daimler AG. GBR-Vorsitzender der neuen Mercedes-Benz AG ist Ergun Lümali, Betriebsratschef am großen Standort Sindelfingen.

Zentrales Anliegen des GBR sind „der Erhalt und Ausbau von Arbeitsplätzen und die Gestaltung guter und fairer Arbeitsbedingungen.“ Auch bei der Gestaltung von Rahmenbedingungen, die über den betrieblichen Alltag hinausgehen, sowie bei politischen und gesellschaftlichen Themen bezieht der GBR Stellung.

Weiterer Bericht zum Thema.


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