Investor wartet sehnsüchtig auf Baugenehmigung

Gernsbach (stj) – Vor über sechs Wochen hat die Firma Emely den Bauantrag für das Gleisle-Areal eingereicht. Das Denkmalamt hat dem Projekt grünes Licht gegeben, die Stadt Gernsbach dürfte bald folgen. Damit wäre der Startschuss gegeben, dass sich auf dem seit zig Jahren brachliegenden Gelände am Tor zur Altstadt endlich was tut. Wenn auch nicht alle Gernsbacher glücklich darüber sind.

Die historischen Kellergemäuer, die Hinweise auf die frühere Nutzung des Gleisle-Areals und auf die facettenreiche Geschichte der Altstadt geben, verschwinden wohl demnächst in einer Dokumentation in der Schublade. Foto: Juch

© stj

Die historischen Kellergemäuer, die Hinweise auf die frühere Nutzung des Gleisle-Areals und auf die facettenreiche Geschichte der Altstadt geben, verschwinden wohl demnächst in einer Dokumentation in der Schublade. Foto: Juch

Von Stephan Juch

Das Gleisle-Areal gleicht seit September 2017 einem Labyrinth historischer Bausubstanz. Zwei Monate vorher hatte der Gemeinderat den Satzungsbeschluss gefasst, mit dem das Vorhaben der Firma Emely, dort ein Neubau mit elf Wohneinheiten zu errichten, auf den Weg gebracht wurde. Seither ist vordergründig nicht mehr viel passiert in der Hauptstraße 6. Hinter den Kulissen aber trieb der Investor die Planung voran, Archäologen arbeiteten an einer umfangreichen Dokumentation, Denkmalbehörde und städtisches Bauamt prüften ein erforderliches Sicherungskonzept. Nun aber scheint der Baubeginn nicht mehr allzu fern zu sein.

Vor mehr als sechs Wochen habe die Firma Emely, deren Hauptsitz sich inzwischen in Leipzig befindet und die eine Zweigstelle in Lahr unterhält, den Bauantrag bei der Stadt Gernsbach eingereicht. „Bis heute haben wir nichts gehört“, sagte Geschäftsführer Elschad Kasimov diese Woche dem BT. Man sei ungeduldig, schließlich habe man „in das Objekt schon genug Zeit und Geld investiert“. Um die Baugenehmigung beantragen zu können, waren laut Kasimov „sehr, sehr umfangreiche Voraussetzungen“ zu erfüllen. Man sei allen Anforderungen nachgekommen und warte jetzt „sehnsüchtig“ auf die Genehmigung aus dem Gernsbacher Rathaus.

Haus mit elf Wohneinheiten

Von dort heißt es auf BT-Anfrage lediglich: „Wir stehen mit der Firma Emely Bau in Kontakt.“ Es sei bei der Beantragung von komplexen Baugenehmigungen üblich, dass Unterlagen kontinuierlich ergänzt werden, erklärt die städtische Pressestelle und teilt weiter mit, dass mittlerweile auch das Denkmalamt sein Okay zum Bauantrag gegeben habe. „Daher rechnen wir in Kürze damit, die Baugenehmigung aussprechen zu können.“ Diese würde es dem Bauherrn erlauben, auf dem 420 Quadratmeter großen Grundstück am Tor zur Altstadt ein Haus mit elf Wohneinheiten (Wohnflächen von circa 60 bis 97 Quadratmeter), acht Tiefgaragen- und drei oberirdischen Stellplätzen zu errichten. In den Satzungsbeschluss für den Bebauungsplan Gleisle-Areal hat der Gemeinderat die Pflicht zum Unterhalt und zum Erhalt der Stadtmauer eingearbeitet, die Kosten dafür hat der Bauträger zu tragen. Deshalb musste Emely vor drei Jahren auch die wochenlangen Ausgrabungen finanzieren, die von der Firma Kohler & Tomo Archäologie durchgeführt wurden. Diese ist auf archäologische Dienstleistungen spezialisiert und hat in der Hauptstraße 6 einiges „von städtebaulicher Bedeutung“ ans Tageslicht gefördert. Zum Vorschein kam unter anderem ein Labyrinth vielfältiger Keller, bauliche Überreste aus dem Mittelalter (zurückreichend bis ins ausgehende 15. Jahrhundert) und aus der Neuzeit sowie der einstige Eiskeller und alte Fußbodenfließen der Metzgerei Gleisle.

Die archäologischen Funde seien zwar bedeutsam, aber nicht so hochwertig, dass man sie nicht entfernen könnte, lautete das Urteil der Archäologen. Das Landesamt für Denkmalpflege bestätigte diese Einschätzung. Der wertvollste Teil des Gleisle-Areals ist die Stadtmauer, darin sind sich alle Experten einig – und diese muss laut Bebauungsplan dauerhaft geschützt bleiben.

Bedeutsame archäologische Funde, Stadtmauer überragt

Letzteres ist vor allem dem Arbeitskreis für Stadtgeschichte stets ein besonderes Anliegen. Der hatte sich während des Bebauungsplanverfahrens sehr kritisch gegenüber den aktuellen Plänen auf dem Gleisle-Areal gezeigt und bemängelt, diese ließen „die Belange der Bürger, der Touristen und der Altstadt bürgerfern außen vor“. Einige Mitstreiter des Arbeitskreises wünschten sich, der seit nunmehr fast drei Jahren anhaltende Zustand würde erhalten bleiben und als offener, begehbarer archäologischer Park im Miniaturformat zu einer weiteren Attraktion in der Altstadt werden.

Wie es aktuell aussieht, wird daraus aber nichts. Die historischen Kellergemäuer, die Hinweise auf die frühere Nutzung des Gebäudes und auf die facettenreiche Geschichte der Altstadt von Gernsbach geben, verschwinden in einer fachgerechten Dokumentation in der Schublade. Und in der Hauptstraße 6 entsteht ein neues Mehrfamilienwohnhaus.

Zum Artikel

Erstellt:
8. Mai 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 49sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.