Ergriffene Zuhörer bei der Lesung von Achim Rietz

Forbach/Gernsbach (red) – Mit seiner „Dorfchronik einer verlorenen Generation im Schwarzwald“ hat der frühere Gausbacher Ortsvorsteher Achim Rietz die Zuhörer in der Bücherstube Gernsbach gefesselt. „Sein Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung unserer Geschichte im Murgtal“, meint Verlegerin Sabine Katz.

Achim Rietz. Foto: Bücherstube

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Achim Rietz. Foto: Bücherstube

„Aufbruch in eine neue Zeit… Dachten wir!“ So lautet der Titel der „Dorfchronik einer verlorenen Generation im Schwarzwald“ aus der der ehemalige Ortsvorsteher von Gausbach, Achim Rietz in der Bücherstube gelesen hat. Als Kind interessierten ihn die vielen Familien- und Dorfgeschichten, die ihm seine Mutter immer wieder erzählte, nicht. Spät, doch zum Glück nicht zu spät erkannte er, was für immer verloren geht, wenn seine Mutter einmal nicht mehr erzählt. Und so fing er an, ihre Geschichten aufzuschreiben.

Sein Interesse an weiteren Zeitzeugenberichten war geweckt. Es folgten viele Gespräche mit den Dorfältesten und Recherchen in den verschiedensten Archiven, wie er am Rande seiner Lesung berichtete. In enormer Fleißarbeit hat er laut Mitteilung der Bücherstube Dokumente und Briefe zusammengetragen, die er dann in Buchform veröffentlicht hat.

In dem Kapitel „Dunkle Stunden für unser Dorf“ beschreibt er die NS-Gräueltaten, die es auch hier gab. Dabei gehe es ihm nicht darum, irgendwelche Schuldigen nachträglich an den Pranger zu stellen, sondern darum, diesen Opfern eine späte Würdigung zu geben.

Einen breiten Raum nehmen die Frontbriefe junger Soldaten ein. Besonders beeindruckend die Briefe von Pius Klehammer, die eindrücklich vermitteln, wie sich diese junge Generation anfangs vom System einfangen ließ, aber im Verlaufe des Krieges immer mehr ernüchtert wurde. Aus der Kaserne in Heilbronn schreibt er am 7. März 1941: „Aber Soldatenleben, das heißt immer lustig sein.“

1942 wird er in Russland verwundet. Im Lazarett in Prag quälen ihn Albträume von seinen Erlebnissen und er beschreibt die Angst vor der Rückkehr an die Front. „Wie lange dauert denn noch der Krieg? Wir werden behandelt als Schlachtvieh. Wir werden hier aufgepäppelt, dann verladen in Viehwägen und werden dort hingebracht, wo wir verrecken wie ein Stück Vieh.“ Doch auch er musste wieder zurück nach Russland. „Seine erschütternden Frontberichte gehen unter die Haut“, heißt es im Pressetext weiter.

Frontbriefe junger Soldaten

Erschütternd sind auch die Briefe des Familienvaters Josef Feber, der in seinem letzten Brief an seinen Bruder Lorenz sein Schicksal vorausahnt. „Meinen Eltern und auch meinen lieben Geschwistern sage ich mein allerherzlichstes Vergelt’s Gott für all eure Liebe. Besonders meiner geliebten alten Mutter. Meinem Vater den Gruß eines guten und allseits ehrlichen Sohnes. Dir mein lieber Bruder, wenn du den Krieg überleben solltest, bewahre die Ehre unseres Familiennamens.“

„Verführt, gekämpft, gestorben im Zweiten Weltkrieg“ lautet der Untertitel des Buchs – und genau das sei bei der Lesung beklemmend deutlich geworden. Die dazu gezeigten Fotografien der Männer lassen die Texte noch persönlicher auf die Zuhörer wirken. Die aufkommenden Emotionen müssen erst mal verarbeitet werden. Hilfreich dabei waren die musikalischen Einlagen mit Texten von Hannes Wader, Donovan oder Direstraits, einfühlsam dargeboten von Hennes Wunsch an der Gitarre und Horst Stelzer am Akkordeon.

Sabine Katz bedankte sich nach der ergreifenden Lesung bei Achim Rietz und den Musikern mit dem Buch „Jeder sah es anders“, in dem ihr Vater Casimir Katz seine Erinnerungen an Kindheit und Jugend im Dritten Reich beschreibt.

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Erstellt:
6. März 2020, 12:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 34sec

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