Bewusstsein und Selbstbewusstseins

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um den Menschen und die Welt als sein Gegenüber.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Von Wolfram Frietsch

Die Sache ist die Sache selbst und ihr Widerspruch, sagt Georg Wilhelm Hegel (1770-1831). Was er meint, ist, dass aus einem Entweder-Oder eine dialektische Versöhnung wird, dass sich etwas durch sein Gegenteil auf eine neue, andere Stufe heben lässt. Gegensätze werden dann zu Ergänzungen, die in einen umfassenderen Zustand der Erkenntnis münden.

Weise ich jemanden darauf hin, den Hof zu fegen, dann ist das, was gemacht werden muss, noch nicht erledigt. Es ist noch das Gegenteil von dem Zustand, der notwendigerweise herbeigeführt werden soll. Ich spreche den Zustand an, der das Gegenteil des gefegten Hofes ist, nämlich ein nicht gefegter Hof. Erst das Fegen erfüllt meine Anweisung, und durch die Erledigung wird dieser Mangel abgestellt und ein neuer Zustand erreicht.

In der Philosophie nimmt sich das ein wenig komplizierter aus: Der Mensch erfährt die Welt. Die Welt wird sein Gegenüber, wenn er sich dessen bewusst wird. Will er sich mit ihr aussöhnen, also den Zwiespalt zwischen sich und der Welt überwinden, muss er sich und die Welt in Bezug setzen. Anders gesagt: Das Bewusstsein des Menschen spiegelt sich in der Welt und wird von ihr reflektiert. Das reflektierte Erkennen wird zum erkennenden Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein bedeutet: Ich bin mir meines Selbsts bewusst. Das Selbstbewusstsein wird dann als ein neuer Zustand wahrgenommen. Dadurch erreiche ich eine weitere Stufe meines Bewusstseins. Dieser Prozess wird vollendet, wenn ich mir bewusst werde, dass ich mir bewusst geworden bin. Auf unser Beispiel übertragen meint dies, dass der Hof gefegt wurde und ich mir den gefegten Hof betrachte im Bewusstsein darüber, dass die Anweisung ausgeführt, vollendet wurde.

Nach Hegel ist es unsere Bestimmung, dass der Mensch sich seiner selbst bewusst wird und sich darüber hinaus dieses Selbstbewusstseins versichert: also mir bewusst zu sein, dass ich mir selbst bewusst bin. Hegel sagt, dass es Bewusstsein gibt, und dass Bewusstsein, das sich selbst zum Gegenstand der Betrachtung macht, zum Selbstbewusstsein wird. Die Einheit von Bewusstsein und Selbstbewusstseins – dass also der Geist Inhalt des Gegenstands seiner eigenen Betrachtung wird –, ist dann die höchste Stufe der Bewusstheit von mir und der Welt.

Im Denken ist der Mensch wirklich frei

Hegel weist uns darauf hin, dass wir nicht einfach blind in der Welt herumtappen können, sondern uns auf die Welt um uns herum beziehen müssen. Ansonsten ließen wir uns täuschen. Oberstes Ziel bleibt aber die Aufhebung der Täuschung über die Welt und uns selbst und damit die Vergegenwärtigung der Wahrheit. Dann reicht das Wissen über die Gegenstände und die Wahrnehmung der Sinneswelt hinaus und wird zum Selbstbewusstsein. Dieses ist dabei quasi verdoppelt geworden: Das, was als absolute Identität Selbstbewusstsein ist, und das, was sich als Entgegengesetztes – in der Welt beziehungsweise im Anderen erfassen lässt. Die Verdoppelung des Selbstbewusstseins kommt daher, dass sich das Ich als Gegensatz zu allem anderen, was ist, begriffen hat. Das Ich weiß, dass es Ich ist und dass es außerhalb dieses Ich etwas gibt. Dann erhebt sich das Ich über die Grenzen der Welt und kommt zum Denken. Darin ist der Mensch wirklich frei. Diese Freiheit nützt ihm aber wenig, da die Zufälligkeit des Lebens ihn in dieser behindert. Der Mensch entdeckt nun die Vernunft als Gewissheit des Denkens.

Der Zwiespalt von Welt wird bei Hegel dadurch aufgelöst, dass der Mensch begreift, dass dieser Zwiespalt auf einer höheren Stufe des Denkens Einheit bildet. Wirklichkeit und Denken fallen für Hegel in eins. Das Selbstbewusstsein erkennt, dass das vermeintlich Andere es selbst ist. Die Vernunft entdeckt die Welt und in der Welt sich selbst und damit erfährt sie die Welt als Teil und Anteil. Anders gesagt: Der Geist – das Bewusstsein – des Menschen ist frei. Wenn der Geist dies weiß, wird er absolut frei. Er ist Teil von allem, was ist und weiß es auch.

Literaturempfehlung: G. W. F. Hegel: Phänomenologie des Geistes. Stuttgart 2020.

In seiner Kolumne vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch über Rilkes Orpheus und Hape Kerkeling.


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