Die besten Ausreden bei Doping

Baden-Baden (ket) - Bei Dieter Baumann war’s Zahnpasta, bei Alberto Contador verunreinigtes Fleisch: Sportler sind sehr erfindungsreich, wenn es darum geht, Ausreden für Doping finden zu müssen.

Bei Läufer Dieter Baumann war es vor über 20 Jahren die Zahnpasta, die ihm zum Verhängnis wurde. Foto: Klose/dpa

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Bei Läufer Dieter Baumann war es vor über 20 Jahren die Zahnpasta, die ihm zum Verhängnis wurde. Foto: Klose/dpa

Von Frank Ketterer

Natürlich kommt man an Dieter Baumann in dieser Kolumne nicht vorbei. Das hat weniger damit zu tun, dass der Mann einst in den Leichtathletikstadien dieser Welt als „weißer Kenianer“ seine Runden gedreht hat, als vielmehr damit, dass er auch beim Erfinden von Ausreden nicht nur schnell, sondern auch überaus erfindungsreich war. Mehr noch: Vor mittlerweile mehr als 20 Jahren strickte sich Baumann einen richtigen Kriminalfall zusammen, um zu erklären, wie etwas in seinen schmalen Läuferkörper gekommen war, das dort nicht hingehörte: Nandrolon nämlich, also Doping.
Da das Zeug nicht nur in Baumanns Körper festgestellt worden war, sondern auch in seiner Zahnpasta, war der Fall ziemlich schnell gelöst, zumindest für den Verdächtigten selbst: Ein bis heute unbekannter Bösewicht habe seine Zahnpasta per Spritze verseucht beziehungsweise ihm eine kontaminierte Tube untergejubelt. Zur Untermauerung seiner Unschuld erklärte Baumann nicht nur an Eides statt, dass er nie Dopingmittel zu sich genommen habe, sondern setzte sogar 100.000 Mark Belohnung aus, sollte der Zahnpasta-Täter dingfest gemacht werden. Später unterzog er sich sogar einem Lügendetektortest.

Die Folge all dessen: Es gab Menschen, die Baumann die Geschichte glaubten, zum Beispiel im Deutschen Leichtathletik Verband, der seine zunächst ausgesprochene Suspendierung schnell wieder aufhob. Und es gab Zeitgenossen, die sie ihm nicht abnahmen, zum Beispiel beim internationalen Leichtathletikverband, der den Schwaben wegen Dopingmissbrauchs sperrte.

So oder so: Nicht nur für die Schweizer Boulevard-Zeitung „Blick“ hat der heute 55-Jährige nahezu Historisches vollbracht. Seine Zahnpasta-Affäre habe schließlich eine gewisse (Achtung Wortspiel!) Signalwirkung gehabt und Doper aus aller Welt dazu ermuntert, sich aus einem positiven Befund rauszuquatschen, womit sie geradezu „die Mutter aller Doping-Ausreden“ sei.

In der Tat ist bisweilen viel Hübsches und Erfindungsreiches dabei, wenn Sportler erklären, warum es nur so aussieht als hätten sie gedopt. Fast schon ein Klassiker: Das Essen war schuld. So schob es der Radfahrer Alberto Contador 2010 auf das Kalbsfilet, das er genossen habe, bevor er während der Tour de France mit Clenbuterol im Körper erwischt wurde, also praktischerweise mit dem Stoff, der bisweilen auch als Kälbermastmittel verwendet wird. Gesperrt wurde Contador trotzdem, auch weil rauskam, dass es spanische Radsportfunktionäre waren, die ihm die Ausrede nahegelegt hatten.

Epo für die Schwiegermutter

Mit falscher Nahrungsaufnahme hatte auch der Fall der italienischen Tennisspielerin Sara Errani zu tun, wenn auch auf ganz andere Art und Weise. Sie erklärte ihren positiven Befund auf Letrozol damit, dass ein Medikament ihrer krebskranken Mutter in einem Regal über der Arbeitsplatte ihrer Küche aufbewahrt werde und es so hin und wieder schon mal vorkommen könne, dass eine Tablette in das von Mama Gekochte falle. Für den Internationale Tennisverband war das allemal einleuchtend, weswegen er Errani lediglich für zwei Monate sperrte.

Mit der Mutter hatte übrigens auch ein lokaler Fall zu tun, der sogar bundesweit Beachtung fand und Kopfschütteln erntete, jener der aus Gernsbach stammenden Mountainbikerin Yvonne Kraft nämlich. Sie wurde positiv auf ein Asthmamittel getestet. Die Geschichte, die ihr am Ende tatsächlich eine Sperre ersparte, ging so: Weil ihre Mutter besagtes Asthmaspray nicht habe öffnen können, habe die Tochter mit dem Fläschchen samt Inhalt kräftig auf den Tisch geklopft – und zwar so kräftig, dass der Verschluss kaputt gegangen und eine Dosis Spray entwichen sie, die Kraft prompt eingeatmet habe.

Nicht die Mutter, sondern die Schwiegermutter, trug indes im Fall des litauischen Radprofis Raimondas Rumsas die Schuld. Dessen Gattin wurde während der Tour de France 2002 an der französisch-italienischen Grenze erwischt – und zwar mit einem ganzen Kofferraum voller Anabolika, Testosteron, Epo und Wachstumshormon. Allerdings, so sagte es Frau Rumsas beim sich anschließenden Verhör durch die Polizei aus, habe sie mit dem ganzen Zeug nicht ihren radelnden Gatten beliefern wollen, sondern ihre schwerkranke Mutter.

Einen Fund hat es 2003 übrigens auch bei dem belgischen Radsportler Mario De Clercq gegeben. Wachstumshormone sowie Notizbücher mit Trainingsplänen und Hämatokrit-Messwerten wurden dabei ans Tageslicht befördert. Prompt erklärte De Clercq, er schreibe an einem Roman und führe die Fundstücke aus Recherchezwecken bei sich. Geholfen hat ihm das nicht, er wurde für zwei Jahre aus dem Verkehr gezogen. Der Roman ist bis heute nicht erschienen.

Frau Mitchell hat Geburtstag

Gar fast schon gruselig mutet die Geschichte an, die Tyler Hamilton 2004 erfunden hat, auch er war Radprofi. Als er bei den Olympischen Spielen in Athen des Blutdopings überführt wurde, behauptete er, die fremden Blutzellen würden von seinem vor der Geburt im Mutterleib verstorbenen Zwillingsbruder stammen, die er immer noch in sich trage. Immerhin: Später outete Hamilton das selbst als „besonders dreiste Lüge“.

Vielen als Oberschummler gilt derweil der US-Sprinter Dennis Mitchell, der 1998 – und damit noch vor Dieter Baumann – erwischt wurde – und zwar mit einem erhöhten Testosteronwert. Die Erklärung hierfür: Fünf Flaschen Bier und mindestens vier Mal Sex mit seiner Frau in der Nacht zuvor. „Es war ihr Geburtstag und die Lady hatte sich das verdient“, soll Mitchell, der übrigens auch „The green machine“ genannt wurde, allerdings wegen seiner grünen Rennanzüge, zu Protokoll gegeben haben. Die alten Herren vom Leichtathletik-Weltverband sperrten ihn dennoch. Die Geschichte – vier Mal in einer Nacht – konnten sie ihm nun wirklich nicht glauben.

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Erstellt:
2. Juli 2020, 07:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 43sec

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