BT-Adventskalender voller Buch- und CD-Tipps

Baden-Baden (BT) – Der alljährlichen Adventskalender des Badischen Tagblatts ist schon Tradition. Ab 1. Dezember gibt es auf der Kulturseite wieder täglich eine Buchempfehlung oder einen CD-Tipp.

Der BT-Adventskalender ist  unter anderem auch wieder voller Bücher, die lesenswert sind. Foto: Arne Dedert/dpa

© dpa

Der BT-Adventskalender ist unter anderem auch wieder voller Bücher, die lesenswert sind. Foto: Arne Dedert/dpa

Die Adventskalender sorgen nun wieder bis Weihnachten täglich für kleine Überraschungen, meist schokoladige. Im Badischen Tagblatt ist der literarische Adventskalender bereits zur Tradition geworden, in dem jeden Tag ein Roman, ein Sachbuch, ein prachtvoller Bildband oder eine CD zum Verschenken vorgestellt wird.

Trotz hektischer Betriebsamkeit zum Jahresende ist der Advent auch für viele Menschen eine Zeit des Besinnens und Nachdenkens. Anne Webers traurige Liebesgeschichte „Tal der Herrlichkeiten“, mit dem der BT-Adventskalender startet, richtet in geheimnisbewahrender Sprache den Blick am Ende auf eine hoffnungsvolle Zuversicht. Vielleicht eine Empfehlung für den Gabentisch sind auch die Geschichten über Philosophen und ihre tierischen Begleiter, über die Liebe, Lebensweisheiten und Baden-Badener Bonmots. Am heutigen Mittwoch geht es los.

Und hier gibt es gleich das erste Türchen:

Von Liebe, der Einsamkeit und der Erlösung

Von Georg Patzer

Sperber lebt in einem kleinen Fischerort in der Bretagne, in einer schäbigen Wohnung: „Bis auf das Leben und seine zähe Konstitution hatte er so ziemlich alles, was man verlieren kann, verloren: Arbeit, Haus, Frau, Kind, Sparbücher, Haar.“ Eigentlich hat er sich aufgegeben, lebt vor sich hin, hat ein paar Ticks: zählt die Poller, an denen er vorbeigeht, singt erfundene Lieder vor sich hin. „Wie arm ich auch an Geheimnissen bin!“, denkt er einmal. „Oder sind meine Geheimnisse so geheim, dass ich sie selber nicht kenne?“ Und dann kommt eine unbekannte Frau auf ihn zu und küsst ihn. Und verschwindet wieder.

Natürlich sucht er sie. Einmal sieht er sie von ferne auf einem Felsen im Meer liegen. Dann in einem Bus, sie fährt heim, hat ihm aber ihre Adresse in Paris zurückgelassen, wo sie in einem Krankenhaus arbeitet. Er reist ihr nach: „Sie gingen aufeinander zu. Und während sie nun voreinander standen und sich zum ersten Mal wirklich ansahen, wölbte sich bläulich über ihren Köpfen die Ahnung des noch zu lebenden Lebens, des zu Erfahrenden, der ungeheuren Vielfalt des miteinander Möglichen.“ So beginnt eine heftige Liebesgeschichte zwischen Sperber und Luchs, die zwei Tage und Nächte dauert.

Mit dem Epos „Annette“ ist Anne Weber schlagartig berühmt geworden, jetzt hat sie den Roman „Tal der Herrlichkeiten“ von 2012 überarbeitet. Wie Weber darin die Einsamkeit beschreibt, die Liebe und sogar den Sex, ist so dicht, poetisch, realistisch und gleichzeitig gefühlvoll, so sehnsüchtig, erfüllend und voller überwältigender, genauer Bilder und Erkenntnisse, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt: „Wie alle Dinge hatten auch Tag und Nacht fortan eine neue Bedeutung bekommen. Hell hieß: allein; miteinander: dunkel.“ Nach zwei Tagen stirbt sie bei einem Unfall, und Sperber unternimmt das Unmögliche: Er steigt hinab ins Totenreich, wo er seine Mutter und seine Ex-Frau trifft, und versucht, Luchs wieder ins Leben zu bringen.

In einer bebenden, schwebenden, aufgeladenen und oft geheimnisbewahrenden Sprache, die nur manchmal pompös wird, führt Weber den Leser ganz nah an diese beiden Liebenden und ins Innere von Sperbers Lust und seiner verzweifelten Trauer. Am Ende entscheidet Sperber, wieder in die Stummheit zurückzugleiten: Er war in der Dämmerstadt des Todes und hat „mehr, als den Lebenden erlaubt ist, davon gesehen.“ Aber dabei bleibt es nicht. Er hat erfahren, was Leben bedeutet. Das Licht am Horizont erscheint erneut.

Anne Weber: Tal der Herrlichkeiten. Matthes & Seitz, 260 Seiten, 20 Euro.

Zum Artikel

Erstellt:
1. Dezember 2021, 11:04 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 43sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.