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Es gibt kein Warenhaus der Bildung

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch alle zwei Wochen philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um die Frage: Verkommt Bildung zur Ware?

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Von Wolfram Frietsch

Wie steht es heute um Bildung? Mutiert nicht eine Ausbildung lediglich zur Qualifikation und hat mit Bildung als Bildung wenig bis gar nichts mehr zu tun? Steht nicht im Mittelpunkt von Bildungsprozessen die Konzentration auf das „Wesentliche“ und das ist: die Qualifizierung auf den zukünftigen Beruf oder die Optimierung gewisser Kompetenzen für ein Universitätsstudium? Was fange ich dabei mit Franz Kafka, Goethe oder einer Beethoven Symphonie an, wenn ich ein Auto repariere oder mich in der Bank um Aktien und Derivate kümmere?

Die vom amerikanischen Psychologen Abraham Maslow (1901–1970) entwickelte Bedürfnispyramide zeigt, dass Menschen sich erst dann um Werte wie Bildung, Kultur oder Selbstverwirklichung kümmern, wenn Essen, Schlafen, Wohnen, Einkommen und so weiter garantiert sind. Verkommt Bildung zur Ware, die erst „gekauft“ wird, wenn Grundbedürfnisse gesättigt sind?

Dynamisch und nicht beherrschbar

Selbst wenn es den Anschein haben mag, Bildung könne erworben werden, gleich wie Besitz, ist dies streng genommen nicht der Fall, weil unsere Verfügungsgewalt über Besitz eine andere ist. Bildung kann weder erstanden noch veräußert, noch aufbewahrt oder verkauft werden. Ein Ding, das wir besitzen, kann sich unserem Einfluss nicht verweigern. Bildung aber entzieht sich bis zu einem gewissen Grad unserer Verfügungsgewalt. Sie kann abhanden oder zuhanden kommen. Sie kann neue, ungeahnte Welten erschließen, Vorurteile auflösen und unvorhersehbar die Richtung verändern. Bildung ist dynamisch und weder beherrschbar – weil sie sich des gewaltsamen Zwanges entzieht – noch beliebig abrufbar.

Sie kann sich uns verweigern und doch mit Begriffen wie richtig, falsch, nützlich, interessant oder ergreifend bezeichnet werden. Doch sie zu messen ist befremdlich. Ich kann doch zu einer Stunde Unterricht nicht sagen: Gut, das waren jetzt 60 Minuten, damit sind vier Pfund Weisheit erworben oder der IQ ist um 0,003 Prozentpunkte gestiegen.

Gleichwohl gibt es Berührungspunkte zwischen Ware und Bildung. Bildung kostet etwas. Man muss in Bildung investieren. Bildung kann nützlich sein, muss es aber nicht. In der Handhabung, wie in der Art und Beschaffenheit gibt es erhebliche Unterschiede. Werden diese nicht gesehen, entsteht eine merkwürdige Schieflage. Wären Wissen und Bildung lediglich Handelswaren, müsste man nur herausfinden, was jemand bereit ist, für eine zuvor festgelegte Maßeinheit an Bildung zu bezahlen. Bildung ist aber nicht käuflich. Es lässt sich kein Deal abschließen, der darauf beruht, dass gegen Bezahlung Wissen über eine fiktive Ladentheke geschoben wird. Wissen kann nicht ausgeliefert und bezahlt werden wie ein Stuhl oder ein Hammer. Ein Warenhaus der Bildung existiert nicht.

Zeit, Frust und Motivation investieren

Es gehört immer ein Mehr dazu, Bildung als Bildung zu erwerben. Es bedarf der Fähigkeit, Zeit zu investieren, sich auf etwas einzulassen, zu scheitern, frustriert oder motiviert zu sein oder einfach, sich mit etwas beschäftigen zu wollen. Sobald die Vorstellung vorherrscht, Bildung könne gemacht, fabriziert oder gehandelt werden, ohne dass Ich als Ich daran beteiligt bin, so lange werde ich scheitern. Bildung umfasst alles, mich als ganzen Menschen, mein Gegenüber, die Welt, in der ich lebe, meine Vergangenheit, meine Gegenwart, meine Zukunft. Bildung ist kein Bruttoinlandsprodukt, genauso wenig wie Freundschaft. Bildung entzieht sich immer der Kosten-Nutzen Kategorie. John F. Kennedy soll gesagt haben: „Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung, keine Bildung.“ Paradoxerweise erklärte er damit wirtschaftlich, was wirtschaftlich nicht erklärt werden kann. Aber, auch das ist Bildung!

Heiner Hastedt: Was ist Bildung? Eine Textanthologie. Stuttgart 2012.

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Erstellt:
29. März 2020, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 46sec

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