„Denk-Anstoß“: Aus Gegensätzen werden Ergänzungen

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um die Frage, ob wir in der besten aller Welten leben.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Von Wolfram Frietsch

Leben wir in der besten aller Welten? Der Philosoph und Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) war der Ansicht, dass wir es tun, eben weil sie in sich die Möglichkeit zur stetigen Verbesserung trägt.

Damit impliziert er sowohl den Gedanken der Einheit als auch der Veränderung, wofür Leibniz den Begriff „Monade“ prägte. Als Monade bezeichnet er ein in sich geschlossenes Gebilde.

Monaden haben keine Verbindung untereinander oder, so der berühmte Satz: Monaden haben keine Fenster. Ihre Wahrnehmungs- oder Bewusstseinsfähigkeit reicht von unbewusster beziehungsweise verworrener Wahrnehmung bis zu Reflexion und Selbstbewusstsein. Obwohl sie abgeschlossen sind, können sie miteinander kommunizieren, denn jede Monade stellt das ganze Universum dar und bewahrt doch ihre Eigenheit. Daraus folgert Leibniz, „dass jedes Stück der Materie das ganze Universum ausdrücken könnte“. Und ein sehr schöner, aber auch bezeichnender Ausspruch Leibniz’ betrifft die Monade „Seele“: „Eine Seele aber vermag in sich selbst nur das zu lesen, was in ihr deutlich vorgestellt ist; sie kann alle ihre Falten nicht auf einen Schlag entfalten, denn diese reichen ins Unendliche.“

Für Leibniz gibt es nichts Totes oder Abgestorbenes. In seiner Philosophie schimmert die Annahme einer universalen Einheit, die in Harmonie mit allem was ist, einfließt.

Doch weil Monaden in sich abgeschlossen sind und die ganze Welt spiegeln, stellt sich die grundsätzliche Frage, wie das vor sich gehen soll.

Alles ist in Bewegung

Leibniz prägt dafür den Gedanken der „prästabilierten Harmonie“, eine von vorneherein vorgegebene Übereinstimmung sämtlicher Monaden miteinander. Eine Harmonie, die so angelegt ist, dass sie stabilisierend wirkt und gleichzeitig diese Stabilität bedingt. Dennoch ist alles in Bewegung. Ruhe ist für Leibniz nur eine unendlich kleine Geschwindigkeit. Es gibt keinen Stillstand, was sogar für die Materie gilt, die eine Abwandlung oder Abänderung einer geistigen Substanz sei.

Bewegung und Ruhe, Seele und Körper, Außen und Innen sind zwar Gegensätze, dennoch gelingt es der Leibnizschen Philosophie, aus Gegensätzen Ergänzungen zu machen, weil die Radikalität und Ausschließlichkeit vom Prinzip der Dynamik und der Harmonie abgelöst wird. „Diese Harmonie bewirkt, dass die Dinge auf den Wegen der Natur selbst zur Gnade führen, und dass zum Beispiel dieser Erdball auf natürlichen Wegen zu den Zeiten zerstört und wiederhergestellt werden muss, wenn es die Regierung der Geister verlangt: zur Strafe der einen und zur Belohnung der anderen.“

Prinzip des Ausgleichs

Strafe und Belohnung sieht Leibniz unter dem Prinzip des Ausgleichs. Alles muss zum Guten dienen. Damit verlieren Werden und Vergehen, Aufbau und Erneuerung sowie Tod und Geburt ihren endgültigen Charakter. Es gibt keinen Anfang und kein Ende, nur das ewige Sein. Die Tröstlichkeit dieses Gedankens ist erschreckend. Der Gedanke der Vollkommenheit impliziert, eben weil nichts verloren geht, dass alles, was wir tun, auf die eine oder andere Art und Weise ausgeglichen und jede Rechnung bezahlt werden muss. Nichts geht verloren. Nichts bleibt unvergessen. Der Maßstab des Ausgleichs ist eine universale Konstante, die als Gedanke der Harmonie in die beste aller Welten eingeschrieben ist.

Leibniz ist die Antwort auf Spaltung und Dualismus. Er ist ein großer Versöhner, ohne dabei den Gedanken der Dualität aufzugeben. Das machte ihn bis heute zu einem konstruktiven Rätsel, das uns weiterhin beschäftigen muss.

Literaturempfehlung: Gottfried Wilhelm Leibniz: Monadologie. Stuttgart 1998.

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Den Artikel lesen Sie hier.

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Erstellt:
11. Oktober 2020, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 44sec

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