Tatjana Zambo: „Die Vor-Ort-Apotheke wird gebraucht“

Gaggenau (tom) – Apothekerin Tatjana Zambo aus Gaggenau nimmt im BT-Interview Stellung zu den Zukunftssorgen ihrer Branche.

Tatjana Zambo (55) betreibt in Gaggenau zwei Apotheken. Sie ist Vizepräsidentin des Landesapothekerverbands; im Mai rückt sie an dessen Verbandsspitze. Foto: LAV Baden-Württemberg

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Tatjana Zambo (55) betreibt in Gaggenau zwei Apotheken. Sie ist Vizepräsidentin des Landesapothekerverbands; im Mai rückt sie an dessen Verbandsspitze. Foto: LAV Baden-Württemberg

Von Thomas Senger

Immer weniger Apotheken gibt es in Deutschland. „Mit Skepsis“ blicke ihre Branche in die Zukunft, meldete dieser Tage die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Woran mag das liegen? BT-Redakteur Thomas Senger befragte dazu Tatjana Zambo. Die 55-Jährige aus Gaggenau wird zum 1. Mai 2021 neue Präsidentin des Landesapothekerverbands Baden-Württemberg (LAV).

BT: Frau Zambo, Ihr Bundesverband blickt „mit Skepsis“ in die Zukunft. Dabei ist die Sorge der Bundesbürger um Infektionen und Krankheiten selten so groß gewesen wie derzeit. Es muss doch „brummen“ in den Apotheken, oder?
Tatjana Zambo: Die Probleme, mit denen die Apotheken vor Ort kämpfen, sind zum einen die gesetzlichen Anforderungen, denen wir uns stellen. Zum anderen sind es die Kosten: Sie steigen immer weiter, unsere vom Gesetzgeber festgelegten Honorare steigen allerdings nicht.

Damit sieht sich die Apotheke einem immer weiter steigenden Kostenapparat gegenüber – bei gleichzeitig sinkenden Erträgen. Außerdem haben uns Corona und die Maskenpflicht ja tatsächlich keine zusätzlichen, sondern eher sinkende Umsätze beschert, da die Erkältungskrankheiten stark zurückgegangen sind. Apotheken in Lauflagen und in Einkaufscentern leiden natürlich außerdem unter den Coronabeschränkungen besonders.

BT: Was meinen Sie mit gesetzlichen Anforderungen?
Zambo: So schnell kann ich gar nicht alles aufzählen: Securepharm, Bonpflicht, Kassengesetz mit der Verpflichtung, die Kassen mit technischen Sicherheitsausrüstungen auszustatten, Qualitätsmanagement, PQ, Medizinproduktebetreiberverordnung – das ist nur einiges, das bei uns mit Aufwand und Kosten verbunden ist.

BT: Was ist denn Securepharm?
Zambo: Um Patienten noch besser vor gefälschten Arzneimitteln in der legalen Lieferkette zu schützen, startete im Februar 2019 Securepharm: Nahezu jedes verschreibungspflichtige Arzneimittel muss zwei Sicherheitsmerkmale tragen. Das wird durch uns in den Apotheken geprüft.

BT: Stichwort Sinkende Erträge: Der Gesundheitsmarkt boomt doch?
Zambo: Aber es gibt auch genügend Player, die sich in diesem Markt tummeln und die einen deutlich niedrigeren Kostenapparat haben als wir in den Apotheken vor Ort. Soll heißen: Der Markt teilt sich auf.

Kontaktlose Lieferdienste für Quarantäne-Patienten

BT: In was teilt sich der Markt auf?
Zambo: Er teilt sich auf zwischen stationären Vor-Ort-Apotheken, Versandapotheken und allen Partnern im Drogeriesegment bis hin zum Lebensmittelmarkt.

BT: Aber die haben doch auch Nebenkosten.
Zambo: Das mag sein, aber die Summe der Kosten für unser qualifiziertes Personal plus Mietkosten sind bei uns sehr hoch.

