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Muss alles an geweihte Amtsträger gebunden sein?

Rastatt (as) – Priestermangel, Rolle der Frauen in der Kirche. Missbrauchsskandale: Über die Zukunft der katholischen Kirche wird diskutiert, auch unter Priestern. Gerold Siegel (74), Ralf Dickerhof (50) und Frederik Reith (31) stellen sich der Diskussion in einem dreiteiligen BT-Gespräch.

„Ich kann Kirche nur von innen heraus verändern“, sagen Frederik Reith, Gerold Siegel und Ralf Dickerhof. Mauderer

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„Ich kann Kirche nur von innen heraus verändern“, sagen Frederik Reith, Gerold Siegel und Ralf Dickerhof. Mauderer

Von Anja Groß

Weg von Pfarrgemeinden hin zu Riesenpfarreien auf Dekanatsgröße – die katholische Kirche ist seit einigen Jahren einem enormen Wandel unterworfen. Dazu kommen Missbrauchsskandale, Diskussionen über den Zölibat oder die Rolle von Frauen in der Kirche, Kirchenaustritte, Priestermangel, die die Institution bis in ihre Grundfesten erschüttern. Das bietet viel Stoff für Diskussionen auch unter Klerikern, wie BT-Redakteurin Anja Groß im Gespräch mit Pfarrer i.R. Gerold Siegel (74), Pfarrer Ralf Dickerhof (50) und Ka-plan Frederik Reith (31) festgestellt hat.

BT: Herr Siegel, Herr Dickerhof, Herr Reith, stellvertretend für drei Priestergenerationen: Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden?

Gerold Siegel: Ich bin 1973 zum Priester geweiht worden. Meine Entscheidung ist in eine Zeit gefallen, in der die Kirche sehr bewegt war – im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils – und davon habe ich mich anstecken lassen. Der Wille der Kirche, sich zu öffnen für die Anliegen und Bedürfnisse der Menschen, das hat mich beeindruckt. Gestalten, Verändern, Menschen zu begeistern für eine Sache, das war immer mein Ziel – und in diesem Fall einfach zu begeistern für die Kirche und für den Glauben.

Ralf Dickerhof: Ich habe in meinem Heimatort Bad Peterstal Kirche als Ort erfahren, wo ich mich pudelwohl gefühlt habe. Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann, während der ich schon gemerkt habe, dass das nicht meins ist, hatte ich wohlwollende Leute um mich herum, die gefragt haben, ob Priester nicht etwas für mich wäre. So kam ich auf diesen Weg und habe im Lauf des Studiums gemerkt, dass das einfach passt. Ich bin angetreten mit dem Wunsch, dass ich die Freude, die ich daran habe, in der Kirche meinen Glauben zu leben, an andere weitergeben kann.

Siegel: Da muss ich noch hinzufügen, dass ich in einer sehr katholischen Familie groß geworden bin, einer geschlossenen katholischen Gemeinschaft sozusagen.

Dickerhof (lacht): Aber der Schuss kann natürlich auch nach hinten losgehen.

Siegel: Ja, aber bei mir nicht, da ich von meiner Mutter her eine relativ offene, liberale katholische Erziehung genossen habe – ohne Muss, und das war für mich sehr wichtig.

Frederik Reith: Meine Weihe 2017 ist noch nicht so arg lang her. Für mich war auch die positive Erfahrung in der Heimatgemeinde wichtig. Ich wollte etwas im sozialen Bereich machen, Lehrer werden, und irgendwann hat die Berufung dann den Lehrerwunsch überholt. Ich bin auch Pfadfinder, und das Motto der Pfadfinder ist, die Welt jeden Tag ein bisschen besser zu machen und sie besser zu verlassen, als man sie vorgefunden hat. Das ist für mich ein ganz klarer Veränderungsauftrag aus meinem christlichen Glauben heraus. Ich bin schon ein Kind von Seelsorgeeinheiten, habe also schon gar keine klassische Pfarrgemeinde mehr erlebt. Deswegen war mir schon immer klar, dass ich in einer großen Veränderungszeit Priester werde. Und dass ich nicht weiß, wie es in 20 Jahren aussehen wird. Für mich war auch klar, ich bin nicht mit allem einverstanden, was Kirche sagt und tut – aber ich kann nur von innen heraus etwas verändern.

BT: Die Rahmenbedingungen werden zunehmend schwieriger. Kirche ist einem enormen Wandel unterworfen. Der Weg scheint hin zur Riesenpfarrei zu gehen, fast auf Dekanatsgröße – bleibt da noch Zeit für Seelsorge?

