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„Mein Herz und deine Stimme“ zum Re-Start im Kirchl

Gernsbach (eah) – Mit dem von der Baden-Württemberg-Stiftung finanziell unterstützten Kammermusik-Festival hat das Kirchl in Obertsrot am Wochenende wieder den Kulturbetrieb aufgenommen.

Traudl Schmaderer (Sopran) und Vera Weht (Klavier) eröffnen das Kammermusik-Festival im Obertsroter Kirchl. Foto: Kulturverein

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Traudl Schmaderer (Sopran) und Vera Weht (Klavier) eröffnen das Kammermusik-Festival im Obertsroter Kirchl. Foto: Kulturverein

Von Eckehard A. Hilf

Ergreifende Töne und spielende Worte präsentierten am ersten Abend des dreitägigen Kammermusik-Festivals im Kirchl von Obertsrot Traudl Schmaderer (Sopran) und Vera Weht (Klavier). Mit dem Platz verschwenderisch umzugehen war Gebot der von Corona-Auflagen geprägten Zeit. So durften im Saal zehn Abonnenten jeweils zu zweit an separaten Tischchen der Musik lauschen. Von einem Galgen aus näherte sich eine Kamera abwechselnd dem Klavier oder dem Gesang.

Zu einer Zeit im 18. bis frühen 20. Jahrhundert, als es keine Tonkonserven gab, wurde in den Familien im Bürgertum und in den Gesellschaften der zahlreichen Fürstenhöfe fleißiger als heutzutage musiziert. Die Stücke stammten öfter als man bislang vermutete aus der Hand von Komponistinnen. Das einfachste Ensemble war dazumal eine vom Klavier begleitete Singstimme, nicht selten von Frauen, die ihrem Haushalt vorstanden. Für das Murgtal sicherlich ein Erstaufführungskonzert, das mit diesen Werken den von männlichen Kollegen aufgeführten ebenbürtig war.

Duo aus Kassel begeistert Publikum

Das aus Kassel angereiste Duo hat sich der Aufgabe gestellt, das von Frauen geschaffene Oeuvre bekannt zu machen. Man darf sagen, den Unterschied zu „männlicher“ Musik müsste man noch erforschen – das heißt in diesem Fall, es gab keinen hörbaren Qualitätsunterschied.

Der Abend begann mit einer Einführungsrede der musikalischen Leiterin, Bettina Beigelbeck, der es auch gelungen war, dieses von der Baden-Württemberg-Stiftung gesponserte Konzertfestival im Internet einem größeren Publikum zugänglich zu machen (www.kammermusik-im-kirchl .de/videos, ab Mittwochabend, 24. Juni).

Unter dem Motto „Mein Herz und deine Stimme“ bot das Duo im ersten Teil eine romantische, von Nachdenklichkeit, Dramatik, Gefühl und Besinnung geprägte musikalische Landschaft, die Lieder von Emilie Zumsteeg, Martha von Sabinin, Clara Schumann und Pauline Viardot. Die Abstimmung der beiden Damen war auch ohne dass sie Blickkontakt brauchten von außerordentlicher Geschlossenheit. Die Liebe zu ihren Stücken machte jede Passage zum Genuss. Schmaderers Stimme klang silbern und geheimnisvoll im Fortissimo und golden-warm in ruhigen und leisen Tönen. Sie machten ihrem Namen Ehre, indem sie den „trau(d)lichen“ Gesang wie einen Bergfried vom Klavierspiel „umweht“ sein ließ.

Zumsteeg, von König Wilhelm I. von Württemberg ausgezeichnet, schuf romantische Lieder – abwechselnd frisch, dramatisch oder abwartend, je nach Vorlage der vertonten Gedichte von Graf Thun, Lenau, Waiblinger und Kerner.

Sabinin hatte eine von Anfang an musikalisch geprägte Karriere beginnend in Weimar, die sie zugunsten karitativer Tätigkeit an der Seite der russischen Kaiserin Maria Alexandrowna 1860 in St. Petersburg beendete. Ihre Textgeber waren Platen, dem das Motto des Abends entnommen war: Heine, Sturm und Dilia Helena. Ihre Musik wirkt erzählend und große Räume gleichsam in Dialogen öffnend. Clara Schumann, die als Pianistin auch Klavierstücke komponiert hatte, begann 1840 mit Liedvertonungen von Heine, Rückert und Rollet, in einem „Liederjahr“, wozu sie ihr Mann Robert angeregt hatte. Das deutsche Kunstlied erscheint durch sie durch fröhlich klangmalende Läufe immer wieder durch dramatische Wechselbäder gefühlsmäßig gesteigert oder träumend verhalten.

Der Charakter französischer Liedkunst

Noch viel stärker in szenische Bilder versetzt Pauline Viardot. Besonders durch „Les Filles des Cadix“ fühlt man sich nach Südspanien versetzt, wo an „Carmen“ gemahnende Klänge locker die Szene beherrschen. Traudl Schmaderer las in eigener Zusammenfassung den Inhalt dieser und der im zweiten Teil folgenden französischen Gedichte. Sie moderierte auch die Blöcke. Nach der Pause sang sie von Nadia Boulanger und Henriette Bosmans Lieder des 20. Jahrhunderts, die den deklamatorischen Charakter französischer Liedkunst eindrücklich demonstrierten. Hier kam es auch zu Stellen, bei denen ihre Stimme ganz ohne Begleitung gesetzt war. Jede Facette ihrer klaren Ausdruckskraft war der innewohnenden Kraft musikalischer Größe gewachsen.

Als Zugabe bekam das freudig und anhaltend applaudierende Publikum den ganzen ersten Block der Zumsteeg-Lieder noch einmal geboten, da eins der Stücke (Justinus Kerners „Sängers Trost“) „unterschlagen“ worden war. Ein einmalig schöner, begeisternd und harmonisch zusammengestellter Konzertabend!

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Erstellt:
22. Juni 2020, 16:45 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 57sec

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