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Ein prall gefülltes Leben

Neuruppin (red) – Theodor Fontane auf dem Sockel in Neuruppin, wo er vor 200 Jahren am 30. Dezember geboren wurde. Der Schriftsteller, berühmt für seine Berichte über die Mark Brandenburg und die späten Romane, brillierte mit sprachlichem Feinschliff und Dialogkunst (Foto: dpa).

Theodor Fontane schrieb seine drei großen Romane in späten Jahren und strahlte Ruhe aus bis zuletzt.dpa

© picture alliance/dpa

Theodor Fontane schrieb seine drei großen Romane in späten Jahren und strahlte Ruhe aus bis zuletzt.dpa

Von Hans Wolf

„Er gehörte zu diesen unglücklichen Naturen, die auf der bösen Kippe stehen: auf dem schmalen Grenzseil zwischen Literatur und Leben“, schrieb Tucholsky über ihn. Ein so prall gefülltes Leben lässt sich auf engem Raum nur im allerkürzesten Zeitraffer wiedergeben: Am 30. Dezember 1819 wird Theodor Fontane als Sohn des Apothekers Louis Fontane und dessen Frau Emilie im brandenburgischen Neuruppin geboren.

Mit lückenhafter Schulbildung beginnt er seine Jugendlaufbahn als Apothekerlehrling, entsagt 1849 dem aufgezwungenen Beruf, heiratet 1850 seine Frau Emilie und führt anschließend ein bewegtes Journalistenleben meist in Berlin, zeitweise auch in Großbritannien. Erste Gedichte entstehen: „Eigen war mein Weg und Ziel.“

Die Aufenthalte in England und Schottland schärfen ihm den Blick, seine Reiseberichte sind eine einzige bittere Klage über die Borniertheit und Bürokratie der preußischen Behörden. England ist ihm das „Eiland im Silbersee“. Die voluminösen Reisefeuilletons wie auch die späteren, peu à peu entstandenen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ bilden ein gewaltiges Präludium für sein kommendes, sein eigentliches Werk. 1878: Fontane ist fast 60, als sein Roman „Vor dem Sturm“ erscheint, ein erster Vorhall dessen, was ihm einen bleibenden Platz in der deutschen Literaturgeschichte sichern wird.

„Ich fange erst an“, schreibt Fontane an seinen Verleger Wilhelm Hertz, „nichts liegt hinter mir, alles vor mir…“ Vor ihm liegt eine Reihe von weiteren 16 Romanen, deren Qualität sich bis zu den Gipfeln der drei großen Alterswerke steigern wird. Das erste dieser drei, „Frau Jenny Treibel“, erschienen 1893, ist im Grunde gar kein Roman, sondern eine Gesellschaftskomödie mit einer durchgängigen Handlungsbeschreibung, blitzend von ironisch gefärbten Dialogen im Stil Oscar Wildes. Das Buch steht im Zentrum des Fontanes’chen Weltbildes, es ist gleichsam die Achse, um die alle übrigen Werke sich drehen. Auch das nächste.

„Effi, komm.“ Dreimal im Text ergeht die Aufforderung an die Hauptperson jenes Romans, der seinem Autor schließlich den endgültigen Ruhm bescherte. Es ist wie eine Anrufung der Muse, und Effi ist dem Autor tatsächlich leibhaftig erschienen, in Gestalt einer jungen Engländerin: „Als ich an einem kleinen Marmortisch“ (während eines Urlaubs in einem Harzer Hotel) „mein Abendbrot verzehrte, stand an der Balkonbrüstung ein englischer Backfisch, ganz so aussehend, wie ich Effi im ersten Kapitel geschildert habe. Da hatte ich dann die Gestalt, die ich brauchte.“

Folgerichtig beginnt das Buch mit einem Anglizismus. „Effi Briest“, 1896 erschienen, ist bis ins Kleinste durchkomponiert, minimalste Arabesken werden der Handlung mit vollendeter Artistik dienstbar gemacht. Der Roman ist große Kunst, gerade weil ihm der gewisse Ruch scheinbar naiver Kolportage anhaftet, weil er ganz leicht mit trivialen Versatzstücken spielt.

„Wenn ich das Gegenteil gesagt hätte, wäre es ebenso richtig“, lässt Fontane sein Widerbild Dubslav von Stechlin in seinem letzten Roman eine Wahrheit aussprechen, die ihm als Richtschnur für sein gesamtes Schaffen gilt.

Die großen Autoren stellen ihre Werke mit kleinen Spiegeln voll, die wie in den Gemälden der niederländischen Meister das Porträt ihres Schöpfers zeigen. „Der Stechlin“ ist ein solches Selbstporträt. „Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich“, teilt Fontane in einem Brief mit, „das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.“ Ähnlich wie „Frau Jenny Treibel“ ist auch dieses Alterswerk eigentlich ein großformatiges Theaterstück mit einem aufs Feinste gesponnenen Handlungsfaden und einer Dialogführung, die in ihrer Lebensnähe ihresgleichen sucht. Der Roman wurde von Oktober bis Dezember 1897 als Vorabdruck in der Stuttgarter Wochenschrift „Über Land und Meer“ veröffentlicht. Die Buchausgabe hat Fontane nicht mehr erlebt.

Zu bewundern ist die Gelassenheit, mit der er, der weit über Siebzigjährige, noch einmal Tag für Tag die Seiten füllt, zu bewundern die mühsam errungene Ausdauer und Geduld, wo doch eigentlich längst Resignation herrscht. Denn die Hervorbringung solcher Spätwerke ist umgeben von scharfer Zugluft, die Eigenbewegung der Zeit wird im Alter rascher, die nur leidlich unterdrückte Nervosität – „wie lange halten Körper und Geist noch durch?“ – schleicht sich zunehmend in den Schaffensprozess hinein und gibt ihm die dunklen Tinten.

„Mein Leben“, schreibt Fontane im gleichnamigen Gedicht, „ein Leben ist es kaum, / Ich gehe dahin als wie im Traum. / Wie Schatten huschen die Menschen hin, / Ein Schatten dazwischen ich selber bin. / Und im Herzen tiefe Müdigkeit – / Alles sagt mir: Es ist Zeit…“ Er strahlte Ruhe aus, bis zuletzt.

Am 20. September 1898 ist Theodor Fontane in seiner Berliner Wohnung gestorben. Gesichter lügen nicht. Man sehe sich die späten Fotos an. Es gibt ein Kriterium, nach dem man einen Menschen beurteilen kann: Würdest du in deiner letzten Stunde seinen Trost suchen? Fontane war so ein Mensch.

Ein prall gefülltes Leben

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Erstellt:
30. Dezember 2019, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 25sec

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