Wenn das Tanztraining zur Solo-Choreografie wird

Rastatt (red) – Freischaffende Künstler haben es nie leicht. Wer diesen Beruf über Jahre ausübt, kennt Durststrecken und schwierige Phasen. Doch wie ist es für eine Künstlerin, die noch am Anfang ihrer Karriere steht und schon mit der Corona-Krise zu kämpfen hat?

Als klassischer Tänzer ist es selbstverständlich, in Gruppen zu trainieren, dicht an dicht an den Ballettstangen zu stehen – aber in Corona-Zeiten ist alles anders. Foto: Romina Becker

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Als klassischer Tänzer ist es selbstverständlich, in Gruppen zu trainieren, dicht an dicht an den Ballettstangen zu stehen – aber in Corona-Zeiten ist alles anders. Foto: Romina Becker

Kathrin Schneider liebt es, sich durch das Tanzen auszudrücken. Es reizt sie, Dinge abstrakt im Tanz zu verpacken und durch Tanz Gefühle zu kommunizieren. „Tanzen ist Freiheit“, sagt sie. „Wenn ich es schaffe, den Kopf auszuschalten, dann sind das Momente, in denen ich zu mir finde und zu meinem Körper, ich vergesse alles um mich herum“.

Deshalb war für die 20-Jährige nach dem Abitur am Ludwig-Wilhelm-Gymnasium in Rastatt bald klar: „Ich will den Tanz zu meinem Beruf machen“. Sie begann 2018 die Ausbildung zur Bühnentänzerin mit Zusatzqualifikation Choreografie bei „Dance Professional“ in Mannheim. Doch jetzt sind aufgrund der Virus-Pandemie die Schule und alle Trainingsräume bis auf Weiteres geschlossen. Dabei stehen bald Prüfungen an.

Ende Mai sollen die Studenten ihren Leistungsstand beweisen in Ballett, Modern Dance, Jazz Dance, Improvisation, Hip-Hop, Breakdance und Urban Dance. Auch Kontaktimprovisation steht auf dem Lehrplan, die dann vielleicht kontaktlos geübt wird? Für die junge Tänzerin unvorstellbar.

Motivation aus sich selbst holen

Als klassischer Tänzer ist es selbstverständlich, in Gruppen zu trainieren, dicht an dicht an den Ballettstangen zu stehen, sich im Verlauf der Choreografien zu berühren. „Es ist ungewohnt, alleine zu trainieren, alleine im Tanzstudio zu stehen. Es ist frustrierend ohne Feedback, es fehlt die Energie der Gruppe, es fehlt das Auge des Lehrers“. Doch Kathrin Schneider sieht auch Vorteile in der ungewohnten Situation. So sei es eine interessante Erfahrung, die Motivation ganz aus sich selber zu holen. Und so spürt sie in der Zwangslage auch Freiheit. Sie entscheidet, Übungen zu wiederholen oder abzukürzen und Pausen einzubauen nach eigenem Bedarf. Mit fünf Jahren nahm sie ihre erste Tanzstunde, damals zunächst im Atelier bei Elli Kugler, dann 13 Jahre lang im Tanzstudio „Der springende Punkt“ in Kuppenheim, wo sie eine fundierte tänzerische Grundausbildung erhielt und mit der Studiogruppe wertvolle Auftrittserfahrung sammeln durfte. Und schließlich, kurz vor der Entscheidung, den Tanz zum Beruf zu machen, fand sie auch den Weg in den Tanz-Raum Rastatt, das Studio liegt quasi bei ihr um die Ecke.

Für Romina Becker, Inhaberin von Tanz-Raum, ist es selbstverständlich, der angehenden Kollegin jetzt aus der Klemme zu helfen. Kathrin Schneider hat bis zur Prüfung freien Zugang zum Tanz-Raum, trainiert und probt ihre Choreografien nach Bedarf und hat das Studio ganz für sich allein. Eigentlich wäre es momentan dort noch mal wuselig zugegangen. Am letzten Märzwochenende hätte es soweit sein sollen: das Tanzmärchen „Tischlein deck dich“ mit über 140 mitwirkenden Tänzerinnen in Kooperation mit dem Ludwig-Wilhelm-Gymnasium wäre als Höhepunkt des tänzerischen Schuljahrs in der Aula auf die Bühne gekommen. Das Event, auf das sogar die kleinsten Tänzerinnen monatelang fleißig hingearbeitet haben, ist nun verschoben auf die Zeit, wenn die Bühnen der Welt wieder geöffnet haben.

Im Juli 2021 wird Kathrin Schneider ihr Berufskolleg beenden, und sie hofft, dass bis dahin auch die Tanzkunst ihren verdienten Platz in unser aller Leben zurückerobert hat.

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Erstellt:
8. April 2020, 16:15 Uhr
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