Vier Fragen an: Sabine Klarck

Rastatt (naf) – „Babys wollen eben auf die Welt kommen – auch in Zeiten von Corona“, sagt Sabine Klarck schmunzelnd. Die Hebamme aus dem Geburtshaus in Rastatt hat sich mit BT-Volontärin Nadine Fissl darüber unterhalten, wie sich ihre Arbeit in Zeiten von Corona verändert hat und wie sie trotzdem, oder gerade deswegen, versucht, den baldigen Müttern, die Angst zu nehmen.

Ihr Lachen verliert Sabine Klarck auch trotz der Krise nicht. Foto: Fissl

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Ihr Lachen verliert Sabine Klarck auch trotz der Krise nicht. Foto: Fissl

Von Nadine Fissl

BT: Frau Klarck, was hat sich durch die Corona-Krise im Geburtshaus verändert?

Sabine Klarck: Verändert hat sich sicher erst einmal die Anzahl der Anfragen. Alle wollen schnellstmöglich noch einen Platz zur Geburt im Geburtshaus ergattern. Es gab in den ersten Tagen nach Bekanntwerden der offiziellen Einschränkungen viele Anfragen von Schwangeren. Sie haben Angst, die Geburt alleine stemmen zu müssen und danach noch tagelang alleine in der Klinik zu sein. Da wir aber einen extremen Mangel an Hebammen für die Geburtshilfe haben, können wir diese Frauen nicht alle annehmen.

Wir mussten unsere ohnehin schon recht strengen Hygienevorschriften den neuen Vorgaben anpassen. Das bedeutet, dass auch wir nur noch den Partner zur Geburt zulassen und das auch nur, wenn er gesund ist. Auch zur Vorsorgeuntersuchung können die Frauen nur noch alleine oder mit Partner kommen. Außerdem dürfen sich maximal zwei Personen im Wartebereich aufhalten.

Bei der Geburt arbeiten wir nur noch mit OP-Mundschutz und Handschuhen, die wir stündlich wechseln. Schutzkleidung tragen wir nur bei Geburten von Frauen, die positiv auf Corona getestet wurden. Außerdem heißt es putzen, putzen und desinfizieren – noch mehr als schon vor Corona. Trotz allem sehen wir die ganze Sache auch im Geburtshaus eher entspannt.

BT: Wie können Sie unter den gegebenen Umständen arbeiten?

Klarck: Die soziale Distanz ist im Hebammenberuf sicher nur bedingt einzuhalten. Auch mit Corona bleiben die Kinder nicht länger im Bauch. Hebammenarbeit ist eben „Hand“-werk. Für die Hausbesuche gilt: Jede unserer Kolleginnen kann das auf ihre Art und Weise machen. Prinzipiell arbeiten wir mit Mundschutz und Handschuhen, die für jede Familie gewechselt werden, und waschen und desinfizieren unsere Hände immer wieder zwischendurch. Aber auch schon vor Corona sollte sich eine Hebamme zu Beginn jedes Hausbesuchs die Hände waschen. Waschbare Wiegetücher sollten sowieso nicht für mehrere Babys genutzt werden, also hat sich da nicht so viel verändert.

Die Besuchszeit ist mittlerweile aber deutlich eingeschränkt: möglichst nicht mehr als 30 Minuten und nur mit der Mutter und dem Neugeborenen im Raum. Das wird in manchen Familien eine Herausforderung, da manchmal nur ein Raum zur Verfügung steht. Die Mutter sitzt dann auf einer Seite des Betts, die Hebamme auf der anderen Seite und dazwischen das Kind. Jedes Angebot von Getränken lehnen wir ab.

Ein schönes Arbeiten ist das nicht mehr wirklich. Es werden nur noch notwendige Hausbesuche gemacht, das Restliche wird telefonisch erledigt. Das funktioniert aber auch nur in den Familien, in denen alles rund läuft und vor allem nicht in den ersten zwei Wochen.

BT: Wie könne Sie verunsicherte Familien unterstützen?

Klarck: Die Ängste der Frauen und Familien sind sehr unterschiedlich. Zum einen das Ansteckungsrisiko, auf einmal sind häufige Vorsorgen nicht mehr so notwendig, zum anderen aber auch die Angst davor, alleine bei der Geburt und in den Tagen danach zu sein. Eine häufige Reaktion ist die Frage nach der schnell noch zu planenden Hausgeburt.

Ich will den Frauen wieder den Boden unter den Füßen zurückgeben. Darum versuche ich, ihnen eine vernünftige Einstellung zum Ansteckungsrisiko zu geben und die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen zu erklären. Zur Betreuung der Schwangerschaft versuche ich zu vermitteln, dass es in den vergangenen Jahren eigentlich schon fast zu viel Vorsorge gegeben hat und das immer noch fast alle Kinder wunderbar entwickelt geboren werden.

Zur Sorge vor einer Geburt alleine erkläre ich den Frauen immer: Gebären musst und wirst du immer alleine, die anderen können hier nur unterstützen. Alle Frauen besitzen gemeinsam mit ihrem Kind die Kraft und Energie, eine Geburt zu stemmen. In der Klinik wird immer eine Hebamme an ihrer Seite sein.

Eine Hausgeburt nur aus der Corona-Sorge heraus lehne ich prinzipiell ab. Für eine Hausgeburt braucht es Vorbereitung, ein Kennenlernen und gesundes Vertrauen aller zueinander. Die Antwort zur Frage „Wie kann ich helfen?“, ist also: Ich kann einfach nur „da“ sein, wenn es nötig ist.

BT: Was für weitere Probleme erwarten Sie aufgrund der Krise?

Klarck: Probleme wird es in den kommenden Monaten sicher finanziell für die Praxis und das Geburtshaus geben. Trotz der weiterhin bestehenden Arbeit fehlt ein Teil der Einnahmen. Es finden nur ein paar Kurse sehr eingeschränkt per Skype statt, die Elternkurse fallen komplett aus. Die geplanten Fortbildungen sind gestrichen, wodurch Mieteinnahmen fehlen, und unsere Elterngruppen können sich nicht treffen.

Gleichzeitig müssen wir unverhältnismäßig mehr für Sicherheitspakete wie Mundschutz, Schutzausrüstung und Desinfektion zahlen. Hier sind die Preise massiv in die Höhe gegangen und es ist für Hebammen, vor allem für Geburtshaus und Praxis, wesentlich schwieriger, überhaupt an diese Dinge heranzukommen.

„Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

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Erstellt:
19. April 2020, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 33sec

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