Dickerhof: Die Hoffnung ist ja, dass wir tatsächlich mehr Zeit für Seelsorge haben. Wenn die Umorganisation abgeschlossen ist, soll es einen leitenden Pfarrer geben, also hoffentlich keinen leidenden ...

alle lachen

... aber dass dann die hauptamtlichen pastoralen Kräfte und wir Priester von manchem entlastet sind, was im Moment noch zu unserem Alltagsgeschäft gehört. Damit wir uns auf die Kernaufgabe konzentrieren können, Menschen auf ihrem Glaubensweg zu begleiten, geistliche Impulse zu geben, die Sakramente zu feiern. Ich hoffe sehr, dass das auch gelingt.

„Wieso muss ein Generalvikar Priester sein?“: Pfarrer Ralf Dickerhof.

© ema

„Wieso muss ein Generalvikar Priester sein?“: Pfarrer Ralf Dickerhof.

BT: Die Priesterseminare werden immer leerer. Viele behaupten, das läge am Zölibat. Was meinen Sie?

Siegel: Ich denke, der Zölibat ist ein Puzzleteil von vielen. Auch in den pastoralen Berufen und in den Orden haben wir immer weniger Nachwuchskräfte. Ich sehe einen Grund darin, dass die Kinder und Jugendlichen heute anders aufwachsen als wir noch. Bei mir in der Familie war beispielsweise Glaube ein Thema. Man hat ihn praktiziert, indem man miteinander gebetet hat – Tischgebete beispielsweise. Das fällt heute teilweise weg. Die christliche Sozialisation kommt in den Familien zu kurz. Und in der Gesellschaft findet eine sehr starke Individualisierung statt. Man will mehr für sich etwas tun und weniger für andere.

Reith: Es wird immer vom Priestermangel geredet, aber prozentual gesehen – Priester zu aktiven Katholiken – sind wir eigentlich immer noch gut versorgt. Spaß beiseite: Heute fragt wohl keiner in der Familie mehr ein Kind, ob es Priester werden will oder Nonne – da wird man ja für verrückt erklärt. Ich habe viel mit Kommunionkindern und Ministranten zu tun, die stehen Kirche ja grundsätzlich schon mal etwas näher als andere. Aber auch da merke ich, dass vieles an christlichem Grundwissen einfach nicht mehr vorhanden ist. Außerdem gibt unsere Kirche seit einigen Jahren ein erschreckendes Bild in den Medien ab und hat dadurch manches auch selbst verbockt, das muss man ganz klar sagen. Dafür kriegt sie jetzt zu Recht auf den Deckel.

Dickerhof und Siegel: Hmmm, stimmt.

Es fehlt an christlichem Grundwissen

BT: Aber ist es nicht so, dass gerade für junge Leute Zölibat doch wieder ein großes Thema ist?

Reith: Inzwischen ist der Hauptgrund, aus dem Priesterseminar auszutreten, nicht mehr der Zölibat. Das war zu meinen Zeiten noch eher so. Heute ist der Grund eher, dass manche sich nicht vorstellen können, unter diesen Umständen heute Priester zu werden – strukturell und wie es gerade läuft – und dann aus dem Priesterseminar austreten.

„Unsere Kirche gibt seit einigen Jahren ein erschreckendes Bild in den Medien ab“: Kaplan Frederik Reith.

© ema

„Unsere Kirche gibt seit einigen Jahren ein erschreckendes Bild in den Medien ab“: Kaplan Frederik Reith.

BT: Auch die Rufe nach Frauen in Weiheämtern werden gerade immer wieder laut. Glauben Sie, dass Sie eine Diakoninnen- oder Priesterinnenweihe noch erleben werden?

Siegel: Ich werde es mit Sicherheit nicht mehr erleben, dass eine Frau zur Priesterin geweiht wird. Wenn, dann könnte ich mir eine Diakoninnenweihe noch eher vorstellen, ich glaube, das wäre umsetzbarer als nächster Schritt. Wir sehen es ja jetzt an der Diskussion um die Amazonas-Synode: Was da für ein Theater ist, weil nur mal angedacht wird, dass es im Amazonasgebiet mal Viri probati geben könnte, also verheiratete Männer als Priester. Als ob die Kirche daran zugrunde gehen würde. Das zeigt mir aber, dass wir noch sehr weit weg sind von Priesterinnen. Ich glaube, das dauert noch ein paar Jahrhunderte.

BT: Aber könnten Sie sich das prinzipiell vorstellen?

Siegel: Vorstellen schon, aber da müsste in unserer Kirche in den Leitungsköpfen sehr viel passieren. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, da müsste eine gewisse Bekehrung zum Frauen-Priestertum hin passieren.

