Eine Alltagsgeschichte bildgewaltig erzählt

Los Angeles (marv) – Die mexikanische Netflix-Produktion „Roma“ hat am Montagmorgen deutscher Zeit zehn Chancen auf den Academy Award. Das Schwarz-Weiß-Drama von Alfonso Cuarón erzählt die Geschichte der Haushälterin Cleo (Yalitza Aparicio; Foto: Netflix/dpa).

Regisseur in Aktion: Alfonso Cuarón (links) und Yalitza Aparicio bei den Dreharbeiten zu „Roma“. Carlos Somonte/Netflix

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Regisseur in Aktion: Alfonso Cuarón (links) und Yalitza Aparicio bei den Dreharbeiten zu „Roma“. Carlos Somonte/Netflix

Von Marvin Lauser

Dieser Film nimmt sich Zeit. Zwei Stunden und 15 Minuten insgesamt. Egal wie dramatisch die Situation, wie aufwühlend die Handlung gerade sein mag, Hektik entsteht im SchwarzWeiß-Drama „Roma“ nie. Der zweifache Oscarpreisträger Alfonso Cuarón zeichnet verantwortlich für Regie, Drehbuch, Kamera und Produktion.

Schon die Einstiegsszene, banaler könnte sie kaum sein, zieht der Mexikaner in die Länge und verleiht ihr mit einer tollen Nahaufnahme eines Flugzeugs, das sich in Seifenwasser spiegelt, einen besonderen Anstrich. Völlig entgegen heutiger Sehgewohnheiten kommt Cuaróns Kameraführung daher. Statt Jumpcuts und schneller Orts- und Szenenwechsel liefert „Roma“ den Zuschauern sanfte Übergänge, sehr lange Einstellungen und langsame Kameraschwenks. Die Rezipienten können sich außerdem über ein perfektes Zusammenspiel von Bild und Ton sowie toll arrangierte Umgebungen freuen. Es ist daher keine Überraschung, dass das Drama für zehn Academy Awards nominiert wurde. Netflix hat aber bereits vor der Oscarverleihung allen Grund zu jubeln: Mit „Roma“ ist der Streamingdienst erstmals mit einer Eigenproduktion in der wichtigsten Kategorie vertreten.

166 Preise hat der Streifen laut Internet Movie Database (IMDb) bereits gewonnen, darunter vier Bafta-Masken bei den British Academy Film Awards sowie zwei Golden Globes. Bei den Filmfestspielen von Venedig sorgte „Roma“ im vergangenen Jahr für ein Novum: Zum ersten Mal wurde eine Netflix-Produktion mit dem renommierten Goldenen Löwen ausgezeichnet. Damit ist Netflix echte Konkurrenz zum Kinofilm, der großen, angestammten Produktionsfirmen, die sich immer auch als die Königsklasse der Filmemacher sehen.

Warum heißt der Film „Roma“? Cuarón, der den Film fast komplett aus seinen Kindheitserinnerungen komponiert hat, benannte sein Werk nach der Colonia Roma, einem Stadtteil von Mexiko-Stadt. Sogar die im Film gezeigte Hausnummer 21 in der Calle Tepeji gibt es wirklich.

Der Film erzählt die sehr persönliche Geschichte der wohlhabenden Familie Antonio im Mexiko der 70er-Jahre. Cuarón legt dabei einen Fokus auf die indigene Haushälterin Cleo, von Yalitza Aparicio bei ihrem Leinwand-Debüt derart authentisch gespielt, dass sie direkt in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ für den Oscar nominiert wurde. Obwohl Aparicio ihre Rolle überzeugend, ausdrucksstark und ohne viele Worte spielt, werden ihr keine großen Chancen auf eine Auszeichnung in dieser Kategorie eingeräumt. Die 71-jährige Hollywoodlegende Glenn Close („Die Frau des Nobelpreisträgers“) gilt als klare Favoritin.

Cleo spricht im Film Mixtekisch und Spanisch. In der Originalfassung ist das sogenannte Codeswitching, der Wechsel zwischen den Sprachen, eindrucksvoll zu beobachten. Wenn die Bediensteten Cleo und Adela unter sich sind, Arbeiten erledigen oder Freizeitbeschäftigungen nachgehen (ein schickes Kino im Americana-Stil entpuppt sich als zentrale Anlaufstelle) fällt die indigene Sprache Mexikos besonders auf.

Unglaublich detailverliebt und angenehm beiläufig wird die Handlung in einen zeitlichen Kontext gefasst. Ein Plakat von der Fußballweltmeisterschaft, die 1970 in Mexiko stattgefunden hat und ein Sticker des WM-Maskottchens Juanito am Schrank des Kinderzimmers geben Hinweise auf die Zeit, in der das Geschehen spielt.

Cuaróns Drama wirkt sehr realistisch – die Charaktere sind nahbar und zugänglich, ihre Probleme wirken aus dem Leben gegriffen. So passt auch das etwas abrupte Ende gut zu diesem eindrucksvollen Film. In einer tollen Einstellung steigt Cleo an einem sonnigen Sommertag die Stufen zum Dach empor, ehe sie aus dem Blickfeld der Zuschauer gerät.

„Roma“ könnte, auch wenn es angesichts der Konkurrenz unrealistisch erscheint, am frühen Montagmorgen deutscher Zeit Geschichte schreiben, wenn die Oscars im Dolby Theatre in Los Angeles vergeben werden. Historisch wäre es vor allem, wenn das Drama als „Bester Film“ ausgezeichnet würde und zudem den Auslands-Oscar erhielte. Das ist noch keinem „nicht-englischsprachigen“ Film gelungen. Dies wiederum spricht für die Klasse vieler Netflix-Produktionen, die auch bei den Zuschauern gefragt sind. Nach der freien Zeiteinteilung, die laut einer Studie im Auftrag von „nextMedia.Hamburg“ für 84 Prozent der zahlenden Nutzer am wichtigsten ist, haben 60 Prozent der User ihr Abo wegen der Qualität der Inhalte abgeschlossen.

Eine Alltagsgeschichte bildgewaltig erzählt

© dpa

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Erstellt:
22. Februar 2019, 00:00 Uhr
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