BT: Corona ist sicher eine große Bewährungsprobe für die Apotheken.
Zambo: Wir zeigen seit März, dass die flächendeckende wohnortnahe Arzneimittelversorgung ein fester Pfeiler in der Gesundheitsversorgung ist.
Wir haben Desinfektionsmittel hergestellt, als der Markt leergefegt war, Atemschutzmasken besorgt, kontaktlos Patienten in Quarantäne durch Lieferdienste versorgt. Wir haben in guter Zusammenarbeit mit Ärzten, Pflegediensten, Altenheimen unsere Patienten betreut, aber auch den Einzelhandel und die lokale Industrie beraten.

BT: Das bedeutet, dass innovative, ehrgeizige, am Kunden orientierte Apotheker nicht zwangsläufig „mit Skepsis“ in die Zukunft blicken müssen.
Zambo: Die größte Herausforderung der nächsten Jahre wird der Umgang mit dem elektronischen Rezept und der damit einhergehenden weiteren Digitalisierung im Gesundheitswesen. Und ja – hier gilt es, sich an den Bedürfnissen des Kunden zu orientieren und sich modern, serviceorientiert aufzustellen.

BT: Wie ist die Situation im Ländlichen Raum?

Zambo: Das ist sehr unterschiedlich und lässt sich nicht pauschal beantworten. Es steht und fällt mit der Anzahl der ansässigen Ärzte und der umliegenden Struktur. Man kann aber schon davon ausgehen, dass Stadtrandlagen und kleinere Ortschaften als Standort für Apotheken schwierig sein können.

BT: Das heißt, es ist auch eine politische Frage?

Zambo: Weniger eine politische als eine kommunalpolitische. Es gibt zum Beispiel Kommunen, die die Ansiedlung von Ärzten unterstützen. Und wo Ärzte sind, kann dann auch eine Apotheke wieder besser überleben. Außerdem sind natürlich Frequenzbringer wie Supermärkte oder attraktive Innenstädte, die die Kaufkraft in den Orten binden, auch für Apotheken relevant.

BT: Bei der Ansiedlung von Ärzten kommt der Kassenärztlichen Vereinigung eine entscheidende Bedeutung zu.

Zambo: Na ja – wenn eine Stadt oder eine Gemeinde interessant sein will für Ärzte, kann sie mitwirken – so sie will – und Räumlichkeiten schaffen oder Räume günstig an Ärzte vermieten. Und auch die Attraktivität eines Ortes spielt eine Rolle, ob er Interesse hat, sich niederzulassen mit seiner Familie. Da sind schon auch die Kommunen gefordert.

BT: Letztlich entscheiden aber die Kunden über die Zukunft ihrer Apotheke, oder?

Zambo: Ja, genau. Die Vor- Ort-Apotheke wird gebraucht, das weiß jeder. Und wie der örtliche Einzelhandel zählt eben jeder Einkauf vor Ort. Ich kann nur immer wieder appellieren: Wenn wir auch morgen noch funktionierende Innenstädte haben möchten, sollten wir alle den lokalen Einkauf einem Online-Einkauf vorziehen. Nur die Geschäfte vor Ort geben Arbeitsplätze, zahlen hier ihre Steuern und bieten persönlichen Kontakt jeden Tag.

Apotheken werden weniger

Drei Viertel der Apotheken (74,0 Prozent) erwarten eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in den nächsten zwei bis drei Jahren. 2019 lag der Wert bei 79,8 Prozent. Das meldete die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) in der vergangenen Woche. Das ist eines der Ergebnisse des Apothekenklima-Index‘ 2020, einer repräsentativen Meinungsumfrage im Auftrag der ABDA. Für den Index werden seit 2016 jedes Jahr 500 Apothekeninhaber in ganz Deutschland befragt. Die diesjährige Befragung im Juli spiegelt die Situation nach der ersten Pandemiewelle und vor Verabschiedung des Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetzes wider. Die kritische Einschätzung der Apothekeninhaber werde durch die sinkende Apothekenzahl bestätigt.

Mit 18 854 öffentlichen Apotheken ergibt sich zum Ende des dritten Quartals 2020 der tiefste Stand seit Mitte der 1980er Jahre.

Der Rückgang um 221 Apotheken gegenüber Ende 2019 (19 075) ergibt sich aus dem Saldo von 58 Neugründungen und 279 Schließungen.


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