Dickerhof: Ich weiß gar nicht, ob ich mir das vorstellen will. Meine Sorge ist, dass die Kirche dann auseinanderfliegen würde. Denn die bisherigen päpstlichen Festlegungen sind nun mal eindeutig, dass die Priesterweihe den Männern vorbehalten ist. Ich wüsste gar nicht, wie ein Papst das revidieren sollte, was seine Vorgänger uns da autoritativ verordnet haben. Die Frage ist für mich eher: Muss alles, was in dieser Kirche entschieden wird, an geweihte Amtsträger gebunden sein? Gibt es nicht viel mehr Bereiche, in denen man Frauen verantwortlicher einbinden kann? Das muss in der Welt- und in der Ortskirche viel selbstverständlicher werden, weil es dazu nur auf Charisma, Talent, Kompetenzen ankommt und nicht auf eine Weihe. Wir haben im Moment noch dieses bescheuerte System, wenn man in der Kirche in Entscheidungspositionen will, dann muss es ein geweihter Amtsträger sein. Ich finde, das ist ein Unding. Davon werden wir uns ziemlich schnell verabschieden müssen. Dass das aber derzeit bei engagierten Frauen so ankommt, als ob sie das fünfte Rad am Wagen sind, und dass sie auch nicht in ihrer Gottesebenbildlichkeit geachtet werden, kann ich voll und ganz verstehen. Es ist schon eine große Aufgabe, die kirchliche Einheit zu wahren, und ich glaube, das wäre ein Punkt, wo es schwer werden würde, salopp gesagt, den Laden noch zusammenzuhalten.

Siegel: Das sieht man ja am Beispiel der Viri probati, der verheirateten Priester ...

Dickerhof: ...was im Grunde genommen aber gar kein Thema ist, denn wir haben ja schon verheiratete Priester unter dem Dach der katholischen Kirche...

Reith: Ja, das ist ja eigentlich gar kein Thema mehr...

Siegel: ...aber trotzdem wird es zu einem großen Thema gemacht, und zwar negativ. Das finde ich sehr schade. Anstatt mal sachlich und vernünftig darüber zu reden. Es gibt auch schon Versuche, Frauen stärker in leitende Positionen einzubinden, in Norddeutschland gibt es Beispiele, wo Frauen Gemeindeleiterinnen sind. Das kann man auch ohne Weihe.

„Ich werde es mit Sicherheit nicht mehr erleben, dass eine Frau zur Priesterin geweiht wird“: Pfarrer i.R. Gerold Siegel.

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„Ich werde es mit Sicherheit nicht mehr erleben, dass eine Frau zur Priesterin geweiht wird“: Pfarrer i.R. Gerold Siegel.

BT: Das sagen Sie hier so leichtfertig...

Siegel: Gut, die katholische Kirche hat natürlich eine Theologie, die besagt, eine Gemeindeleitung hänge unbedingt zusammen mit der Eucharistie...

Dickerhof: Ja, ist ja grundsätzlich richtig, meine ich. Aber wieso muss ein Generalvikar (Anmerkung der Redaktion: Ein Generalvikar leitet die zentrale Verwaltung der Diözese) beispielsweise Priester sein?

Siegel: Muss er gar nicht, überhaupt nicht!

BT: Aber das würde doch grundlegende Reformen bedingen, oder?

Reith: Es gibt ja schon Mentoring-Programme für Frauen im mittleren Dienst. Da hat die Kirche dasselbe Problem wie überall in der Wirtschaft, dass Frauen immer noch mehr pflegen oder die Kinder versorgen. Ich würde aber theologisch widersprechen, was das Frauen-Priestertum angeht. Ich halte es theologisch noch für möglich, trotz der recht strikten Äußerungen von Johannes Paul II. Aber ich denke, dafür ist eine Kulturveränderung nötig, und die dauert einfach ewig. Denn so lange Frauen in den Teilen unserer Welt, in denen Kirche noch stark ist, größtenteils schlechter gestellt sind als Männer, kommt auch keiner auf die Idee, sie Priesterin werden zu lassen, weil der Priester dort extrem hochstehend ist. Ein afrikanischer Mitbruder hat mir mal erklärt, er als Häuptlingssohn ist Priester geworden, weil der Priester höher angesehen ist als der Häuptling. Wenn also eine Frau nichts wert ist in diesen Gesellschaften, wird sie auch nicht Priesterin.

BT: Dabei könnte es bei uns doch eine Lösung für das Personalproblem sein, oder?

Reith: Ich will Frauen und verheiratete Männer als Priester nicht als Notnagel, sondern weil es in sich richtig, würdig und logisch ist – aus theologischen und menschenrechtlichen Gründen. Aber im Moment müssen wir Löcher stopfen, und mich beschleicht manchmal das Gefühl, die Rufe nach Frauen-Priestertum oder verheirateten Priestern rühren nur daher, dass man personell die Kirche von früher aufrechterhalten will. Aber das ist eigentlich eine Realitätsverweigerung. Fortsetzung folgt

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Erstellt:
3. Januar 2020, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 30sec

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