Keine Flüchtlinge ins Parkhotel

Gaggenau (hu) – In Gaggenau läuft die Hilfe für Ukrainer an. Die Stadt plant den Bau einer Unterkunft.

„Die brauchen dringend Sachen:“ Vanessa Wilke (links) und Liliana Erbesdobler im Gespräch mit der Partnerstadt Sieradz in Polen.Foto: Swantje Huse

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„Die brauchen dringend Sachen:“ Vanessa Wilke (links) und Liliana Erbesdobler im Gespräch mit der Partnerstadt Sieradz in Polen.Foto: Swantje Huse

Von Swantje Huse

„Rozumiem – Verstehe.“ Gespannt lauschen die beiden Frauen auf die Worte aus dem Telefonhörer. Es ist die Stimme von Michal Sitarek, die in ruhigen, aber offenbar eindringlichen Worten auf Polnisch schildert, was sich gerade in Gaggenaus Partnerstadt Sieradz abspielt. Die Frauen am deutschen Ende der Leitung sind Vanessa Wilke, die sich bei der Stadt um Partnerschaften kümmert, und Liliana Erbesdobler, eigentlich für Schulen zuständig, jetzt aber wegen ihrer Sprachkenntnisse gefragt.

Immer wieder tippt Erbesdobler stichwortartig in den Computer, was Sitarek berichtet. So kann Wilke dem Gespräch folgen und Nachfragen stellen. Nach gut zehn Minuten ist es vorbei. Erbesdobler schaut auf. „Die brauchen dringend Sachen. Die Materiallager sind leer.“ Benötigt werde alles, was ein Mensch braucht, der einen Schlafplatz sucht. „Schlafsachen, Decken, Matratzen, Hygieneartikel, Windeln.“

Waren es Ende vergangener Woche noch 200 ukrainische Flüchtlinge, die Sieradz im Herzen Polens erreicht haben, so sind es inzwischen 300. Nur Frauen und vor allem Kinder, wie Sitarek sagt. Täglich kämen 30 bis 40 Personen dazu. Sie sind im Sieradzer Stadthotel als erster Anlaufstelle untergebracht, außerdem in Privatwohnungen. Weitere Sammelunterkünfte würden eingerichtet. „Gastfreundschaft liegt in der Mentalität der Polen“, erklärt Liliana Erbesdobler.

Älteste Geflüchtete ist 1929 geboren

Helfen will auch die Stadt Gaggenau. Das macht Oberbürgermeister Christof Florus beim Pressegespräch am Freitagmittag deutlich. Wie genau Sieradz geholfen wird, steht noch nicht fest: „Das muss schon ganz genau geplant sein. „Wir wollen ja sicher sein, dass das, was wir hinschicken, dort auch gebraucht wird.“ Es werde aber schnell gehen, versichert der OB: „Anfang nächster Woche wird das anlaufen.“

Viel Zeit für lange Planungen bleibt nicht. Hieß es vor Kurzem noch, dass sich erst knapp zehn Flüchtlinge aus der Ukraine bei der Stadt gemeldet haben und zwei, drei weitere Familien angekündigt seien, sind diese Zahlen zum Ende der Woche schon deutlich höher: Insgesamt 40 ukrainische Flüchtlinge, davon 28 weiblich und 13 minderjährig. Das jüngste Kind ist 15 Monate, die älteste Geflüchtete Jahrgang 1929. Florus: „Sie hat schon einen Weltkrieg mitgemacht, den Krimkrieg – und jetzt das.“

Um genug Wohnraum anbieten zu können, plane die Stadt ein Haus zu kaufen. Eine Immobilie stehe schon fest, der Gemeinderat habe die Entscheidung abgesegnet. Um welches Gebäude es sich handelt, wollte der OB noch nicht preisgeben. Dass es das Parkhotel sein könnte, dementierte er sofort. „Dieses Millionengrab würden wir nie anlangen. Das hat die Stadt zwei Mal in die Hand genommen und sich jedes Mal blutige Hände geholt.“ Zudem sei mit dem Landkreis vereinbart worden, dass sich die Stadt um die kleinen, dezentralen Unterbringungsmöglichkeiten kümmere und der Kreis um große Unterkünfte. Außerdem will die Stadt nach Möglichkeit noch in diesem Jahr anfangen zu bauen.

Fokus auf Betreuung der Kinder

Auf den städtischen Aufruf, frei stehende Wohnungen gezielt für ukrainische Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen, sind laut Florus bereits 32 Angebote eingegangen, die Hälfte davon für begrenzte Zeit, manche sogar kostenfrei. Zudem haben sich 35 Ehrenamtliche gemeldet, die Betreuung, Fahrdienste, Begleitung zu Behörden oder Dolmetscherdienste übernehmen wollen. Auch therapeutische Angebote seien eingegangen.

Neben Unterbringung liegt der Fokus der Stadt auf der Betreuung der Menschen, vor allem der Kinder. Nächste Woche sind Sitzungen mit Schulleitern und Kindergärten geplant. Dabei soll geklärt werden, wie die teils traumatisierten Kinder eingegliedert werden können. „Womöglich wollen manche Mütter ihre Kinder nach dem Erlebten auch gar nicht abgeben“, beschreibt Florus die vielen offenen Fragen. Deshalb gehe es auch darum, niederschwellige Angebote für Kinder und Mütter zusammen zu schaffen.

Und damit die Informationen bei den Flüchtlingen auch ankommen, werden Infoblätter mit allen wichtigen Hinweisen zusammengestellt. Teils könne die Stadt dabei auf mehrsprachige Broschüren von Bund und Land zurückgreifen, teils müssten die Informationen noch übersetzt werden. Die Devise dabei sei aber klar, so Florus: „Wir müssen helfen.“

Stimmen der Fraktionen

Andreas Paul, CDU: Die Christdemokraten seien dankbar für die schnelle Reaktion der Verwaltung: „Wir mussten als Gemeinderat nicht erst etwas anschucken.“ Zudem freue er sich über die große Hilfsbereitschaft der Bürger.

Jan Stenger, FWG: Man arbeite auf allen Ebenen Hand in Hand. Ob das unter den Gemeinderatsfraktionen sei oder zwischen Gemeinderat, Verwaltung und Bevölkerung. „Es gibt Konzepte, die kann man fast aus der Schublade holen.“

Gerd Pfrommer, SPD: Man habe in solchen Situationen die Wahl. „Zerknirscht in der Ecke sitzen oder Ärmel hochkrempeln und helfen.“

Er freue sich, dass so viele Aktivitäten angelaufen seien: „Auch Annemasse hilft Sieradz.“

Alexander Haitz, FDP: Das Kriegsgeschehen habe eine große Dynamik. Gaggenau sei gerüstet: „Stark, was da schon alles angelaufen ist.“

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