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Fußballer entscheiden über Saisonabbruch

Baden-Baden (moe) – Morgen steht endlich die Entscheidung an: Beim außerordentlichen Verbandstag des Südbadischen Fußballverbands wird am Samstag über einen Abbruch der Fußballsaison abgestimmt.

Anders als hier beim Verbandstag in Denzlingen 2019 wird morgen nur virtuell abgestimmt. SBFV

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Anders als hier beim Verbandstag in Denzlingen 2019 wird morgen nur virtuell abgestimmt. SBFV

Von Moritz Hirn

Sebastian Scholl ist sich der Schwere der Aufgabe durchaus bewusst, kampflos das Feld räumen gehört aber mitnichten zum Matchplan des Fußballfunktionärs. „Es ist natürlich immer schwierig, gegen eine Beschlussvorlage des Verbands anzugehen“, sagt der Vorsitzende des FC Neuweier, versuchen wird er es dennoch. Allerdings nicht alleine: Insgesamt 28 Vereine haben sich im Vorfeld der morgigen außerordentlichen Verbandsversammlung zusammengeschlossen – aus dem Bezirk Baden-Baden sind der Rastatter SC/DJK, FC Obertsrot, SV Bühlertal und der SV Sasbachwalden dabei – und einen Antrag eingereicht. Kern des Ansinnens: Bei dem zu erwartenden Abbruch der eingefrorenen Saison sollen nicht nur die Meister der einzelnen Ligen direkt aufsteigen, sondern auch Mannschaften auf den Relegationsplätzen.

„Wenn sich jeder die Argumente nochmal verdeutlicht“, so Scholl, dessen FCN bei der reinen Umsetzung der Beschlussvorlage des Südbadischen Fußballverbands (SBFV) maximal unglücklich am Aufstieg in die Kreisliga A scheitern würde, könnte es durchaus eine Mehrheit für den Vorschlag geben, glaubt der Vereinsvorsitzende, denn: „Er schadet niemand!“

28 Vereine monieren Benachteiligung


In einigen Punkten liegt die Allianz der 28 Clubs auf Linie mit der Beschlussvorlage des Verbands, etwa dass die unterbrochene Saison zum 30. Juni für beendet erklärt werden soll. Auch mit dem Verzicht auf Absteiger gehen die Antragssteller d’accord, gleiches gilt für die Ermittlung der Meister durch die Quotientenregelung, bei der erzielte Punkte durch die Anzahl der absolvierten Spiele dividiert wird. In einem Punkt allerdings gehen der Verbandsvorschlag und das Ansinnen der Vereine auseinander: „Sicherlich ist es sachgerecht und auch juristisch vertretbar, nur direkte Aufsteiger zu ermitteln. Den Mannschaften auf den Relegationsplätzen, unabhängig in welcher Liga, jedoch die Aufstiegschancen von vornherein zu nehmen, halten wir generell, moralisch und besonders aus sportlichen Gründen nicht für korrekt“, heißt es in der Antragsbegründung. Scholl ergänzt prägnant: „Unser Antrag ist ein Tick fairer.“

Während Scholl im Rahmen der virtuellen Versammlung das Wort ergreifen wird, um den Delegierten, die bereits im Vorfeld über die Anträge eingehend informiert wurden, das Anliegen nochmals persönlich zu erläutern, ist Matthias Dorsner zum Zuschauen verdammt. Der Vorstand des Rastatter SC/DJK ist einer der Initiatoren innerhalb der Allianz der Aufstiegswilligen, schaffte es aber bei der bezirksinternen Wahl der Delegierten nicht auf einen der 26 Plätze. Das findet der Rastatter nicht weiter schlimm, schließlich fühlt er sich gut vertreten – nicht zuletzt durch seinen Kollegen Scholl. Auch Dorsner hat derweil das Thema Fairness im Blick. Bei der Entscheidung „geht es nicht um uns, sondern um alle Zweitplatzierten in Südbaden“, sagt er und appelliert an das Gewissen der Delegierten. „Man muss das Gefühl haben, gerecht behandelt zu werden“, betont Dorsner und fügt bezüglich des SBFV-Beschlussvorschlags an: „Das Gleichgewicht passt nicht.“

SBFV-Vorlage „lässt Herzblut vermissen“


Diese Einschätzung hat vor allem mit der Argumentationslinie des Verbands zu tun. Seitens des SBFV werde suggeriert, „dass ein Abstieg nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich in der Regel schwerer wiegt als ein Nichtaufstieg und es deshalb keine Absteiger geben soll“, monieren die Antragsteller. Dem müsse man aufgrund der Fairness und des Respekts gegenüber den sportlichen Leistungen der Zweit- und Drittplatzierten „deutlich widersprechen“. Unterhalb der überregionalen Ligen spiele das vorgebrachte Argument „eher keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle, wir sprechen hier über Amateursport pur“.

