Reben auf dem Weg der Genesung

Gernsbach (stj) – Nach dem massiven Hagelschaden vom Juli des Vorjahres muss das Weingut Schloss Eberstein sein System beim Rebschnitt umstellen – zum ersten Mal in der Geschichte des Weinbergs.

Zeigt sich mit der Regeneration der beschädigten Reben zufrieden: Kellermeister Urban Jung. Foto: Juch

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Zeigt sich mit der Regeneration der beschädigten Reben zufrieden: Kellermeister Urban Jung. Foto: Juch

Von Stephan Juch

Für das normale Betrachter-Auge sieht der Weinberg von Schloss Eberstein aus wie immer um diese Jahreszeit. Doch im Hang passiert 2020 etwas bisher Einmaliges: „Wir mussten unser System umstellen“, erklärt Kellermeister Urban Jung. Ursache war der für die Obertsroter Reben verheerende Sturm am 6. Juli vergangenen Jahres (wir berichteten). Über 40 Prozent der Ernte wurden dabei innerhalb von nur zehn Minuten vernichtet, als orkanartiger Wind, extreme Wassermengen und Hagelkörner von zwei Zentimeter Durchmesser über den Weinberg hinwegfegten. Die Folge: Der Winzer muss den sogenannten Kordonschnitt (Zapfenschnitt) anwenden.

Diese Methode stellt nach schwerwiegenden Hagelschäden meist die beste Alternative dar, sagt Jung. Sein Prinzip beruht darauf, dass einjährige Triebe auf der gewünschten Länge auf Zapfen geschnitten werden. Dadurch falle zwar ein Arbeitsschritt weg (das Biegen der Reben, weil die vom Hagel geschädigten Triebe dann durchbrechen), insgesamt bedeute der Kordonschnitt aber erheblichen Mehraufwand, weil man mehr Augen (Knospen) zur Verfügung hat, erläutert der Experte. Auch über den Winter hinweg hatte das Weingut durch die Nachwehen des Unwetters mehr Arbeit als sonst, denn jede Rute, die für die Ernte in diesem Jahr vorgesehen war, musste überprüft werden – mit der Erkenntnis, dass man um einen Kordonschnitt nicht umhinkommt.

Zurzeit sind Urban Jung und zwei Saisonkräfte mit dem Ausbrechen beschäftigt. Diese reine Handarbeit ist nach dem Rebschnitt die zweite, sehr wichtige Arbeit hin zur Qualität. Damit der Weinstock optimal gedeiht, braucht er genügend Licht, Luft und Wärme, die auf die Ranken einwirken können (dann ist auch der Pilzdruck reduziert). Stehen Triebe und Blätter zu dicht, ist diese Voraussetzung nicht gegeben. Nach dem Ausbrechen folgt das Anheften der Triebe am Drahtrahmen. „Es könnte sein, dass wir damit noch im April anfangen“, vermeldet Jung eine weitere Premiere im Weinberg, denn so früh sei man mit diesem Arbeitsschritt noch nie dran gewesen, versichert der Staufenberger.

Erst 2022 wieder alles so wie vor dem Hagelschaden

Das zuletzt warme, niederschlagsarme Wetter kommt dem Kellermeister entgegen, weil die Reben so nicht explosionsartig wachsen. Wäre das der Fall, „bräuchten wir sehr viel mehr Leute, weil dann viel Arbeit in kurzer Zeit zu erledigen wäre“, gibt Jung zu bedenken – mit dem Hinweis darauf, dass Saisonkräfte derzeit kurzfristig schwer zu finden sind.

Prinzipiell sieht der Experte die Genesung des Weinbergs Schloss Eberstein auf einem guten Weg. 2021 möchte Jung wieder vom Kordonschnitt zum Standard-Verfahren zurückkehren. Allerdings bedeute dies auch dann noch mal einen Mehraufwand von zehn bis 20 Prozent, weil die Pflanzen nach wie vor vom Hagel im Juli 2019 geschädigt seien. Erst 2022 werde wieder alles wie früher sein – vorausgesetzt es kommt kein weiteres schlimmes Unwetter dazwischen. Die Qualität des Weins leide unter der diesjährigen Systemumstellung übrigens nicht, versichert der Kellermeister – man müsse dadurch lediglich mit einem geringeren Ertrag von etwa zehn Prozent rechnen.

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Erstellt:
28. April 2020, 20:00 Uhr
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