IG Metall: Beschäftigte vor Folgen der Krise schützen

Gaggenau (red) – Bei der virtuellen Delegiertenkonferenz der IG Metall Gaggenau standen die Auswirkungen von Corona im Mittelpunkt.

Die IG Metall Gaggenau hat sich zum ersten Mal zu einer virtuellen Delegiertenkonferenz versammelt. Symbolfoto: Daniel Karmann (dpa)

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Die IG Metall Gaggenau hat sich zum ersten Mal zu einer virtuellen Delegiertenkonferenz versammelt. Symbolfoto: Daniel Karmann (dpa)

Von Thomas Senger

Erstmals in der Geschichte der IG Metall Gaggenau versammelten sich die Delegierten virtuell bei einer Video-Konferenz.

„Wir müssen uns mit der Corona-Krise auf eine größere wirtschaftliche Rezession einstellen, weil die wirtschaftlichen Rückgänge heute schon größer sind als in der Krise 2009“, wird die erste Bevollmächtigte Claudia Peter in einer Mitteilung zitiert. Das mache auch die Zahl der derzeit in Kurzarbeit befindlichen Kollegen deutlich: 16 847 Personen sind im Betreuungsbereich der IG Metall Gaggenau in Kurzarbeit. „Und das über einen zuvor noch nie gekannten, langen Zeitraum hinweg“, so Peter.

„Die Wirtschaft ist im Sinkflug“ machte sie deutlich. Auftragseingänge aus dem Ausland seien durch die Corona-Krise im freien Fall, der Nachfragerückgang aus dem In- und Ausland dürfte das produzierende Gewerbe deutlich bremsen.

Aufgrund der weltweiten Verbreitung des Virus und somit zu erwartender, unterschiedlich langer Shutdowns in den produzierenden Ländern sei zu erwarten, dass die Lieferketten auf unbestimmbare Zeit immer wieder unterbrochen werden. „Zwar fahren die Betriebe mittlerweile ihre Produktion hoch. Die Betriebe in der Region produzieren in der unteren Skala derzeit bei 35 Prozent, im oberen Bereich bei circa 70 Prozent. Von einer zufriedenstellenden Auslastung sind alle jedenfalls noch weit entfernt.“

Forderungen der
Arbeitgeber im Blick

Gleichwohl hätten Arbeits- und Gesundheitsschutz noch nie einen derart hohen Stellenwert gehabt. „Nach unseren Informationen aus den Betrieben werden beide Punkte auch positiv umgesetzt. Während der letzten Wochen mussten wir unsere Zusammenarbeit und Kommunikation mit den Betriebsräten, Vertrauensleuten und Mitgliedern völlig neu aufstellen.“ In Video-Konferenzen wurden auch Qualifizierungsmaßnahmen abgehalten.

Auch das Thema „Rechtsberatung“ beschäftigte die Geschäftsstelle wie nie zuvor. Telefonisch und per Mail wurden viele Anfragen vor allem zu vielen Themen rund um die Kurzarbeit, zu betrieblichen Regelungen und zum Thema Kinderbetreuung gestellt.

Claudia Peter: „Es gab zu Beginn der Krise ein Gerücht, dass Kurzarbeitergeld mit wochenlanger Verspätung ausbezahlt werden würde. Für Betriebe, die in der Krise keinen Umsatz machen und das Entgelt ihren Beschäftigten vorstrecken müssen, könnte sich so eine Verspätung fatal auswirken. Doch die Realität ist erfreulich: Die Agentur für Arbeit braucht derzeit nur fünf bis sechs Werktage, bis das Kurzarbeitergeld an die Betriebe weitergeleitet wird.“

Im letzten „Krisen-Tarifabschluss“ wurde unter anderem eine Gesprächsverpflichtung zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften vereinbart, richtete Peter das Augenmerk auf ein Konfliktthema: Laut Vereinbarung nehmen die Tarifvertragsparteien „unmittelbar nach Abschluss dieser Vereinbarung Gespräche auf, wie sie einen Beitrag für die Unternehmen zur Bewältigung der Krise leisten können. Dabei werden die Interessen der Beschäftigten berücksichtigt.“

Die Arbeitgeber hätten diese Vereinbarung zum Anlass genommen, um einen Forderungskatalog an die Gewerkschaften aufzustellen: Streichung des Zusatzbetrags von 400 Euro, tarifliche Einmalzahlungen wie Weihnachts- oder Urlaubsgeld sollen ertragsabhängig verrechnet werden - tarifliche Vorschriften sollen neu geregelt werden: Zur Kompensation von coronabedingten Mehrkosten sollen sich die Beschäftigten vermehrt einbringen, etwa durch Neuregelung der Samstagsarbeit im Manteltarifvertrag.

Peter berichtete, wie die Große Tarifkommission auf die Forderungen reagierte: „Wir werden der Gesprächsverpflichtung nachgehen und haben diskutiert, was aus Sicht der Beschäftigten in der derzeitigen Krisen-Situation angebracht wäre.“ Wenn der Zuschuss durch Anhebung des Kurzarbeitergelds entfalle oder sich verringere, müsse es eine Kompensation geben. Gefordert wird unter anderem ein Zuschuss zur Freistellung bei Kinderbetreuung analog Aufzahlung zum Kurzarbeitergeld.

Während der letzten Wochen konnte die IG Metall Gaggenau nach eigenen Angaben insgesamt einen leichten Zugang an Mitgliedern verzeichnen auf nun 23904, Sie musste aber einen Rückgang von rund 400 Mitgliedern bei den betrieblichen Mitgliedern hinnehmen auf nun 14516.

Vom 12. bis 24. Mai verschickte die IG Metall Gaggenau eine Umfrage zur derzeitigen Krisen-Situation. In der Auswertung von rund 1000 Antworten wurde deutlich: 61 Prozent der Teilnehmer befürchten, dass sich durch die Krise die Arbeitsbedingungen verschlechtern; 59 Prozent sorgen sich um die finanzielle Lage; 46 Prozent machen sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz. 72 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die aktuelle Regelung zur Kinderbetreuung unzureichend sei; 90 Prozent wären bereit, sich gemeinsam mit IG Metall und Betriebsrat für eine sichere Zukunft im Betriebsrat einzusetzen.

Die nächste konstituierende Delegiertenversammlung der IG Metall Gaggenau findet am Mittwoch, 15. Juli, unter besonderen Regelungen und Maßnahmen in der Badner Halle in Rastatt statt. Eigentlich hätte eine Sitzung bereits im April stattfinden müssen.

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Erstellt:
1. Juni 2020, 14:00 Uhr
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