Denkmalschützer rechnen mit Funden aus Stein- und Römerzeit

Muggensturm (sl) – Am Ortsrand von Muggensturm soll ein Neubaugebiet entstehen. Doch zunächst werden archäologische Probegrabungen stattfinden, denn das Gebiet war schon vor Jahrtausenden besiedelt.

Im Mai soll die sogenannte Prospektion losgehen. Schon jetzt wurden Rodungsarbeiten vorgenommen. Foto: Linkenheil

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Im Mai soll die sogenannte Prospektion losgehen. Schon jetzt wurden Rodungsarbeiten vorgenommen. Foto: Linkenheil

Von Sebastian Linkenheil

Die archäologische Prospektion auf dem Gelände des geplanten Baugebiets Falkenäcker-Steinäckerle am südlichen Ortsrand von Muggensturm verzögert dessen Erschließung nach Einschätzung des Rathauses um voraussichtlich sechs Monate (wir berichteten). Offenbar war das Gewann, in dem Wohnraum für 1400 Menschen entstehen soll, schon vor Jahrtausenden ein beliebter Siedlungsplatz, wie Dr. Sven Jäger erklärt. Er ist Gebietsreferent für den Landkreis Rastatt des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg im Regierungspräsidium Stuttgart.

Um was genau handelt es sich bei einer Prospektion?

Die Prospektionen sind laut Jäger archäologische Voruntersuchungen, die im Vorfeld von Baumaßnahmen helfen den Bestand, also die Lage, Menge und Qualität der archäologischen Befunde abzuschätzen, damit die weiterführenden Planungen und Arbeiten darauf abgestimmt werden können.

Wie soll das in Muggensturm ablaufen?

In Muggensturm ist eine Voruntersuchung mithilfe von Baggern geplant. Das heißt, es werden – rücksichtnehmend auf den bestehenden Bewuchs – in regelmäßigen Abständen mit dem Bagger etwa zwei Meter breite Streifen aufgezogen, und zwar so tief, bis man auf den potenziell befundtragenden Horizont unterhalb der Ackerkrume stößt. Bei der Voruntersuchung werden alle Befunde dokumentiert. Start der Prospektion ist Anfang oder Mitte Mai.

Wie lange dauert das?

Da das Planungsgebiet eine verhältnismäßig große Fläche umfasst, werden diese Arbeiten – immer in Abhängigkeit von der angetroffenen archäologischen Substanz – mehrere Wochen andauern. Flankiert wird dies durch Begehungen der Ackerstücke durch ehrenamtlich Beauftragte des Landesamts für Denkmalpflege.

Auf welche Art werden die Funde dokumentiert?

Die Prospektion wird zeitnah in einem Grabungsbericht zusammengefasst, der die Grundlage für alle weiteren archäologischen Arbeiten und Planungen vor Ort darstellt. Alle angetroffenen Strukturen werden darin durch Wort und Bild detailliert beschrieben. Die Objekte werden sachgerecht gereinigt, fotografiert, nummeriert und verpackt sowie zum Beispiel im Fall von Metallobjekten oder Glas durch die Restauratoren des Landesamts für Denkmalpflege bearbeitet. Ziel ist es, die Dokumentation und die Objekte zu archivieren und dann zukünftigen Forschungen zur Verfügung zu stellen.

Welche Funde wurden schon gemacht?

1989/1990 wurden im Areal nördlich und südlich der Kreisstraße K 3728 auf dem Acker Feuersteinartefakte aus der Jungsteinzeit nebst Keramikscherben aus der Römerzeit aufgesammelt, diese deuten auf eine Ansiedlung aus diesen Epochen hin. Die Funde liegen heute im Zentralen Fundarchiv des Archäologischen Landesmuseums Baden-Württemberg in Rastatt.

Gibt es weitere Hinweise auf Siedlungsspuren, zum Beispiel Luftaufnahmen?

