„Verängstigt, aber glücklich, endlich angekommen zu sein“

Gaggenau (red/uj) – Fünf Jahre sind kein klassisches Jubiläum. Aber für eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge eine recht lange Zeit. Seit einem halben Jahrzehnt betreibt der Landkreis Rastatt im ehemaligen Hotel/Gasthaus „Ochsen“ Bad Rotenfels eine solche Einrichtung. In dieser Zeit „durchliefen“ 466 Menschen das Haus.

•Vielfältige Aktivitäten gibt es in und an der Flüchtlingsunterkunft in Bad Rotenfels. Das Foto zeigt ein Flüchtlingsfest im August 2015. Foto: Vugrin/Archiv

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•Vielfältige Aktivitäten gibt es in und an der Flüchtlingsunterkunft in Bad Rotenfels. Das Foto zeigt ein Flüchtlingsfest im August 2015. Foto: Vugrin/Archiv

Von Ulrich Jahn

„Würden wir nicht gerade vom Coronavirus ausgebremst, hätten wir zum fünfjährigen Bestehen unseres Hauses sicherlich eine schöne Veranstaltung auf die Beine gestellt“, bedauert Vera Fritz, Leiterin der Gemeinschaftsunterkunft Gaggenau/Gernsbach des Landkreises Rastatt. Aktuell leben in dem Haus im Murgtal 99 geflüchtete Menschen aus 13 verschiedenen Ländern, davon 50 Kinder.

Vor genau fünf Jahren – Ende April, Anfang Mai 2015 – kamen die ersten Flüchtlinge in den leer stehenden „Ochsen“ in Bad Rotenfels. Die Immobilie wurde im Zuge der Flüchtlingskrise vom Landratsamt angemietet, um dort eine Gemeinschaftsunterkunft (GU) für die von den Landeserstaufnahmezentren zugewiesenen Menschen einzurichten. Inzwischen „durchliefen“ 466 Menschen aus 20 Ländern dieses Haus. Im nächsten Schritt wechseln die Bewohner im Rahmen der Anschlussunterbringung in eine kommunale oder private Wohnung, informiert das Landratsamt.

„Ich erinnere mich noch gut an die Anfänge der großen Flüchtlingswelle und die Menschen, die mit wenigen Habseligkeiten und dem Nötigsten unterm Arm bei uns vor der Tür standen“, erzählt Fritz: „Verängstigt, aber glücklich, endlich angekommen zu sein.“ Schon nach wenigen Tagen war das Haus voll. „Nachdem alle Zimmer belegt waren und die Zahl der Flüchtlinge weiter anstieg, mussten wir im Speisesaal noch zusätzliche Zelte aufbauen und mit Familien belegen“, blickt die Heimleiterin zurück. Eine der aktuellen Bewohnerinnen ist Durdane Discioglu aus der Türkei. Sie kam im August 2018 nach Deutschland und lebt mit Mann und zwei Kindern seit Dezember 2018 in der GU. Seitdem wartet die Familie auf die Entscheidung ihres Asylantrags.

Heimleiterin Vera Fritz konnte über die Jahre feststellen, dass sich viele der Geflüchteten gut integriert haben, Deutsch gelernt und einige eine Arbeit gefunden haben. Eine ganz wichtige Stütze waren dabei ehrenamtliche Helfer wie Heinz Adolph, der vom ersten Tag an bis heute die Bewohner bei Behördengängen und Bewerbungsschreiben unterstützt und damit für diesen ersten Schritt in das Arbeitsleben sehr hilfreich ist. „Er ist nicht wegzudenken, wenn man über den Ochsen spricht.“

Auch die Frau aus der Türkei gehört zu denjenigen, die erkannt haben, wie wichtig es ist, rasch die deutsche Sprache zu erlernen. „Nachdem wir nach und nach zu Deutschen Kontakt hatten, konnten wir die deutsche Kultur besser kennenlernen. Wenn die Menschen im Ochsen keine Kontakte haben oder nur im Haus bleiben, ist das keine gute Voraussetzung für die Integration.“ Sie lobt insbesondere die sehr förderliche Arbeit des Jufaz, des Jugend- und Familienzentrums Gaggenau, das sich sehr für geflüchtete Menschen in Gaggenau engagiere und viele Kultur- und Begegnungsmöglichkeiten schaffe.

Die Schulkinder, die in der Gemeinschaftsunterkunft leben, besuchen Schulen vor Ort. Hausaufgabenbetreuung und ein Bastelnachmittag werden durch ehrenamtliche Kräfte angeboten. Discioglu bedauert lediglich, dass es insbesondere für kleine Kinder schwer ist, die deutsche Sprache zu erlernen, weil sie keinen Kindergarten außerhalb besuchen dürfen und deshalb auch keine Freunde haben, die Deutsch sprechen. Dankbar ist sie für alle Angebote im Rahmen der Flüchtlingssozialarbeit, insbesondere aber den Frauen, die ehrenamtlich die Kleinen betreuen. Dieses kann laut Heimleiterin jedoch lediglich in dem Umfang aufrechterhalten werden, weil „treue Seelen“ wie Margarete Arlt, die sich seit 25 Jahren in der Flüchtlingsarbeit nützlich macht, nach Auflösung des Sonnenhofs in Gernsbach nun auch im Ochsen gerne für die Kinder da ist.

Bewohner packen mit an


Zu einer wichtigen und rege in Anspruch genommenen Einrichtung hat sich eine eingerichtete Fahrradwerkstatt entwickelt, die laut Vera Fritz ebenfalls nur durch ehrenamtliches Engagement möglich ist. Auch packen die Bewohner rund um das Haus an. Sie helfen bei der Pflege der Außenanlagen und der Unterkunft. Im Rückblick räumt die Leiterin ein, dass im Zusammenleben so vieler Menschen nicht durchgängig immer alles eitel Sonnenschein gewesen sei. So musste schon mal der Notarzt gerufen werden oder die Polizei war im Einsatz. Durch die eingeschränkten Räumlichkeiten kam es hin und wieder zu kleinen Eskalationen zwischen den Bewohnern oder unter Familienmitgliedern.

Welch guter Geist aber in dem Haus in der Murgtalstraße herrscht und wie hilfreich eine gute Begleitung der asylsuchenden Menschen ist, zeigt die Aussage von Durdane Discioglu: „Ich fühle mich bereits als Gaggenauerin.“

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Erstellt:
6. Mai 2020, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 07sec

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