In einigen Ligen gebe es Mannschaften, die im einstelligen oder niedrigen zweistelligen Punktebereich abgeschlagen am Tabellenende“ stünden. Gleichsam gebe es Staffeln, in denen sich mehrere, nur knapp voneinander getrennte Teams berechtigte Hoffnungen auf den Aufstieg machen dürften. „Diese werden nun dadurch bestraft, dass ihnen ihre Aufstiegsspiele über die Relegationsspiele genommen wird, während die Tabellenletzten ihre ,Abstiegspflicht‘ nicht ausüben müssen“, heißt es in der Antragsbegründung. Diese Herangehensweise lasse „das Herzblut für unseren geliebten Fußball vermissen und ist aus Gründen der sportlichen Fairness nicht nachvollziehbar“. Man könne nicht einem Verein (Abstieg) einen Vorteil verschaffen, einen anderen (Relegationsteilnehmer) aber mit einem Nachteil belegen.

BT-Umfrage: Mehrheit für Abbruch

Der durchaus pathetische Appell verfängt beim Verband allerdings nicht: Beim SBFV hat man sich im Vorfeld der morgigen Abstimmung nach eigenen Angaben nach „intensiver Diskussion und Abwägung aller Konsequenzen“ dazu entschlossen, am bisherigen Vorschlag festzuhalten – also den Antrag nicht in die Beschlussvorlage einzuarbeiten. Damit weicht man in Südbaden von Entscheidungen anderer Verbände ab. In Schleswig-Holstein oder beispielsweise in Hessen wurde – teilweise auf Initiative von Vereinen – das Aufstiegsrecht erweitert. Die Freiburger Funktionäre begründen ihre diesbezügliche Reserviertheit vor allem mit der steigenden Staffelgröße im neuen Spieljahr – im konkreten Fall würde die Verbandsliga beispielsweise bei einer Entscheidung für den Antrag auf 20 Teams (plus vier) anwachsen, in Landes- und Bezirksliga müssten zwei Mannschaften zusätzlich aufgenommen werden, in den Kreisligen A eine.

„Dies würde zu einem erhöhten Abstieg in den nächsten Jahren führen. Da zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehbar ist, wann die Saison 2020/21 starten kann, würde die Größe der Staffeln zu erheblichen Problemen in der Umsetzung führen und unter Umständen viele englische Wochen erfordern“, argumentiert der SBFV. Scholl und Dorsner lassen den Verweis auf den logistischen Mehraufwand nicht gelten, der RSC/DJK-Vorstand ist stattdessen der Meinung: „Organisatorisch ist das alles machbar!“

Bei einer BT-Umfrage vor rund zwei Wochen wollte eine Mehrheit der Bezirks-Delegierten für einen Saisonabbruch stimmen. BT-Infografik: Vogt

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Bei einer BT-Umfrage vor rund zwei Wochen wollte eine Mehrheit der Bezirks-Delegierten für einen Saisonabbruch stimmen. BT-Infografik: Vogt

Inwieweit das andere Vereine beziehungsweise deren Delegierte ähnlich sehen, wird sich morgen zeigen, wenn um 11 Uhr der Verbandstag und in dessen Verlauf die virtuelle Abstimmung beginnt. Bei einer BT-Umfrage unter den 26 Delegierten des Bezirks Baden-Baden vor zwei Wochen ergab sich ein klares Bild: 16 stimmberechtigte Vereinsvertreter wollten für einen Saisonabbruch stimmen, fünf für eine Fortsetzung, weitere fünf waren unentschieden. Natürlich sei nicht klar, wie es letztlich ausgeht, sagt Matthias Dorsner, „aber ich bin durchaus zuversichtlich. Ich habe viel positive Resonanz erfahren, unser Antrag ist nachvollziehbar“.

Weitere Anträge und Liveübertragung

Satte 28 Seiten sind die Unterlagen für den außerordentlichen Verbandstag des Südbadischen Fußballverbands (SBFV) – der erst dritte seiner Art und der erste seit 1994 – dick. Darin wird unter anderem über anstehende Satzungsänderungen – teils Corona-bedingt – informiert, vor allem aber über die fristgerecht eingereichten Anträge. Im Fokus steht neben der SBFV-Beschlussvorlage der Antrag von 28 Vereinen, die eine Erweiterung des Aufstiegsrechts auf Vereine auf Relegationsplätzen ausweiten wollen. „Das wird das beherrschende Thema sein“, glaubt SBFV-Pressesprecher Thorsten Kratzner.

Es gibt aber noch weitere Anträge, über die die 232 Delegierten morgen abstimmen. Es geht etwa um eine mögliche Verpachtung des verbandseigenen Sporthotels „Sonnhalde“ in Saig. Aus sportlicher Sicht interessanter ist die Frage, wie es mit den Verbandspokalwettbewerben weitergeht, die aufgrund von Corona nach wie vor auf Eis liegen. Der Vorschlag des SBFV sieht vor, dass die noch ausstehenden Spiele ausgetragen werden sollen, sofern dies die Coronalage bis zum Ablauf der Meldefrist für den DFB-Pokal – ein Datum hierfür steht noch nicht fest – möglich ist. Sollte dies die Krisenlage zum Meldetermin nicht zulassen, soll der Teilnehmer am DFB-Pokal im Losverfahren bestimmt werden. (moe)

Ab 11 Uhr kann der Verbandstag live im Internet auf Youtube verfolgt werden. Weitere Infos und der Link zum Livestream unter:


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