Durch Luftbildaufnahmen und Satellitenbilder ist aus dem Bereich südlich der Kreisstraße eine Struktur bekannt, die auf eine mittelalterliche Besiedlung hinweisen könnte. Die Lage im Bereich alter Flussschlingen der Murg ist ein weiterer Indikator.

Warum eignete sich das Areal dort seinerzeit als Siedlungsplatz?

Gerade auf den hochwasserfreien Erhebungen dieser Halbinseln und Flussschlingen in einer damals deutlich nasseren, sumpfigeren Flusslandschaft wurde in allen vor- und frühgeschichtlichen Epochen intensiv gesiedelt. Als sehr eindrücklicher Vergleich ist das Neckarmündungsgebiet zu sehen, wo in fast jeder Neckarschleife auch Siedlungen von der Jungsteinzeit bis zum frühen Mittelalter saßen.

Ist mit weiteren Funden zu rechen?

„Ja“, sagt Jäger, „wenn wir keinen Verdacht hätten, dass hier archäologische Relikte gefunden würden, würden wir keine Prospektion veranlassen.“

Was passiert, wenn bedeutende Funde gemacht werden?

Wenn die Prospektion in einigen Teilbereichen in größerem Umfang archäologisch relevante Befunde erbringt, so werden die Arbeiten in diesen Bereichen durch eine archäologische Fachfirma investorenfinanziert fortgeführt. Hierbei fokussiert man sich auf die relevanten und aussagekräftigen Bereiche, die dann nach den Vorgaben und unter fachlicher Betreuung des Landesamts für Denkmalpflege komplett aufgenommen und dokumentiert werden.

Welches Ziel wird dabei verfolgt?

Ziel der archäologischen Denkmalpflege ist es grundsätzlich, die Befunde für die nächsten Generationen sicher in der Erde verborgen zu erhalten, weshalb eine Ausgrabung nur das letzte Mittel bei unweigerlich bevorstehender unkontrollierter Zerstörung darstellt, zum Beispiel bei einem Bauvorhaben, da hierbei die Befunde zwar fachgerecht aufgenommen, aber letztendlich doch beseitigt werden.

Welche Erkenntnisse erhoffen sich die Fachleute?

„Wir erhoffen uns, durch die Prospektion und gegebenenfalls die nachfolgenden Grabungen die Regionalgeschichte tiefer zu ergründen, da bislang im näheren Umfeld kaum größere Ausgrabungen durchgeführt wurden beziehungsweise oft nur sehr kleine Flächen bearbeitet werden konnten“, erklärt der Gebietsreferent. Gerade ein interessanter Ort wie in der alten Flussschlinge biete die Chance, die Besiedlungsgeschichte über einen längeren Zeitraum zu erfassen, der, durch die Funde zu urteilen, schon in der Jungsteinzeit begann.

Was bedeutet das gegebenenfalls für die Entwicklung des geplanten Baugebiets?

Je nach Möglichkeiten der Planungen am Neubaugebiet gilt es zu prüfen, ob Umstrukturierungen möglich sind und besonders aufwendig abzuarbeitende Bereiche eventuell unangetastet unter Grünflächen erhalten bleiben können. „Hier gilt es in enger Abstimmung mit dem Planungsträger zu handeln“, so Jäger. Da die Arbeiten in der Regel weit vorab der geplanten Erschließungsarbeiten durchgeführt werden sollen, gebe es meist keinerlei Auswirkungen auf das Gesamtprozedere. Wenn dies allerdings aufgrund verschiedenster Umstände nicht gelinge und sich Überschneidungen ergeben, sei man bemüht, die weiterführenden archäologischen Arbeiten so zu organisieren, dass sie sich wie eines der anderen Gewerke in das Bauvorhaben eingliedern.

Verzögert sich die Prospektion durch die Corona-Krise?

Nein. Die Richtlinien zum Arbeitsschutz auf Baustellen, die vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau sowie dem Ministerium für Soziales und Integration herausgegeben wurden, werden eingehalten.

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Erstellt:
23. April 2020, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 36sec

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