Hörvergnügen in der Gaggenauer Jahnhalle

Gaggenau (tzs) – Musikfreunde wurden in Gaggenau nach monatelangem Darben verwöhnt. Kammermusik auf höchstem Niveau wurde dargeboten.

Anna Fedorova beeindruckt beim Kammerkonzert in Gaggenau. Foto: Marco Borggreve

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Anna Fedorova beeindruckt beim Kammerkonzert in Gaggenau. Foto: Marco Borggreve

Von Wolfgang Tzschaschel

In der mit den erlaubten 99 Zuhörern ausverkauften Jahnhalle musizierten auf höchstem Niveau Diana Tishchenko (Violine), Benedict Kloeckner (Violoncello), Ann Fedorova (Klavier) sowie beim letzten Programmpunkt Christof Maisch (Viola) und Nicholas Schwartz (Kontrabass). Überraschungen gab es beim Konzertinhalt. Auf Programmzettel hatte man verzichtet, und von dem in der Presse angekündigten Programm blieb nur der Anfang erhalten. Ansonsten wurden die gespielten Werke von der Bühne herab angesagt – ohne plausible Begründung für die Änderungen. Die Ersatz-Stücke ließen dann allerdings die Enttäuschung schnell vergessen.

Von den sechs höchst anspruchsvollen Solo-Suiten Johann Sebastian Bachs hatte Benedict Kloeckner sich die technisch wohl schwierigste sechste ausgesucht. Geschrieben wurde sie für ein spezielles sechssaitiges Instrument,
Kloeckner spielte das Werk (auswendig) auf einem zwar aus Bachs Zeit stammenden, gleichwohl wie üblich viersaitigen Cello.

Es war indes nicht nur technische Brillanz, die man bei diesem Cellisten bewundern konnte. Offenkundig war, dass er Bach wie überhaupt die Musik liebt. Die schnellen Läufe des Prélude spielte er explizit aus und fügte vor der abschließenden Dreiklangfigur eine effektvolle Generalpause ein. Bemerkenswert auch, wie vollendet Kloeckner den trotz extremer Intervallsprünge kontemplativen Charakter der Sarabande zur Geltung kommen ließ.

Ludwig van Beethoven widmete 1802 die Violinsonaten op. 30, also auch die nun in Gaggenau aufgeführte Nummer 2 in c-Moll, dem russischen Zaren, der diese Gabe mit 100 Dukaten honorierte.

Saiten wie aus Seide

Wir wissen nicht, welches Honorar Diana Tishchenko und Anna Fedorova erhalten haben, verdient hätten auch sie für ihre Darbietung die 100 Dukaten allemal.

Den etwas düsteren Kopfsatz interpretierten sie mit energischem Biss. Im Adagio cantabile hätte man meinen können, Tishchenkos Geigensaiten wären nicht aus Stahl, sondern aus Seide. Fedorovas Klavierspiel, nicht minder meisterhaft, hätte bei diesem Satz vielleicht eine Spur zurückhaltender sein dürfen. Geradezu lustvoll zelebrierten die beiden ukrainischen Künstlerinnen das beschwingte Scherzo und präsentierten sodann kraftvoll das vielfarbige Finale.

Intermezzo mit „Minutenwalzer“

Als kleines, aber feines Intermezzo spielte Anna Fedorova mitreißend virtuos den „Minutenwalzer“ op. 64 Nummer 1 von Frédéric Chopin. Schließlich kamen Violine, Cello und Klavier gemeinsam zum Einsatz, um Johannes Brahms‘ 1880/82 komponiertes Klaviertrio op. 87 in C-Dur zu interpretieren.

Das Allegro, heftig bewegt: mal aufbrausend, dann innig gefühlvoll, mit zwischendurch anklingender Verzweiflung. Ganz gewiss nicht verzweifeln musste man an den drei Musikern. Mit Leidenschaft stürzten sie sich ins tonale Geschehen, das eine nachklingende Cello-Saite zuletzt noch fortführen wollte. Bezaubernd intoniert war der Dialog zwischen den beiden Streichern im Andante con moto.

Besonders im unruhig hastenden Scherzo vermittelten die Interpreten, wie bruchlos harte Arbeit und himmlisches Vergnügen ineinander übergehen können. Auch im Finalsatz, geheimnisvoll verhalten bis ekstatisch, war das brillante Zusammenspiel zu bewundern.

Zuletzt erweiterte sich das Trio mit Christof Maisch und Nicholas Schwartz zum Quintett, um den Schlusssatz aus Franz Schuberts „Forellenquintett“ (D 667) zu spielen. Auch diese Besetzung vermittelte größtes Hörvergnügen – bei einigen der sechs Variationen hörte man den Fisch förmlich durch die musikalischen Stromschnellen jagen.

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Erstellt:
15. Juli 2020, 12:00 Uhr
Lesedauer:
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