„Das Kultusministerium war kopflos unterwegs“

Baden-Baden (red) – In der Serie „Vier Fragen an“ hat das BT den Vorsitzenden des Landeselternbeirats, Michael Mittelstaedt, befragt, wie die Schulen aus Elternsicht durch die Pandemie kommen.

Michael Mitelstaedt wirft vor allem dem Kultusministerium vor, vieles verschlafen und dann kopflos ohne Beachtung der Expertenratschläge gehandelt zu haben. Foto: Marian Murat/dpa

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Michael Mitelstaedt wirft vor allem dem Kultusministerium vor, vieles verschlafen und dann kopflos ohne Beachtung der Expertenratschläge gehandelt zu haben. Foto: Marian Murat/dpa

Derzeit wird heftig über die richtigen Corona-Maßnahmen an den Schulen diskutiert. Unterschiedlich wird zudem bewertet, wie gut oder schlecht die Bildungsstätten bislang durch die Pandemie gekommen und wie sie auf den weiteren Verlauf der Krise vorbereitet sind. Zu diesen Aspekten hat BT-Redakteurin Stephanie Hölzle den Vorsitzenden des Landeselternbeirats Baden-Württemberg, Michael Mittelstaedt, in der Serie „Vier Fragen an“ befragt.

BT: Herr Mittelstaedt, nach der ersten Welle im Frühjahr hatten Sie noch geurteilt, dass vieles aufgrund der überraschenden Notlage in den Schulen gar nicht so schlecht gelaufen sei. Jetzt rollt die erwartete zweite Welle durchs Land. Wie fällt nun Ihr Fazit aus: Wurde die Zeit genutzt? Sind die Schulen mittlerweile aus Ihrer Sicht besser aufgestellt?
Michael Mittelstaedt: Seit den Sommerferien ist in Sachen Prävention und konzeptionelles Vorgehen alles verschlafen worden. Das Kultusministerium war im wahrsten Sinne kopflos unterwegs. Hinzu kam, dass weder auf die Fachleute gehört wurde, noch die Gremien entsprechend eingebunden wurden. An den Schulen selbst hat sich noch am meisten getan. Dort wurde in den meisten Fällen versucht, Dinge, die begonnen wurden, weiterzuentwickeln – sei es bei Unterrichts- oder Fernlernkonzepten oder bei der Kohortenbildung. Auch wurde die Anschaffung von Geräten auf den Weg gebracht, aber leider nicht zentral gesteuert. Das hat dazu geführt, dass jetzt im Land eine Vielzahl unterschiedlicher Geräte mit unterschiedlichen Supportkonzepten (falls es solche überhaupt gibt) im Einsatz sind. Am meisten hapert es aber an den Lehrern selbst: Es fehlt eine massive Einstellungs- oder zumindest Ausbildungsoffensive.

BT: Welche Hauptprobleme und Wünsche beim Unterricht unter Pandemie-Bedingungen wurden Ihnen als Verband aus Sicht der Eltern vermittelt bzw. welche haben Sie ausgemacht und wie könnte man diesen abhelfen bzw. nachkommen?
Mittelstaedt: Deutlich wurde, dass zu viele Akteure ein absolut undurchsichtiges und logisch nicht nachvollziehbares System tragen sollen: Da sind die vielen Gesundheitsämter, von denen jedes anders handelt. Da sind Schulträger mit unterschiedlichen Infrastrukturen und Geldmitteln. Da gibt es verschiedene Schulleitungen, deren Konzepte sich maßgeblich unterschieden. Und letztlich gibt es Unklarheiten bei den IT-Vorgaben und somit bei den Lehrern. Die Mindeststandards für Fernunterricht müssten klar und verbindlich geregelt sein. Das, was hierzu bislang existiert, ist lächerlich. Und zuletzt gibt es noch unterschiedliche Vorgehensweisen bei der Schülerbeförderung.

BT: Wie bewerten Sie es, dass die Gestaltung eines pandemie-tauglichen Unterrichts höchst unterschiedlich läuft: Einige Schulen haben enorme digitale Angebote für ihre Schüler erarbeitet, andere legen kopierte Arbeitsblätter zu Abholung bereit. Kann es sein, dass ein gut erfüllter Bildungsauftrag in Krisenzeiten vom Engagement einzelner Lehrer, Schulleiter und Schulen abhängt?

Mittelstaedt: Ja, das kann sein - und das wird es so lange sein, bis endlich die „pädagogische Verantwortung“ auch um VERBINDLICHE Mindeststandards ergänzt wird. Zu viel Freiheit generiert in ALLEN Lebenslagen Wildwuchs – da sind Lehrer keine Ausnahme. Zudem müssen Digitalangebote bedarfsorientiert sein, d.h. die Pädagogen müssen sagen, wie der Unterricht konzeptionell, d.h. methodisch-didaktisch, aussehen soll; und dann müssen IT-Profis das in Technik kleiden. Dabei können „übersetzend und beratend“ auch die Informatiklehrervereinigungen unterstützen, die sicherlich ein sehr kompetentes Bindeglied sein können. Abschließend muss man aber sagen, dass einfach generell Lehrer fehlen. Das ist nicht auf die Corona-Zeit beschränkt und kein Geldproblem, sondern einfach wieder davon abhängig, dass hier eine Offensive zur Lehrerrekrutierung fehlt. Ordentliche Arbeitsplätze an der Schule und genügend Lehrer, dann wird es auch laufen.

BT: Wie bewerten Sie die aktuellen Pläne für verlängerte Weihnachtsferien und Wechselunterricht in Super-Hotspots?
Michael Mittelstadt: Zunächst einmal müssen wir uns alle klar darüber sein, was wir wollen. Priorität muss immer der Gesundheitsschutz haben, und von dem Gedanken „Ist ja nur ein Schnupfen“ sind wir wohl endlich weg. Die Anzahl der Sterbefälle ist nicht mehr zu übersehen. Daher müssen die Sieben-Tages-Inzidenzwerte dringend runter. Das geht nur durch Schutzmaßnahmen, Abstände, Lockdown. Erstens heißt das für die Schulen: Kostenlose FFP2-Masken für alle Lehrer. Zweitens: Lüften alleine ist kein prozesssicheres Verfahren. Das sieht außer dem Umweltbundesamt und der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig (SPD), auch niemand sonst als ausreichend an. Drittens: Man muss die Schüler schützen, beispielsweise mit Luftfilteranlagen und durch mehr Abstand (das heißt: Wechselunterricht zulassen, wo es möglich ist); zudem muss man ordentliche und kostenlose Masken denjenigen Schülern zu Verfügung stellen, die das wünschen. Viertens: Wenn es schon verlängerte Ferien gibt, dann muss man auch wirklich konsequent die Kontakte reduzieren und eine Gruppenkonstanz herstellen. Sonst ist das eine unsinnige Maßnahme. Es zeigt sich ja an der aktuellen Lage, dass Freiwilligkeit wohl kaum wirksam ist. Aus meiner Sicht macht nur eine Kombination aus mehreren Maßnahmen Sinn. Wenn in Super-Hotspots Wechselunterricht ausreichen soll, würde das ja bedeuten, dass alleine mehr Abstand zur Eindämmung der Infektionen reichen würde. Doch darüber sind wir längst hinaus.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.


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