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Blick in die Seele der Fans

Baden-Baden (red) – Plauderei mit Musik: Auf seiner Conversations-Tour ist der australische Sänger Nick Cave im Baden-Badener Festspielhaus solo aufgetreten. Vom Bühnenrand aus nahm er Kontakt mit seinen Fans auf – und spielte überwiegend bekannte Songs (Foto: Damman/epa/dpa).

Zwischendurch singt er auch: Der australische Künstler Nick Cave stimmt bekannte Lieder an.Damman/epa/dpa

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Zwischendurch singt er auch: Der australische Künstler Nick Cave stimmt bekannte Lieder an.Damman/epa/dpa

Von Christiane Falk

„Conversations with Nick Cave – An Evening With Talk And Music“ heißt die aktuelle Tour des australischen Künstlers. Seit den 80er Jahren kennt man ihn als Sänger seiner Band The Birthday Party und später der Bad Seeds, mit denen er orgiastische Konzerte gibt, die ihm den Ruf des musikalischen Messias einbringen. Momentan legt er den Schwerpunkt auf Gespräche. Jeder im Publikum darf sich melden, um eine Frage zu stellen.

Im Baden-Badener Festspielhaus setzt sich Cave zunächst für „The Ship Song“ an den Flügel. Mitmusiker sind keine dabei. Dann drängt es ihn an den Bühnenrand, wie immer im schwarzen Maßanzug und weißem Hemd gekleidet, die dunkel gefärbten Haare nach hinten gekämmt. Er erklärt, der Song sei für Guido gewesen, der sich über Caves Homepage „The Red Hand Files“ gemeldet habe.

Besagter Guido steht auf und bedankt sich. Diese Abende ermöglichten es ihm, in die Seele der Fans zu blicken, erklärt der Sänger später. Ein Satz, der pathetisch klingen mag, nicht aber wenn er von Cave kommt, dem Mann, der zwar große Liebeslieder geschrieben hat, dessen Texte obsessiv und wahnwitzig getextet zumeist von Gott und dem Teufel, der Unterwelt und Überirdischem handelten. Die Qualität der Fragen, die Angereiste aus Israel, Rumänien, Portugal, Frankreich, England oder auch den USA stellen, schwankt.

Eine Belgierin will ihm Blumen überreichen und ihn in den Arm nehmen. Cave geht darauf ein, setzt aber auch Grenzen. Als ihn eine andere Frau fragt, ob er bei ihrer Hochzeit einen Song von Elvis singen könne, entgegnet er freundlich aber bestimmt, dass er keine Karaoke-Maschine sei.

Eine Frage nach dem verstorbenen Sänger und Poeten Leonard Cohen führt dagegen in emotionale Tiefen. Sie hätten sich nie getroffen, aber Cohen habe ihm nach dem Tod seines Sohnes Arthur eine Email geschrieben, verrät Cave. Darin stand, „I’m with you, brother“, übersetzt, „Ich bin bei Dir, Bruder“, und diese empathische Zeile habe ihn sehr berührt, genau wie in unzähligen Briefen seiner Hörerschaft erfahren zu dürfen, dass viele Menschen Ähnliches erlebt haben wie er, dessen 15-jähriger Sohn Arthur 2015 unter Drogeneinfluss von einer Klippe gestürzt war und starb. Der Verlust eines seiner Kinder habe ihn nicht nur als Privatmenschen verändert, auch der Künstler sei nun ein anderer. Früher habe er sich als verheirateter Songwriter mit Kindern verstanden. Heute sähe er sich als Vater und Ehemann, der auch Musik mache. Und so, erfahren die Besucher, fühle sich ein reguläres Konzert mit Band für ihn heute ganz anders an als vor zehn Jahren. Er betrete nun die Bühne mit dem Wissen, wenn er alles gäbe, würde ihm genau das von den Fans zurückgegeben.

Anders dagegen die Abende der „Conversations“-Tour, die ein enormes Wagnis bedeuteten. Es gehöre Mut dazu, nicht zu wissen, was er gefragt würde, und ihm sei bewusst, wie nervös es viele mache, sich an ihn zu wenden. Niemand solle dabei vorgeführt werden, daher bittet Cave gleich zu Anfang, man möge sein Handy weglegen. Vom verbalen Austausch mit den Besuchern inspiriert, setzt sich der 62-jährige immer wieder ans Klavier und stimmt zumeist bekannte Lieder in umarrangierter Form an, darunter „The Wheeping Song“ und „Into My Arms“. Der erstmals live gespielte Song „Waiting For You“ bleibt der einzige vom aktuellen Album „Ghosteen“. Gegen Ende greift ein Einheimischer zum Mikrofon.

Cave holt zur Gegenfrage aus: „Woher kommt der ungewöhnliche Städtename?“ Eine Frau in der ersten Reihe erklärt ihm, in Baden-Baden sei es so schön sei, man habe durch die Dopplung die Besonderheit hervorgehoben. Cave lacht. Nach mehr als zweieinhalb Stunden endet er mit dem melancholischen, an seinen toten Sohn erinnernden „Skeleton Tree“, dem die Geschichte vom großmäuligen Mörder „Stagger Lee“ folgt.

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Erstellt:
22. Januar 2020, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 57sec

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